Mit dem bisherigen Lufthansa-Vorstand Karl-Ludwig Kley hat Merck schon den Mann verpflichtet, der den Berliner Arzneimittelhersteller Schering in den Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern integrieren sollte. Doch die ihm zugedachte Aufgabe kann Kley wider Erwarten nicht erfüllen. Denn die mehrheitlich im Familienbesitz befindliche Merck KGaA hat Abstand von der geplanten Schering-Übernahme genommen.
„Die Geschäftsleitung der Merck KGaA ist zu der Auffassung gelangt, daß ein höherer Preis je Schering Aktie aus der Sicht von Merck nicht gerechtfertigt ist, und hat sich deshalb entschieden, die geplante Übernahme von Schering nicht weiterzuverfolgen“, teilte das Unternehmen mit. Hintergrund: Merck wollte 77 Euro je Schering-Aktie zahlen und den Mitbewerber für 14,6 Milliarden Euro kaufen. Dieses am 13. März angekündigte Angebot ist bis heute nicht offiziell unterbreitet worden - und Merck kann es sich im Grunde auch sparen, da der Bayer-Konzern seinerseits 86 Euro je Anteilsschein oder insgesamt 16,3 Milliarden Euro für Schering bietet.
Augenmaß statt heißes Bietergefecht
Die Börse wettete bis in den Nachmittag hinein sogar auf einen noch höheren Preis: Etwa 88,60 Euro wurden für das Schering-Papier bezahlt - bis Merck um 14.19 Uhr den Rückzug bekanntgab. Mehr als 77 Euro gedenkt das Unternehmen nicht zu zahlen. Ob es ohne die Bayer-Offerte bereit gewesen wäre, den Erwartungen von Anlegern gerecht zu werden und „einen Schnaps obendrauf“ zu geben, bleibt dahingestellt. Dafür spricht die auf 16 Milliarden Euro aufgestockte Kreditlinie, die die Deutsche Bank und die amerikanischen Investmentbanken Bear Stearns und Goldman Sachs den Darmstädtern gerade gewährt hatten.
Doch der Erwerb der Schering AG ist die für die Geschäftsleitung von Merck schon Geschichte: „Wir sind nach wie vor davon überzeugt, daß eine Kombination eine gute Option für beide Unternehmen gewesen wäre“, so Michael Römer, der Vorsitzende der Geschäftsleitung. Daß Bayer das Rennen gemacht und Merck sich nun nicht wie geplant über Schering Zutritt zu den wichtigen Pharmamärkten Japan und Amerika verschaffen kann, sorgt unter den Arbeitnehmervertretern in Darmstadt nicht für Trübsal. Schon eher wird die Linie gutgeheißen, sich nicht auf ein heißes Bietergefecht einzulassen, sondern Augenmaß walten zu lassen. Merck werde sich nach seiner Einschätzung nicht von Banken abhängig machen, sagte Betriebsratsvorsitzender Flavio Battisti, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist, dieser Zeitung.
Pharmasparte von Altana soll es nicht sein
Das Thema Übernahmen ist keineswegs vom Tisch. Merck behält sich Zukäufe vor. Und zwar mit dem erklärten Ziel, „die Unternehmensbereiche Pharma und Chemie zu verstärken“, wie es heißt. Die Pharmasparte von Altana in Bad Homburg will Merck zwar erklärtermaßen nicht. Die strategischen Ziele, einen Fuß in den amerikanischen Markt zu setzen und die Pharmasparte zu vergrößern, behält die Chefetage aber schon aus einem Grund weiter im Blick: Die Sparte der sogenannten ethischen Arzneimittel gilt als zu klein; zu ihr zählen etwa das für stark steigende Umsätze sorgende Krebsmedikament „Erbitux“ sowie das nicht mehr patentgeschützte Herz-Kreislaufmittel „Concor“ und die auch von Nachahmerprodukten angegriffene Diabetesarznei „Glucophage“. Merck steckt zwar schon 26 Prozent des Umsatzes in die Forschung - mehr ist aber nach Einschätzung von Analysten, die den Konzern und dessen Aktie bewerten, kaum drin. Ein Zukauf wie Schering wäre hilfreich, da Merck im Zuge dessen die Forschungsgelder anders gewichten könnte, meinte Alexander Groschke von der Landesbank Rheinland-Pfalz.
Immerhin hat das Darmstädter Unternehmen aus seiner Sicht durch den Rückzug keinen Schaden genommen. Zudem winkt Merck noch ein hübscher außerordentlicher Gewinn: Mit Blick auf die geplante Übernahme hat der Konzern 4,98 Prozent der Schering-Aktien erworben. Grosche geht davon aus, daß die in den vergangenen Wochen aufgelaufenen stattlichen Kursgewinne bei Schering für Merck ein Plus von 200 bis 250 Millionen Euro vor Steuern bedeuten. „Das ist der Trostpreis“, meint der Analyst. Und die Aktie der Darmstädter hat seit der Bekanntgabe des hinfälligen Gebots nicht an Wert verloren, sondern sogar leicht zugelegt.

