Im Glasregal stehen wie eh und je Flaschen der Marken aus dem Hause Radeberger. Auch hängt weiter eine Frankfurt-Karte hinter Ulrich Kallmeyers Schreibtisch. Im Grunde sieht sein Büro aus wie immer. Nichts deutet auf Abschied hin, doch geht der Vorsitzende der Geschäftsführung heute in den Ruhestand. Von morgen an zeichnet sein Stellvertreter Albert Christmann als Chef des Frankfurter Brauereikonzerns. Neun Jahre lang hat Kallmeyer die Radeberger Gruppe geführt. Als der Manager im Alter von 55 Jahren antrat, hieß das Unternehmen noch gar nicht so – und nicht nur der Name der früheren Binding Brauerei AG hat sich seitdem geändert.
Der ehemalige Geschäftsführer der Henkell & Söhnlein Sektkellereien KG hat aus einem regionalen Brauer mit Mehrheitsbeteiligungen im Osten der Republik den führenden deutschen Bierkonzern geschmiedet. Wie im Fall Henninger verzichtet er zugunsten der Rentabilität auf Mengen. Nicht zuletzt hält Kallmeyer, der gerne einen blauen Binder mit Bierseidel- und Pilstulpen-Motiven trägt, dem Expansionsdrang internationaler Brauereiriesen erfolgreich „deutsche Bierkultur“ entgegen.
Dreistelligen Millionenbetrag gespart
Zum Zeitpunkt der Amtsübernahme Kallmeyers gehörten die Radeberger Exportbierbrauerei und die Krostitzer-Brauerei schon vollständig zu Binding, während die Frankfurter an Berliner Kindl lediglich mehrheitlich beteiligt waren; gleiches gilt für die Dortmunder Actien-Brauerei (DAB), die „nie ein Ergebnis gemacht“, also rote Zahlen geschrieben hat. Alsbald änderte Binding aber das Geschäftsmodell. Das Unternehmen erwarb auch die Minderheitsanteile. Im Herbst 2002 benannte sich der seinerzeit noch börsennotierte Konzern nach seiner führenden Marke in Radeberger Gruppe um. Binding heißt seitdem nur die Frankfurter Brauerei.
Dies hat sich bewährt, wie Kallmeyer meint: „Es funktioniert strategisch, finanziell und im operativen Geschäft.“ Anders als zuvor laufen nun Einkauf und Finanzierung zentral. Das spart viel Geld – bisher einen dreistelligen Millionenbetrag. 2004 verleibte sich Radeberger Stuttgarter Hofbräu und den Brau-und-Brunnen-Konzern mit Jever ein. Zu strategischen Marken wie Radeberger, Schöfferhofer und Clausthaler kommen regionale Biere, etwa Berliner Pilsner, Altenmünster und Rostocker. Seit dem Jahr 2000 hat die 4800 Mitarbeiter starke Gruppe den Umsatz auf 1,6 Milliarden Euro verdoppelt und den Marktanteil von unter acht auf 15 Prozent gesteigert; 20 Prozent sollen es nächstes Jahr werden.
„Wenn ich raus bin, bin ich raus“
Eines aber hat Kallmeyer nicht erreicht: Neun Monate hat er mit der Stadt Frankfurt verhandelt, ohne ihr jedoch einen Standort für die neue Zentrale mit Braustätte und Logistikdrehscheibe abringen zu können. Die Rolle des „Standorts Rhein-Main“ wird durch den Neubau bedeutsamer, wie Kallmeyer verspricht. Wo der Konzern baut, wird aber unter Christmann entschieden – im zweiten Quartal. Kallmeyer wird das nicht aktiv begleiten. Anders als sein Vorgänger Klaus Peter Erbrich rückt er nicht in den Aufsichtsrat auf: „Wenn ich raus bin, bin ich raus“, sagt er – und wirkt unbeschwert.

