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Porträt : IHK-Präsident Klinz will auch noch Europa-Abgeordneter werden

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Kammerpräsident und zugleich Parteipolitiker? Wolf Klinz, der seit drei Jahren an der Spitze der Industrie- und Handelskammer Frankfurt steht und für die FDP am 13. Juni in das Europa-Parlament einziehen will, sieht darin keine Schwierigkeit.

          Kammerpräsident und zugleich Parteipolitiker? Wolf Klinz, der seit drei Jahren an der Spitze der Industrie- und Handelskammer Frankfurt steht und für die FDP am 13. Juni in das Europa-Parlament einziehen will, sieht darin keine Schwierigkeit. Er verweist auf Ludwig Braun, den Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, der von 1974 bis 1994 FDP-Stadtverordneter in Melsungen war, aber seit 1991 auch Präsident der IHK Kassel ist. Es habe auch niemand daran Anstoß genommen, daß Lothar Späth als Präsident der IHK Ostthüringen 2002 dem Schattenkabinett des CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber angehört habe. Und schließlich nennt Klinz den Präsidenten des Hessischen Handwerkstages und der Handwerkskammer Rhein-Main, Jürgen Heyne, der auch FDP-Mitglied ist, freilich seit seinem Rückzug aus dem ehrenamtlichen Magistrat in Frankfurt kein Mandatsträger mehr.

          Klinz hebt hervor, er habe sich immer einer marktwirtschaftlichen Politik verpflichtet gefühlt, sein Engagement für die FDP habe daran nichts geändert. Er könne sich auch nicht vorstellen, in die Kommunal- oder Landespolitik zu gehen, wegen der Nähe zur Politik der Kammer. Bei Europa aber sei die Distanz größer. Klinz' Resümee hinsichtlich der Frage, ob man gleichzeitig Präsident und Parlamentarier sein können, lautet, "inhaltlich geht es".

          Zögerlicher äußert sich der Dreiundsechzigjährige im Gespräch mit dieser Zeitung zu der anderen Frage, wie sich die Tätigkeiten in Straßburg und Brüssel einerseits und Frankfurt andererseits zeitlich vereinbaren lassen. Die ehrenamtliche Arbeit in der Kammer selbst bereite sicherlich keine Schwierigkeiten, meint Klinz. Allerdings sei ihm eine Reihe weiterer Ämter angetragen worden - "da wird es Abstriche geben müssen", wie er sagt. Klinz ist unter anderem Mitglied des Rundfunkrates des Hessischen Rundfunks, des Aufsichtsrates der Technologiestiftung Hessen und des Landeskuratoriums des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. In einigen Gremien könne die IHK genauso gut durch einen Vizepräsidenten vertreten werden. Beruflich ist Klinz nach Stationen unter anderem bei McKinsey, Landis & Gyr, der Treuhandanstalt, der Lurgi und der Agiv als geschäftsführender Gesellschafter der 3C Beratungs- und Beteiligungs GmbH tätig.

          Klinz rechnet sich zu, die Frankfurter Kammer umstrukturiert zu haben. Die Wirtschaftsflaute hat die Mitgliedsbeiträge und Gebühren sinken lassen. Allein von 2001 auf 2002 gingen sie um fast ein Fünftel auf 27,4 Millionen Euro zurück; Zahlen für 2003 liegen noch nicht vor. Seit Klinz 2001 Präsident wurde, ging die Zahl der Beschäftigten von 190 auf 183 zurück, die Wochenarbeitszeit wurde von 39 auf 40 Stunden erhöht. Dem Gedanken, die Kammern könnten ebenso wie ein Unternehmen durch Fusionen Geld sparen, verschließt sich Klinz nicht grundsätzlich, hebt aber hervor, daß die Nähe zu den Kunden, als den Mitgliedsunternehmen, gewahrt bleiben müsse. Außerdem kooperierten die hessischen Kammern gut.

          Für Frankfurt hofft Klinz, daß die Stadt mehr "urbanes Ambiente" bekommt. Er kann lebhaft über die Häßlichkeit der Innenstadt schimpfen, etwa über die Uneinheitlichkeit der Bodenplatten an der Hauptwache; Baudezernent Franz Zimmermann habe er einmal manche schäbige Mauer gezeigt - doch geholfen habe dies nicht. Das sagt Klinz, obwohl Zimmermann der gleichen Partei angehört; es ist also nicht so, daß er FDP-Leute schont. Auch sonst ist Klinz schon einmal für eine Überraschung gut. Er findet das Dosenpfand gut, was in der Wirtschaft als Minderheitsmeinung gelten darf; als er sich im Sommer vergangenen Jahres gegen das Cross-Border-Leasing-Geschäft mit der Frankfurter U-Bahn aussprach, brachte er im Römer die CDU und namentlich Oberbürgermeisterin Petra Roth gegen sich auf, während er ungewollt zum Kronzeugen von Attac wurde.

          Im Europa-Parlament will sich Klinz dafür einsetzen, daß der Stabilitätspakt gestärkt wird, so daß der Euro keinen Schaden nimmt. Außerdem solle in Europa "echte Subsidiarität" gelebt werden, sagt er. Bei der Erarbeitung der Europäischen Verfassung dürfe nicht vergessen werden, "daß die Erfolgsgeschichte der wirtschaftlichen Freiheitsrechte - wie Waren-, Dienstleistungs-, Kapitalverkehrs- und Niederlassungsfreiheit - der Motor für die Integration von unten war, die ein europäisches Zusammenwachsen erst ermöglicht haben."

          Vor dem Einzug in das Parlament stehen allerdings zwei Hürden. Die erste muß Klinz am Samstag in Saarbrücken nehmen. Dort treffen sich die Liberalen zu ihrem "Europatag", um die Bundesliste für die Wahl im Juni aufzustellen. Dabei gelten die ersten drei Plätze als belegt. Spitzenkandidatin soll die vom Bundesvorstand der Partei bereits einstimmig nominierte 32 Jahre alte Volkswirtschaftlerin Silvana Koch-Mehrin aus Baden-Württemberg werden. Gesetzt dürften auf den folgenden Plätzen der Diplomat Alexander Graf Lambsdorff aus Nordrhein-Westfalen, ein Neffe des früheren Parteichefs und Bundeswirtschaftsministers, und der saarländische Unternehmensberater Jorgo Chatzimarkakis sein. Wolf Klinz habe gute Chancen auf den vierten oder fünften Listenplatz, heißt es in der hessischen FDP. Die Landesvorsitzende Ruth Wagner kämpfe "wie eine Löwin" dafür - was Konkurrenz nicht ausschließt, etwa des bayerischen Spitzenkandidaten, des Unternehmensberaters Michael Mattar, und mithin die "Tagesform" des Kandidaten Klinz bei der Vorstellung am Samstag umso wichtiger macht.

          Die zweite Hürde ist der Wählerwille am 13. Juni: Bekäme die FDP fünf Prozent, wären die ersten fünf Listenkandidaten Europa-Abgeordnete. Bei der Wahl vor fünf Jahren entschieden sich in Deutschland aber nur 3,0 Prozent für die FDP, die schon seit 1994 nicht mehr im Europa-Parlament vertreten ist. Manfred Köhler/ Ulrich Adolphs

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