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Plattenfirmen : In der Nische ist noch Platz

Robert Johnson in Offenbach: Einige Labels schätzen die Nähe zu dem bekannten Club und zur Hochschule für Gestaltung. Bild: Patricia Kühfuss

Die großen Plattenfirmen haben ihren Sitz in Berlin, Hamburg und München. Doch in der Rhein-Main-Region gibt es noch viele kleine Musiklabels. Sie setzen auf Spezialisierung – und sind damit erfolgreich.

          Als Sony Music im Jahr 2000 Frankfurt in Richtung München verließ, verschwand das gesamte Rhein-Main-Gebiet von einem Tag auf den anderen in der allgemeinen Wahrnehmung von der Landkarte der Musikproduktion in Deutschland. Die folgende und vor allem in den vergangenen Jahren zu beobachtende Konzentration auf dem Musikmarkt tat ein Übriges – und heute ist die Branche zu einem guten Teil in der Hand der drei Giganten Universal in Berlin, Sony in München und Warner Bros. in Hamburg, zu denen längst auch bekannte Labels wie Columbia, Epic, RCA und Ariola gehören. Gleichwohl haben sich einige unabhängige Labels in der Region gehalten, die nach wie vor Musik produzieren und vertreiben. Wie viele es zwischen Odenwald und Vogelsberg und zwischen Rüdesheim und Seligenstadt genau sind, vermag allerdings niemand genau zu sagen. Auch der im Jahr 1993 gegründete Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) weiß es nicht.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Interessenvertretung von 1300 kleinen und mittleren Musikunternehmen in Deutschland hat ihre Geschäftsstelle in Berlin, kümmert sich aber auch in fünf Regionalgruppen um ihre Mitglieder. Die Unternehmen in Hessen gehören dem VUT-Mitte an, der außerdem für die Verbandsmitglieder in Thüringen, Rheinland-Pfalz und im Saarland zuständig ist. Gut 150 Mitglieder hat die Sektion nach Angaben von Sprecher Christian Arndt, der in Frankfurt das Label Peacelounge betreibt. Alle in der Region tätigen Musikunternehmen sind damit aber nicht erfasst. „Bei uns herrscht ja keine Zwangsmitgliedschaft“, sagt Arndt: „Es gibt sicher auch den ein oder anderen Kleinbetrieb, der unseren Verband und dessen Angebote gar nicht kennt.“ Und andere hätten sich zwar beraten lassen, seien dann aber doch nicht dem VUT beigetreten, berichtet der Labelmanager, der die Zahl der noch in der Region vertretenen Labels, ob nun organisiert oder nicht, für niedrig hält. „Hier ist gewiss nicht das Herz der Musikproduktion in Deutschland.“

          Schallplatten als Prestigeprojekt

          Der Blick auf die Mitgliederliste des VUT bestätigt diese Aussage. Die führt für die Städte Frankfurt, Offenbach und Darmstadt keine 15 im Verband organisierten Labels, was angesichts des Rufs, den die Region gerade in den Genres Elektronische Musik und Jazz einst hatte, ziemlich wenig ist. „Viele Köpfe sind nach Berlin gezogen“, sagt Alexander Flitsch, der im Zollamt in Offenbach das auf elektronische Musik spezialisierte Label Connaisseur Recordings betreibt. Dort gibt es auch noch einige weitere Kleinstlabel und Liebhaberproduktionen, die wie Flitsch die Besonderheiten Offenbachs schätzen, nämlich die Nähe zur Hochschule für Gestaltung, die im Zollamt das von Heiner Blum im Jahr 2013 gegründete Institut für Klangforschung unterhält, vor allem aber den Einfluss des weithin gerühmten Clubs Robert Johnson, dessen Bedeutung für die Fans elektronischer Musik immens ist.

          Trotzdem werden in Offenbach keine Hits für ein Massenpublikum produziert und vertrieben. Connaisseur Recordings veröffentlicht im Jahr zwischen acht und zehn Produktionen, von denen etwa die Hälfte auf Vinyl gepresst und der Rest ausschließlich digital vertrieben wird. Die Schallplatten seien ein Prestigeprojekt, sagt Flitsch. Sie erinnerten an die Zeiten, als Techno-DJs ihre Tracks in Kleinstauflagen über spezialisierte Plattenläden an den Mann – sprich: vor allem an die Kollegenschar – brachten. Auch Flitsch arbeitet mit zwei, drei Spezialläden zusammen, denen er selbst die Schallplatten liefert. Die Zusammenarbeit mit einem Vertrieb lohnt sich erst, wenn man 400 bis 500 Exemplare verkaufe, was in seinem hochspezialisierten Segment eher selten ist. Flitsch wickelt sein Geschäft daher komplett über seine Online-Plattform ab, was ähnlich auch für andere der Labels im Rhein-Main-Gebiet gilt, hinter denen sich oft bekannte Namen aus der Elektro-Szene wie etwa der ebenfalls in Offenbach ansässige DJ Anthony Rother mit seinem Unternehmen Datapunk oder Cocoon Music mit der Galionsfigur Sven Väth verbergen.

          Playlist Management um bekannt zu werden

          Gleichfalls als DJ ist der Frankfurter Jan Hagenkötter bekannt geworden, der mit seinem 1992 gegründeten Label Infracom zeitweise sogar Trends im Nachtleben der Region setzte und mittlerweile über 160 Produktionen veröffentlicht hat, von denen einige auch ein größeres Publikum erreichten, das sich auf Projekte wie „re:jazz“ einzulassen bereit war. Heute reicht der bekannte Name allein nicht mehr aus. „Playlist Management“ heißt nun das Zauberwort. Schafft es ein Track auf die weitverbreiteten Playlist-Vorschläge der Streaming-Dienste, stehen die Chancen auf Aufmerksamkeit gleich viel besser. In Großbritannien haben sich schon Firmen auf dieses Management spezialisiert.

          Ob die auch den teilweise hochspezialisierten Labels oder auf einen einzelnen Musiker wie Daniel Wirtz oder eine einzelne Band zugeschnittenen Musikunternehmen in der Region entscheidend helfen könnten, würde wohl nur ein Versuch zeigen, liegt doch die Zukunft vieler Labels in der Nische. Oder in der Vergangenheit. Sony Music will jedenfalls wieder in die Schallplattenproduktion einsteigen. Das Unternehmen beabsichtigt, ein altes Presswerk in Japan zu revitalisieren, und will nach fast 30 Jahren Abstinenz wieder auf Vinyl setzen. Im März nächsten Jahres soll es nach Angaben japanischer und britischer Medien so weit sein.

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