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Rente Nur gut ein Fünftel ist 50 oder älter

24.02.2007 ·  Der DGB wehrt sich weiter gegen die Rente mit 67. Faktisch sei die Rente mit 67 eine Kürzung, weil kaum noch ein Arbeitnehmer in den Genuss der vollen Altersbezüge komme, argumentiert die Gewerkschaft.

Von Jochen Remmert
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Indat Tas ist sich sicher. Bis 67 wird sie in ihrem Beruf, den sie vor 13 Jahren erlernt hat, nicht arbeiten können. Die 34 Jahre alte Mutter zweier Kinder ist Krankenschwester im Klinikum Offenbach, ihre Arbeitszeiten wechseln täglich: Früh-, Mittel-, Spät- oder Nachtschicht. Nicht nur der unstete Rhythmus zehrt, auch die Arbeit selbst: Patienten pflegen, waschen, umlagern – eine physisch wie psychisch schwere Arbeit.

Älter als 48 ist keine Kollegin und kein Kollege auf der Station, wie sie sagt. Die Belastung sei zu hoch. Deshalb ist Tas entschieden gegen die von der Bundesregierung geplante Anhebung des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre – und deshalb beteiligt sie sich an der Kampagne des DGB gegen diese Pläne.

Druck auf die Mitarbeiter nimmt zu

Für Stefan Körzell, DGB-Chef im Bezirk Hessen und Thüringen, bedeutet das Heraufsetzen des Rentenalters angesichts der Arbeitsbiographie der meisten Menschen nichts anderes als eine Rentenkürzung – weil sich die Abschläge erhöhen, wenn jemand vorzeitig ausscheidet. „In mehr als 50 Prozent der Betriebe in Hessen gibt es überhaupt keine Mitarbeiter über 50“, sagt Körzell. Der Druck auf die Mitarbeiter in den Unternehmen nehme eher zu als ab. Wenn die Bundesregierung aber tatsächlich annehme, die Wirtschaft werde wieder mehr Ältere beschäftigen, dann sei das weltfremd. Die Chancen für ältere Arbeitnehmer würden eher schlechter als besser. „Ehrlicher wäre es gewesen, den Leuten zu sagen, dass ihre Rente um 7,2 Prozent gekürzt wird, das bedeutet nämlich eine Anhebung des Renteneintrittsalters um zwei Jahre“, sagt der DGB-Bezirkschef.

Tatsächlich ist der Anteil der über 50 Jahre alten Frauen und Männer an der Gesamtheit der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten niedriger, als gemeinhin angenommen wird. In Hessen lag er Anfang 2006 bei gerade einmal 22 Prozent von fast 2,1 Millionen Beschäftigten. Neu ist dieser niedrige Stand nicht. Der Anteil war vielmehr in den vergangenen 32 Jahren in Hessen meist sogar noch niedriger, 1975 beispielsweise waren 19,4 Prozent, 1980 nur 18,9 Prozent, 1990 dann 20,4 Prozent und 2000 lediglich 19,5 Prozent der Beschäftigten 50 Jahre oder älter, wie es beim Statistischen Landesamt in Wiesbaden heißt. Hoch ist der Anteil dieser Altersgruppe bei den Langzeitarbeitslosen, die über Fünfzigjährigen gelten als diejenigen mit den geringsten Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Dass so wenige dieser Altersgruppe noch in Anstellung arbeiten, hat allerdings noch andere Gründe. Zweifellos scheiden nicht wenige Arbeitnehmer krankheitsbedingt aus dem Berufsleben aus. Aber: Unternehmer- wie Arbeitnehmerseite haben auch lange „gemeinsame Sache“ beim frühzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben ohne tatsächliche Not gemacht. Unternehmen hatten ein Interesse, teure ältere Mitarbeiter abzubauen, die Beschäftigten das Ziel, sich möglichst komfortabel vorzeitig vom Berufsleben zu verabschieden. Und viele Politiker sahen schließlich die Chance, die Arbeitslosenstatistik positiv zu beeinflussen, indem Vorruheständler Platz für Jüngere auf der Suche nach Arbeit machten.

Ältere müssen auf dem neuesten Stand bleiben

Aus Sicht des Einzelnen verständlich, insgesamt verhängnisvoll. Das sieht auch Volker Fasbender so und ist sich sicher: „Wir brauchen eine gesellschaftliche Neuorientierung.“ Der Hauptgeschäftsführer der hessischen Unternehmerverbände hält die Rente ab 67 für unverzichtbar, das System der Altersversorgung sei – angesichts der demographischen Entwicklung – anders nicht überlebensfähig. Die Bedenken der Gewerkschaften, dass alte Arbeitnehmer, die zu längerer Berufstätigkeit gezwungen seien, um Rentenabschläge zu vermeiden, jungen die Chance auf Jobs nähmen, hält er für falsch. Schließlich werde das Rentenalter nicht von heute auf morgen um zwei Jahre heraufgesetzt, sondern gestaffelt über 22 Jahre hinweg. Tatsächlich sieht die Reform vor, dass von 2012 an das Renteneintrittsalter zunächst zwölf Jahre lang in jedem Jahr um einen Monat steigt. Von 2024 bis 2029 soll es dann jährlich um zwei Monate nach hinten verschoben werden.

Die Gewerkschaften gingen in ihren Befürchtungen vom bisherigen Stand aus, meint Fasbender weiter, aufgrund der demographischen Entwicklung sei aber sicher, dass sich die Unternehmen immer stärker um ältere Mitarbeiter bemühten, weil es schlicht immer weniger junge gebe. Die Älteren müssten allerdings darum bemüht sein, fachlich auf dem neusten Stand zu bleiben. Wenn es nicht teurer wäre, einen älteren Mitarbeiter einzustellen als einen jüngeren, meint der Unternehmervertreter, hätten die älteren schon jetzt bessere Chancen auf einen Job. Dass die geringere Zahl jüngerer Arbeitnehmer die Chancen der älteren erhöhen werde, sagt auch das Institut für Arbeitsmarktforschung der Bundesagentur für Arbeit. Die Experten gehen aber auch davon aus, dass die Rente mit 67 diesen Effekt mindestens deutlich abbremst.

Um die Altersversorgung anders finanzieren zu können, schlägt der DGB statt eines höheren Renteneintrittsalters eine „Erwerbstätigenversicherung“ vor, in die auch geringfügig Beschäftigte, Selbständige, Freiberufler und später auch Beamte und Politiker einzahlen sollen. Letztere sieht Körzell ganz besonders in der Pflicht, denn beispielsweise die im Hessischen Landtag hätten zurzeit schon nach sechs Jahren einen Rentenanspruch in Höhe von 1840 Euro – ohne Eigenbeitrag und schon mit 55 Jahren.

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Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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