Flavio Battisti muß nicht lange überlegen, was er von den großen Plänen seines Arbeitgebers hält. Der Pharma-Standort Deutschland werde gestärkt, wenn der Darmstädter Arzneimittel- und Spezialchemiehersteller Merck KGaA die Berliner Schering AG übernehmen sollte, meint der Betriebsratsvorsitzende von Merck. Angst vor Stellenabbau verbindet Battisti nicht mit dem geplanten Geschäft. Im Gegenteil: „Ich sehe die Arbeitsplätze als sicher an - sowohl bei uns als auch bei Schering.“
Zur Begründung führt er dieselben Argumente an wie die Geschäftsleitung seines Arbeitgebers, der 14,6 Milliarden Euro für den Mitbewerber aus der Hauptstadt auf den Tisch legen will. Wobei die Merck-Familie, die hinter dem Konzern steht, eine Milliarde Euro beisteuern will. Auf 77 Euro je Anteilsschein beläuft sich das Angebot an die Schering-Aktionäre, das von Ende März an gelten wird und gestern bekanntgegeben worden ist.
Aus Sicht von Michael Römer, dem Vorsitzenden der Merck-Geschäftsleitung, ist der Kauf „die richtige Transaktion zum richtigen Zeitpunkt“. Die Übernahme werde auf bei Merck bisher Erreichtem aufbauen und dem Konzern neue Perspektiven eröffnen. Schließlich könnte sich Merck über die Schering-Vertretungen auf den wichtigen Arzneimittelmärkten Japan und Amerika einkaufen, auf denen die Darmstädter mit patentgeschützten Arzneimitteln nicht präsent sind.
Schnee: Unternehmen ergänzen sich ideal
Diese Sparte würde durch den Kauf gestärkt, da sich die Geschäftsfelder der beiden Unternehmen kaum überschneiden und sich deshalb nach den Worten des Pharmaspartenchefs von Merck, Elmar Schnee, beinahe ideal ergänzen. Merck, das sein Geld auch und gerade mit Flüssigkristallen für Flachbildschirme, Handys und Laptops verdient, könnte ertragreiche Schering-Medikamente eingliedern und die Früchte der Berliner Forschung auf den Gebieten Krebs, Nervenleiden und Verhütung ernten.
Zu nennen sind vor allem eine Antibabypille und ein Mittel gegen multiple Sklerose, die schon auf dem Markt sind und für Umsätze in Höhe von einigen hundert Millionen Euro sorgen. Zudem gilt der Berliner Konzern als ein führender Anbieter von Kontrastmitteln für die Magnetresonanztomografie. Scherings Erfahrung wird zudem die mögliche Markteinführung eines Merck-Produkts gegen Parkinson-Leiden beschleunigen, wie die Geschäftsleitung meint. Sie billigt nicht zuletzt einem noch in der Forschung befindlichen Schering-Mittel gegen multiple Sklerose „hohes Potential“ zu und strebt weitere Zulassungen für ein selbstentwickeltes Krebsmedikament an, das als Hauptwachstumstreiber unter den Arzneimitteln der Darmstädter genannt wird.
Römer: „Starkes Unternehmen aus Deutschland“
Sollte die Übernahme gelingen, „werden wir in Zukunft ein starkes Unternehmen aus Deutschland haben“, zeigt sich Römer sicher. Dies sei auch wichtig für die Mitarbeiter beider Firmen. Der zu bildende Konzern hätte, gemessen an den jüngsten Zahlen, weltweit etwa 54.000 Beschäftigte und käme auf einen Umsatz von 11,2 Milliarden Euro. Er soll ebenfalls Merck heißen und seine Zentrale in Darmstadt haben. Die Chefetage geht von der Annahme ihrer Offerte aus, hat sie doch den Lufthansa-Vorstand Karl-Ludwig Kley zum 1. September als Römer-Stellvertreter verpflichtet. Kley soll sich um die Integration von Schering in die Merck-Gruppe kümmern.
Die Eigentümer des Berliner Konzerns können bis Mitte Mai überlegen, ob sie das Angebot annehmen. Mindestens 51 Prozent der Schering-Anteile strebt Merck an - „sonst wollen wir damit nichts zu tun haben“, sagte Finanzvorstand Michael Becker. 4,98 Prozent besitzt Merck schon - und irgendwann sollen es alle Anteile sein. Ob Merck erfolgreich sein und mit 77 Euro je Aktie wegkommen wird, muß sich weisen. An der Börse spekulieren Anleger schon auf einen deutlich höheren Preis: Bis zu 85,50 Euro wurden für die Schering-Aktie gezahlt, während das Merck-Papier 4,7 Prozent verlor.

