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Sinn Spezialuhren wird 50 : Rödelheimer Zeitzeichen

Oil inside: die Kampftaucheruhr UX GSG 9 von Sinn Bild: Frank Röth

Es muss nicht immer „Swiss Made“ sein: Seit 50 Jahren vertreibt Sinn eigene Uhren von Rödelheim aus. Der Betrieb macht gute Geschäfte und muss einstellen, stößt aber an Grenzen.

          Das ungewöhnlichste Stück liegt hinter Glas unter Wasser, wie eine Muschel zwischen Grünpflanzen. Dort, wo Uhren gemeinhin nicht liegen. Doch Sinn leistet sich in seinem Verkaufsraum diesen Gag. Schließlich versteht sich der Mittelständler als Hersteller von „Spezialuhren zu Frankfurt an Main“. Und das in einem Aquarium gezeigte Modell namens UX GSG 9 erscheint besonders speziell im Vergleich zu anderen Uhren aus dem Unternehmen in Rödelheim, das vor 50 Jahren von Helmut Sinn gegründet wurde. Nicht wegen des Gehäuses aus seewasserbeständigem deutschem U-Boot-Stahl – auch andere Sinn-Uhren sind aus diesem Material gefertigt. Auch nicht nur, weil die Krone zum Einstellen der Zeit links oben am Gehäuse sitzt statt rechts und mittig, wie es üblich ist. Schon eher wegen des entspiegelten und vor Beschlag unter Wasser geschützten Glases und des kratzfesten Gehäuses. Doch das hervorstechendste Merkmal dürfte das von Öl umgebene Innere samt Quarzwerk sein.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schließlich sind Quarzuhren von Sinn unter den Dutzenden Modellen fast an einer Hand abzuzählen – in den anderen Produkten der Rödelheimer ticken Handaufzugs- oder Automatikwerke. Vor allem aber soll die UX GSG 9 auch in 5000 Meter Tiefe noch funktionieren und das Gehäuse sogar zwölf Kilometer unter dem Meeresspiegel seine Form halten. Zum Vergleich: Andere Taucheruhren von Sinn sollen bis 1000 Meter Tiefe wie gewohnt funktionieren. Das Werk der UX GSG 9 versieht den Dienst von 20 Grad unter Null bis zu 60 Grad Celsius, wie Sinn verspricht. Dabei ist der nachgebende Boden wichtig: Wenn das Öl sich unter Hitze ausdehnt, wölbt er sich nach außen, bei Kälte dagegen nach innen. Der Normalbürger braucht eine solche Uhr höchstens aus Prestigegründen, die sogenannten maritimen Einheiten der Bundespolizei-Spezialeinheit benötigen sie dagegen im Alltag: „Die GSG 9 hat sich eine solche Uhr gewünscht“, sagt Lothar Schmidt. Er hatte 1981 bei der Schweizer Nobelmarke IWC in Schaffhausen angefangen und übernahm 1994 die Sinn Spezialuhren GmbH vom Gründer. Helmut Sinn verkaufte aus Altersgründen, erwarb aber 1995 die Marke Guinand und ist weiter am Markt.

          Neue Ideen entstehen im Stammhaus

          Das Gehäuse der Kampftaucheruhr wird vom sächsischen Tochterbetrieb SUG in Glashütte hergestellt; diese Firma fertigt zudem die Gehäuse aus U-Boot-Stahl, jene für besondere Fliegeruhren sowie für technische Zeitmesser. Gleiches gilt für das Goldgehäuse der neuen Finanzplatzuhr mit drei Zeitzonen. In Rödelheim, wo 72 Frauen und Männer für Sinn arbeiten, werden neue Produkte ersonnen und etwa drei Viertel aller Uhren des Hauses zusammengebaut. Nicht zu vergessen die jeweils ersten Modelle eines Typs, die sogenannten Piloten.

          Rödelheimer Detailverliebtheit: Rotor einer Automatikuhr mit eingravierter Skyline und Frankfurt-Schriftzug

          Auch sitzt der Kundendienst im weißen Firmenbau an der Straße Im Füldchen. „Wenn eine Uhr ein bisschen Vorlauf hat, versuchen wir, das gleich zu regeln“, erläutert Schmidt – „so wie früher beim Uhrmacher um die Ecke“. Zeiger, Zifferblätter und die Basiswerke kauft Sinn zu und veredelt sie mit den eigenen Technologien. Dazu gehört zum Beispiel die Temperaturresistenz: Per Sinn-Spezialöl sorgt der Anbieter für eine „alterungsbeständige Schmierung“ der beweglichen Teile, die deswegen von minus 45 Grad bis plus 80 Grad laufen sollen. Nicht ohne Stolz sagt Schmidt, der zur Schweizer Swatch Group zählende Werkehersteller Eta freue sich, welche Temperaturen seine Automatiken so aushielten, wenn sie durch die Hände der Sinn-Fachleute gegangen seien.

          „Die Hälfte haben wir selbst ausgebildet“

          Der kleinere Teil der Sinn-Produkte wird vom thüringischen Dienstleister S & S, der nur für die Rödelheimer tätig ist, und zwei Firmen in der Schweiz zusammengebaut. „Weil wir nicht alles schaffen“, erläutert der Inhaber. Unter den 72 Mitarbeitern in Frankfurt finden sich 45 Uhrmacher und Entwickler. „Die Hälfte davon haben wir selbst ausgebildet.“ Vier junge Leute lernen gerade bei Sinn. Sie dürfen auf eine feste Stelle hoffen, denn der Betrieb muss angesichts der gut laufenden Geschäfte neue Kräfte einstellen, wie Schmidt sagt. Der Haken: Für mehr als für zwei Neue ist kein Platz im Stammhaus: „Wir stoßen räumlich an die Grenze.“ Das ist nicht zuletzt so, weil Wohnhäuser die Fabrik umgeben.

          Im Empfang und im Verkaufsraum herrscht regelmäßig ein reges Kommen und Gehen. Schmidt legt Wert darauf, dass die Kunden stets auf eine Fachkraft treffen. Der typische Kunde ist männlich, technisch interessiert, aber bodenständig. Er setzt auf Understatement statt auf Prahlerei, wie der Inhaber sagt. Das bedeutet auch: Wer ein Preisschild mit Zeitanzeige am Handgelenk will, kommt eher nicht zu Sinn. Obwohl die Uhren im Vergleich zu anderen namhaften Marken angesichts der Preisspanne von knapp 1000 Euro bis gut 4200 Euro für Uhren aus Stahl nicht teuer sind, sparen laut Schmidt viele „Sinn-Freaks“ lange auf eine Uhr – „das sind gleichzeitig unsere kritischsten Kunden und besten Werbeträger“, sagt Marketingchefin Simone Richter, nach deren Worten vermehrt Frauen den Weg in die Fabrik finden. „Und zwar, um eine Uhr für sich zu kaufen, nicht für ihren Mann.“

          Eintracht-Adler auf dem Zifferblatt

          Unter den Damenuhren finden sich Schmuck-Stücke: Produkte aus Weißgold mit Brillanten zum Beispiel. Sie setzen sich von den Fliegerchronographen ab, bei denen die Funktionalität und Ablesbarkeit Vorrang vor optischen Reizen haben. Schnickschnack findet sich bei auch bei anderen Uhren, aber eher versteckt: So bei der Taucheruhr mit dem Logo der Sylter Sansibar oder dem Modell mit dem Eintracht-Adler. 500 Stück gibt es davon jeweils. Insgesamt stellt Sinn im Jahr rund 14.000 Uhren her.

          Weltraumgetestet

          Der Uhrenhersteller Sinn trägt den Namen des Gründers: Der Fluglehrer und Kriegspilot Helmut Sinn rief den Betrieb 1961 ins Leben. Er entwickelte Navigationsboruhren und Fliegeruhren mit Stoppfunktion, die in der Schweiz gefertigt wurden. „Piloten haben Sinn-Zeit“, lautete ein Werbespruch. Am Handgelenk des Astronauten Reinhard Furrer flog 1985 eine „Sinn“ ins All. Anders als früher steht nicht mehr „Swiss Made“ auf dem Zifferblatt, sondern „Made in Germany“. „Wir zeigen den Schweizern, dass wir auch Uhren bauen können“, sagt Inhaber Lothar Schmidt, Chef von 72 Mitarbeitern in Rödelheim. (thwi.)

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