Ein neuer Arbeitgeber für 9000 Menschen in Frankfurt-Höchst und Bad Soden: Nach monatelangem Hin und Her ist die Übernahme des Pharmakonzerns Aventis durch seinen Konkurrenten Sanofi perfekt. Wie die französische Börsenaufsicht am Montag in Paris mitteilte, hält Sanofi-Synthelabo nach Ablauf des Übernahmeangebots 95,5 Prozent des Aktienkapitals.
Das neue Unternehmen wird nach Pfizer aus den Vereinigten Staaten und Glaxo Smith Kline aus Großbritannien der drittgrößte Pharmakonzern der Welt sein, mit 25 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 100000 Beschäftigten.
Damit findet eine der spektakulärsten Übernahmeschlachten der vergangenen Jahre ihr Ende, die am 26.Januar begonnen und die Aventis-Belegschaft im Industriepark Höchst und in der Deutschland-Zentrale des deutsch-französischen Konzerns in Bad Soden erheblich verunsichert hatte. Mehrfach hatten die Mitarbeiter auf Kundgebungen ihrem Zorn über die Übernahme freien Lauf gelassen und den Schulterschluß mit dem Management geübt, das sich zunächst gegen den Plan gewehrt hatte. Die Lage beruhigte sich erst, als im Mai Geschäftsleitung und Gesamtbetriebsrat von Aventis vereinbarten, daß es bis Ende 2007 keine betriebsbedingten Kündigungen geben werde. Von Sanofi wiederum war wiederholt zugesichert worden, am Standort Frankfurt-Höchst festhalten zu wollen; Konzernchef Jean-Francois Dehecq hatte im Mai eigens den hessischen Ministerpräsidenten und die Frankfurter Oberbürgermeisterin besucht, um Befürchtungen zu zerstreuen, es komme zu einem Stellenabbau in größerem Umfang.
Der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen schließt indes einen langsamen Personalabbau über die sogenannte natürliche Fluktuation nicht aus, also den Verzicht auf die Wiederbesetzung von einmal freigewordenen Stellen. Schon im vergangenen Jahr, als von der Übernahme noch nicht die Rede war, hatte das Aventis-Management wissen lassen, daß die deutsche Gesundheitspolitik Arbeitsplätze gefährde, weil mit Zwang die Preise der Medikamente gedrückt werden sollten.
Zuletzt war es um die Frage gegangen, was aus den Verwaltungsmitarbeitern in Bad Soden wird. Inzwischen ist zu hören, die Mehrzahl müsse sich keine Sorgen machen, daß ihr Arbeitsplatz nach Berlin verlegt werde. Dort ist der Sitz des Sanofi-Vertriebs für Deutschland. Das dürfte auch im Rathaus Bad Sodens mit Freude zur Kenntnis genommen worden sein, denn Aventis war bisher der wichtigste Gewerbesteuerzahler. In den Taunus-Ort war man erst vor zehn Jahren ausgewichen, weil es seinerzeit an Büroräumen in Frankfurt-Höchst gefehlt hatte. Als Vorteil des Standorts gilt heute, daß das dortige Marketing auf kurzem Wege mit der Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Höchst zusammenarbeiten kann.
Mit der Übernahme des Konzerns durch Sanofi wird die Geschichte des Industriestandorts Frankfurt-Höchst, die bis weit ins 19.Jahrhundert zurückreicht, um ein Kapitel reicher. Aventis ist seinerseits erst vor vier Jahren aus den Konzernen Rhone-Poulenc und Hoechst hervorgegangen. Letzterer hatte in Frankfurt Industriegeschichte geschrieben. In einer früheren Konzentrationswelle, in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, war Hoechst schon einmal für zwei Jahrzehnte in einem größeren Konzern aufgegangen, der IG Farbenindustrie AG, die später tief in Verbrechen des "Dritten Reichs" verstrickt war. Praktisch im gesamten 20.Jahrhundert prägte Hoechst den benachbarten Stadtteil, dessen Name sich nur in der Schreibweise unterscheidet, nicht nur als Arbeitgeber, sondern auch wegen seiner weitreichenden Sozialpolitik bis hin zum Werkwohnungsbau.
Heute stellt Aventis in dem Industriegelände im Frankfurter Westen mehrere Medikamente her, die als Blockbuster bezeichnet werden, weil ihr Umsatz inzwischen die Grenze von einer Milliarde Dollar überschritten hat. Dazu zählt Ramipril, mit dem hoher Blutdruck behandelt wird. Außerdem ist es zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Schlaganfall zugelassen. Im übernächsten Jahr soll auch das Insulin-Medikament Lantus, mit dem zuckerkranke Patienten behandelt werden, die Milliarden-Dollar-Grenze überschreiten. Allein mit der Insulin-Produktion sind in Höchst 1000 Mitarbeiter befaßt. Nicht zuletzt Lantus trägt dazu bei, daß die Aventis Pharma Deutschland GmbH mit einem Achtel der Belegschaft des gesamten Konzerns 40 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet. Das Übernahmeangebot an die Aventis-Aktionäre war Ende Juli abgelaufen. Um den weitaus größeren Konkurrenten übernehmen zu können, hatte Sanofi sein erstes Angebot deutlich verbessern müssen. (mak.)

