11.04.2010 · Axicorp führt Arzneimittel aus dem Ausland wieder ein und verkauft sie hierzulande. Das Unternehmen aus Friedrichsdorf vertreibt zudem Nachahmermittel. Beides nutzt den Krankenkassen. Doch durch Berliner Reformpläne sieht Axicorp nun sein Geschäftsmodell bedroht.
Von Thorsten Winter, FriedrichsdorfSo mancher Chef eines Pharmaunternehmens in Hessen reibt sich derzeit die Augen angesichts der Reformpläne der schwarz-gelben Koalition in Berlin. Vor allem im Mittelstand ist die Unruhe groß. So hat Hennig Arzneimittel in Flörsheim unter Verweis auf die Sparideen des liberalen Gesundheitsministers Philipp Rösler ein Neubauvorhaben gestoppt. Dirk Ullrich gehört ebenfalls zu denjenigen Unternehmern jenseits von „Big Pharma“, die erhebliche Nachteile auf Betrieb und Belegschaft zukommen sehen. Und das gleich aus zwei Richtungen – durch den angekündigten höheren Herstellerrabatt und die mögliche Reform der Rabattverträge mit Krankenkassen. Dabei hilft die von dem früheren Sanofi-Mann geführte Axicorp GmbH mit Sitz in Friedrichsdorf den Krankenkassen seit Anbeginn beim Sparen.
Die 2002 gegründete Axicorp gehört zu 78 Prozent dem Biotech-Konzern Biocon aus Indien und hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 133 Millionen Euro erzielt. Das Unternehmen hat zwei Geschäftszweige: den Re-Import von Arzneien und den Vertrieb von günstigen Nachahmermedikamenten, sogenannten Generika. Bei den Re-Importen handelt es sich um Originalpräparate, die in Deutschland hergestellt und zunächst exportiert worden sind. Diese Mittel kosten etwa in Griechenland oder Portugal weniger als hierzulande – was auch, aber nicht nur an der in Deutschland deutlich höheren Mehrwertsteuer liegt.
Vom Gesetzgeber ausdrücklich gewünscht
Den Preisunterschied von bis zu gut einem Drittel macht sich ein Unternehmen wie Axicorp zunutze: Es kauft die Medikamente im Ausland und führt sie nach Deutschland ein. Dieses Geschäftsgebaren ist vom Gesetzgeber ausdrücklich gewünscht. Apotheken müssen fünf Prozent ihres Umsatzes mit Re- oder Parallel-Importen machen; letzteres sind Originalpräparate, die im europäischen Ausland hergestellt werden.
Nun ist es aber, wie Ullrich hervorhebt, nicht so, dass der Re-Importeur von dem gesamten Preisunterschied zwischen Aus- und Inland profitiert. Zum einen erwirbt er die Ware von einem Pharmagroßhändler, der seinen Anteil am Kuchen verlangt. Zu den Transportkosten kommt nach dem Import der Aufwand für die Umverpackung einschließlich neuer Beipackzettel und Aufkleber auf den Packungen, die die Mitarbeiter von Hand anbringen. Die im Sinne der Produktsicherheit nötige Qualitätskontrolle nicht zu vergessen. „Wir unterliegen den gleichen Richtlinien wie ein forschendes Unternehmen“, erläutert Ullrich, dessen Unternehmen vom Regierungspräsidium Darmstadt kontrolliert wird.
13 Prozent Rabatt plus sechs Prozent plus...
Außer den Transport-, Umverpackungs- und Personalkosten schlägt bei Axicorp noch der bei Re- und Parallel-Importen fällige Rabatt zu Buche: 13 Prozent oder 15 Euro je Packung – schließlich sollen diese Produkte günstiger sein als das Originalpräparat, das nicht auf dem Handelsweg zurückgeholt worden ist. Hinzu kommt der übliche Herstellerrabatt von sechs Prozent auf den Listenpreis einer Arznei zugunsten der Krankenkassen. Nach Abzug aller Kosten sowie Rabatte bleiben je Mittel ein bis vier Prozent Gewinn bei Axicorp hängen. „Und davon muss ich weitere Investitionen bezahlen“, sagt der Chef von 257 Frauen und Männern, darunter drei Lehrlinge.
Nun aber droht diese Marge aufgrund der Rösler-Pläne sich in einen Verlust zu wandeln. Denn der Minister will den Herstellerrabatt auf 16 Prozent heraufsetzen. Aus ein bis vier Prozent Marge bei den Re- und Parallelimporten würden folglich rechnerisch minus sechs bis minus neun Prozent.
Ullrich nennt das „eine Riesenherausforderung“ und plädiert bei aller anerkannten Notwendigkeit zum Sparen für eine differenzierte Betrachtung. Dies nicht allein wegen der mehr als 200 Millionen Euro, die Kassen im Jahr durch die Re- und Parallel-Importe direkt sparen, wie der Branchenverband VAD berichtet. Wenn sich Re- und Parallelimporte für Firmen wie Axicorp nicht mehr rechneten, profitierten die Hersteller der teureren Originalpräparate – schließlich bekämen die Patienten weiter vom Arzt die nötige Arznei verschrieben. In der Folge müssten die Krankenkassen nicht nur höhere Arzneimittelkosten schultern – es würden auch Stellen bei den Importeuren gefährdet. Der VAD spricht von bis zu 4000 bundesweit.
Generika im Europa-Vergleich billig
Zudem droht der Axicorp GmbH, 2006 beim Hessen-Champions-Wettbewerb aufgrund des starken Stellenaufbaus zum „Jobmotor“ gekürt, Ungemach bei den Nachahmerarzneien. Nachdem die AOK als Marktführer dazu übergegangen war, jeden Wirkstoff nur von einem einzigen Anbieter für die eigenen Versicherten zu beziehen, hat Ullrich Vertrieb und Marketing in diesem Segment eingestellt. Schließlich ist es sinnlos, Vertriebsleute in die Apotheken zu schicken, wenn der Rabattvertrag entscheidet, welches Mittel ein Versicherter zu bekommen hat. Nun aber gibt es Bestrebungen, künftig mehr Anbieter zum Zuge kommen zu lassen.
Die Stada AG in Bad Vilbel etwa hieße dies gut. Ihr Vorstandschef Hartmut Retzlaff hat nach der jüngsten Bilanzvorlage die AOK-Praxis ein „Auslaufmodell“ genannt – und gemeint, wenn mehrere Generikaanbieter einen Zuschlag erhielten, kämen Stada die guten Kontakte zu Apotheken zupass. Ullrich dagegen müsste erst wieder über Monate einen Außendienst aufbauen – und das zu den Generikapreisen von heute, die in Europa am unteren Ende der Skala liegen, wie er sagt. „Wie soll das gehen?“, fragt er.
„Soll ich das auf Null optimieren?“
Wenn es bei einem Anbieter bliebe, hätte er „wenigstens die Chance, im Bieterverfahren die Nase vorn zu haben“. So wie beim AOK-Los für Metformin, das ist ein Standard-Medikament für Zuckerkranke. Dieser Rabattvertrag wird Axicorp einen Umsatzsprung in der Generika-Sparte von zwei Millionen Euro auf rund zehn Millionen bescheren.
Große Umsätze je Pille folgen daraus aber nicht: Wer als Diabetiker Metformin brauche, zudem einen Blutfettsenker, ein Mittel gegen Bluthochdruck und vielleicht einen Blutverdünner, die allesamt über Rabattverträge abdeckt seien – der belaste die Krankenkasse mit nicht mehr als zehn Cent am Tag. Ullrich: „Sind zehn Cent, die das Unternehmen erhält, zu viel? Soll ich das auf Null optimieren?“ Vor diesem Hintergrund hat er den Plan, die Belegschaft bis Jahresende auf rund 300 aufzustocken, auf Eis gelegt.