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Auszeit-Agentur : Ideen für die große Pause

  • -Aktualisiert am

Agentur-Chefin Daniela Scholl (links) und Kundin Anja Müller Bild: Eilmes, Wolfgang

Einfach mal abschalten, um die Welt reisen oder nichts tun: Die „Auszeit-Agentur“ von Daniela Scholl berät beim Traum vom Sabbatical. Die Idee dazu kam der Chefin eher unfreiwillig.

          „Bitte nehmen Sie unbezahlten Urlaub“, teilte ihr die Firma mit. Das geschah infolge der globalen Finanzkrise 2008. Im Gegensatz zu ihren Kollegen freute sich Daniela Scholl auf die unfreiwillige Auszeit. Sie nutzte die Monate, um ihren Wohnort Frankfurt zu erkunden, dann machte sie aus der Pause ein Geschäft. 2010 gründete sie mit Iris Gadischke die „Auszeit-Agentur“, die sie seit 2013 allein führt. Seitdem hat die 42 Jahre alte Unternehmerin für jeden, der beruflich pausieren oder ein Sabbatical einlegen will, ein offenes Ohr. Viele Beschäftige sehnen sich nach einer Unterbrechung, die mehr als nur Urlaub oder Verreisen sein soll, wie sie weiß. So ein Ausstieg aus der Arbeitsroutine kann drei Monate oder auch länger als ein Jahr dauern. Die Vorhaben sind individuell, doch das Gros der Arbeitnehmer strebt danach, Neues zu lernen und zu schaffen.

          Dass in vielen Fällen noch Fragen offen sind, sah Scholl in ihrem Umfeld. Ihre damaligen Kollegen wie auch ihre alte Firma aus der Touristik-Branche hatten Informationsbedarf. Hinzu kamen Freunde, die in ihren Gedanken aus dem Alltag türmten - zumindest für eine kurze Zeit. Während die Bekannten haderten, grübelte Scholl, wo da der Hemmschuh sitzt. Eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von 2013 bestätigt ihre Beobachtung: Rund die Hälfte der Arbeitnehmer wünscht sich eine Auszeit, doch nur ein Fünftel nimmt sie sich auch. Zu groß ist bei vielen die Angst, die Stelle zu verlieren. So begegnet Scholl in ihren Beratungsgesprächen oft Bedenken ihrer Kunden. Ängsten einer Gesellschaft mit Vollkasko-Mentalität, wie sie sagt.

          Beratungsgespräche und Vorschläge für Reisen

          Davon ist auch ihre Arbeit geprägt. „Ich sehe mich als Ideengeberin, Ideenumsetzerin und Mutmacherin“, sagt die Kulturwissenschaftlerin. Die war sie auch für Anja Müller. Die 47 Jahre alte Marketing-Fachfrau reiste Anfang 2014 nach Vietnam. Doch fühlte sie sich zuvor unsicher. Als Scholl dann mit ihrem umfassenden Fragenkatalog auftauchte und daraus ein fruchtbares Gespräch erwuchs, gewann sie Mut. Nach drei Treffen stand das Ziel fest. Daniela Scholl kümmerte sich um den Kontakt zu einer Organisation, füllte englische Formulare aus, beriet Müller auch in Vietnam. Die Kundin schätzt Scholl als Frau mit Pragmatismus und Spürnase für die Interessen anderer.

          „Es ist oft der belastete, aber auch träumende Großstädter, der den Weg zu mir findet“, sagt Scholl. In ihrer Agentur landen Anfragen aus ganz Deutschland. Die meisten Kunden sind Beschäftigte mittleren Alters, ab 35 Jahren aufwärts. Doch anders als erwartet, sind es nicht nur Gutverdiener, die sie berät, sondern sehr unterschiedliche Menschen, durchaus auch mit schmalem Portemonnaie. In ihrer Kartei finden sich zudem mehr Frauen als Männer. Eine Beratungsstunde kostet 89 Euro, daneben bietet sie bereits zusammengeschnürte Leistungen: Ihr Paket M beispielsweise kostet 249 Euro, darin enthalten sind zwei Stunden Gespräch und ein bis zwei konkrete Vorschläge.

          Nach vier Jahren Agentur-Arbeit zeigt sich, dass ein Drittel ihrer Kunden wirklich wegfährt. Ein weiteres Drittel nimmt nach der Beratung doch keine Auszeit. Und hinter den übrigen Anfragen steckt ein ganz anderes Bedürfnis. „Da verbirgt sich der Wunsch nach einem anderen Job dahinter, die wollen eigentlich gar nicht zu mir“, resümiert Scholl. In Deutschland haben sich sechs Berater auf Auszeiten und Sabbaticals spezialisiert. Es ist ein kleiner Markt. Um ihre zwei Katzen zu ernähren, reicht das Geld, sagt sie und lacht. Für sie ist der Spaß an ihrer Arbeit wichtiger als ein hohes Einkommen. Trotz ihrer Expertise beginnt für sie jedes Mal die Arbeit bei null. Denn jeder Kunde ist anders, und kein Vorhaben gleicht einem davor, erklärt sie. Doch genau das hat ihre „Welt bunter gemacht“.

          Quelle: F.A.Z.

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