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Veröffentlicht: 28.03.2017, 09:33 Uhr

„Shared Service Center“ „Es liegt nicht an den Kollegen in Rumänien“

Ein Lieferant wartet wochenlang auf Geld von einem Abnehmer. Auf eine Beschwerde hin heißt es: Die Firma hat die Buchhaltung teilweise nach Osteuropa ausgelagert. Die Spurensuche beginnt.

von , Frankfurt/Hanau
© Heraeus Drehscheibe: Produktion in der Kulzer-Fabrik in Wehrheim; dort zählt die Dentalbedarf-Firma 111 Beschäftigte.

Im Grunde wundert ihn das gar nicht so sehr. Er weiß: Unternehmen zahlen oft später, als er als Lieferant es gerne hätte. Dennoch hat der Unternehmer, dessen Name nichts zur Sache tut, eines Tages genug von der Warterei auf die Überweisung. Er ruft bei seinem Kunden in Hanau an und fragt, wann er denn mit seinem Geld rechnen dürfe. „Sie sind heute schon der Dreizehnte oder Vierzehnte, der sich beschwert“, heißt es am anderen Ende der Leitung, wie der Lieferant sagt. Und dass Teile der Buchhaltung mittlerweile in Rumänien ansässig seien. Da wird der Unternehmer hellhörig, zumal ein über das Rhein-Main-Gebiet hinaus klangvoller Name im Spiel ist: Heraeus.

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Genauer gesagt geht es um Kulzer. Dieser Hersteller von Materialien für Dentallabore und Zahnärzte gehört zwar seit fast vier Jahren schon nicht mehr zum Heraeus-Konzern, die ehemalige Muttergesellschaft veräußerte die Firma im April 2013 für 450 Millionen Euro an Mitsui Chemicals aus Japan. Gleichwohl hat Kulzer bis in diese Tage hinein den Vor-Namen Heraeus noch beibehalten. Erst auf der gerade zu Ende gegangenen Dental-Messe in Köln sind die Hanauer nur noch als Kulzer aufgetreten. Mit dem Wandel der Marke geht auch eine Änderung der Prozesse in der Verwaltung einher. Seit dem Verkauf hat Heraeus weiter die Buchhaltung für die Mitsui-Tochter mitgemacht – als „shared service“, wie das neudeutsch heißt.

Es gehe nur um etwas mehr als eine Handvoll Stellen

In den vergangenen Wochen aber ist die Buchhaltung nach und nach komplett an Kulzer übergegangen. Und dabei lief anscheinend nicht alles glatt. Das legen jedenfalls die Beschwerde des Lieferanten und die Aussage aus Hanau über die gehäuften Beschwerden nahe. Clemens Höß mag aber nicht von einer Häufung sprechen: „Ich weiß nichts von einem Anstieg“, sagt der auf die Beschwerde angesprochene Kulzer-Finanzchef. „Das findet sich bei uns in den Unterlagen nicht wieder“, fügt er hinzu und verweist auf „wöchentliche Calls mit allen Abteilungen“, in denen auch über Probleme gesprochen werde.

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Allerdings weiß Höß auch: Welcher Mitarbeiter gibt schon gerne zu, wenn etwas hakt? Und er gesteht zu: „Ja, es gibt Einzelfälle.“ Dass Teile der Buchhaltung von Kulzer sich mittlerweile in Rumänien befinden, stimmt nach seinen Worten auch. Das Wort „Auslagerung“ hört er in diesem Zusammenhang aber nicht gerne. Es gehe nur um etwas mehr als eine Handvoll Stellen in dem südosteuropäischen Land, die Kulzer in den vergangenen Monaten aufgebaut habe, sagt der Finanzchef zur Begründung. Höß kann auch erklären, weshalb Kulzer jetzt seine Buchhaltung umstellt. Das Unternehmen sei jahrzehntelang fester Bestandteil des ehemaligen Mutterkonzerns gewesen. Nach dem Verkauf habe es Schritt für Schritt eine eigenständige Verwaltung und IT schaffen müssen. Nun sei es notwendig gewesen, sich vom „shared service“ zu verabschieden.

Reiche ein Lieferant eine Rechnung auf Papier ein, gehe sie in Hanau ein – eine elektronisch verschickte Rechnung leite das Systeme nach Rumänien weiter. „Die Freigabe erfolgt aber durch Hanau“, sagt Höß. Die Zentrale in Hanau, wo Kulzer 432 Mitarbeiter zähle, habe die rumänischen Kollegen geschult, derzeit laufe die „heiße Übergangsphase“. „In der Peak-Phase kann schon mal etwas schiefgehen“, sagt der Finanzchef und will das als Feststellung verstanden wissen, nicht als Entschuldigung. Etwaige Fehler seien auf den Überhang zurückzuführen, sie lägen nicht an den Kollegen in Rumänien, hebt er hervor.

Zwei Gründe für eine Auslagerung nach Osteuropa

Weshalb aber befinden sich überhaupt Teile der Verwaltung in Rumänien? Höß nennt zwei Gründe: Zum einen verfüge Kulzer dort schon seit längerem über eine Fabrik. Zweitens sei ein Mitarbeiter in Hanau gut doppelt so teuer wie einer in dem Balkan-Land. Derweil heißt es beim Heraeus-Konzern: „Wir lagern keine Buchhaltung nach Rumänien aus.“

Andere Unternehmen aus der Region haben hingegen schon längst Abteilungen in Osteuropa angesiedelt. Zum Beispiel Celanese: Vor etwa zehn Jahren, drei Jahre nach der Übernahme durch den Finanzinvestor Blackstone, verlagerte der aus der Hoechst AG hervorgegangene Chemiekonzern seine globale Finanzbuchhaltung nach Budapest. Celanese zentralisierte dabei seine Buchhaltung, die zuvor auf 30 Standorte weltweit verteilt war und zudem mit nicht aufeinander abgestimmten Systemen arbeitete. Die Verlagerung kostete 50 Arbeitsplätze in Kelsterbach. „Budapest wurde als neuer Standort für das globale Business Service Center ausgewählt, da dort bereits zahlreiche Service Center von internationalen Konzernen angesiedelt waren und es daher viele hochqualifizierte Arbeitskräfte gab“, sagt ein Sprecher im Rückblick. Celanese habe die Buchhaltung schrittweise in Ungarn aufgebaut. Für eine Übergangszeit habe es personelle Verstärkung gegeben. Mittlerweile bearbeiteten die Kollegen in Budapest im Jahr 400000 Rechnungen. Seien einst für 40 Tage für den Quartalsabschluss ins Land gegangen, genügten heute drei Tage.

2013 gründete Clariant in Polen ein „Shared Service Center“. 60 Stellen aus Rhein-Main verlagerte der Chemiekonzern, in dem ebenfalls Hoechst-Teile aufgingen, nach Lodz. Ähnliche Einheiten betreibt Clariant auch in Indien und in China. Wie eine Sprecherin sagt, fiel die Wahl auf Polen, weil Clariant dort seit 25Jahren vertreten ist. Die „Shared Service Center“ sollen effektiveren und wirtschaftlicheren Prozessen dienen. „Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle übergebenen Prozesse sofort und ohne Herausforderungen laufen.“

Vielleicht tröstet den Kulzer-Lieferanten diese grundsätzliche Erkenntnis. Sein Geld hat er mittlerweile auch bekommen.

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Von Jochen Remmert

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