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Pflegekräfte aus Osteuropa Rundumversorgung ganz legal

Ohne Pflegekräfte aus Osteuropa können viele Familien ihre Angehörigen nicht versorgen. Die wenigsten arbeiten legal. Immerhin dürfen Haushaltshilfen jetzt auch offiziell bei der Pflege helfen.

© Zeitenspiegel, Kathrin Harms Vergrößern Rund 100.000 Hilfen aus Mittel- und Osteuropa sollen nach einer Studie der Caritas hierzulande in der privaten Altenbetreuung tätig sein

Immer mehr Menschen möchten im Alter zu Hause leben und nicht im Altenheim. Was sich anfangs mit Nachbarschaftshilfe, Essen auf Rädern und Caritas-Besuchen noch bewerkstelligen lässt, wird dann zum Problem, wenn die Eltern pflegebedürftig, etwa dement, werden und eine Betreuung rund um die Uhr brauchen. Oft sind keine Kinder in der Nähe, die sich kümmern könnten. Die meisten sind ohnehin voll berufstätig und haben wenig Zeit. Umso kopfloser sind die meisten, wenn der Notfall plötzlich eintritt. Dann ist guter Rat teuer.

Petra Kirchhoff Folgen:  

Eine 24-Stunden-Pflege durch einen deutschen Pflegedienst können sich nur die wenigsten Angehörigen leisten. Der Dienst müsste dafür mehrere Personen einsetzen und würde dafür nach Angaben der Stiftung Warentest bis zu 10.000 Euro berechnen.

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Günstiger sind Haushaltshilfen aus dem Ausland. Rund 100.000 Hilfen aus Mittel- und Osteuropa sollen nach einer Studie der Caritas hierzulande in der privaten Altenbetreuung tätig sein. Die meisten von ihnen arbeiten, vermittelt durch Mund-zu-Mund-Propaganda, schwarz, und zwar für 800 bis 1200 Euro im Monat. Familien, die so eine Hilfskraft unter der Hand beschäftigen, machen sich strafbar. Denn der deutsche Arbeitsmarkt für häusliche Pflege ist noch bis zum April 2011 für Menschen aus den EU-Beitrittsländern versperrt.

„Legalisierung der gelebten Praxis“

Es gibt aber auch legale Möglichkeiten für die Haushaltshilfe. Ein Weg ist die Vermittlung durch die Bundesagentur für Arbeit. In diesem Fall wird die Familie zum Arbeitgeber und muss nach dem zuständigen Tarifvertrag für Hessen 1261 Euro im Monat zahlen plus 252 Euro für Sozialversicherungsbeiträge (siehe auch Kasten). Für freie Kost und Logis kann der Arbeitgeber einen Betrag von 383,40 Euro in Abzug bringen. Der Nachteil: Das Verfahren ist sehr bürokratisch. Außerdem kann es von der Antragstellung bis zum Arbeitsantritt mehrere Wochen dauern. Nach dem Tarifvertrag ist die Arbeitszeit auf 38,5 Stunden in der Woche begrenzt. Außerdem haben die Haushaltshilfen auch einen Urlaubsanspruch.

Bisher war es zudem so, dass diese Haushaltshilfen keine pflegerischen Arbeiten übernehmen durften. Erst seit Ende 2009 - der Bundesrat hat die Änderung der sogenannten Beschäftigungsverordnung noch kurz vor Weihnachten durchgewinkt - dürfen Haushaltshilfen jetzt auch offiziell beim An- und Auskleiden helfen, beim Verlassen des Hauses mit dem Rollstuhl, beim Gang zur Toilette oder Wechseln der Windeln - kurzum: Haushaltshilfen dürfen jetzt all die „notwendigen pflegerischen Alltagshilfen“ leisten, die sie bisher in der Regel auch schon übernehmen. Die „Legalisierung der gelebten Praxis“ nennt dies ein Branchen-Insider. Tabletten einteilen und Druckgeschwüre versorgen dürfen nach wie vor nur die medizinischen Dienste. Die genaue Ausarbeitung der Beschäftigungsverordnung läuft zurzeit noch bei der Bundesagentur für Arbeit.

Ein weiterer legaler Betreuungsweg ist die Vermittlung einer Pflegekraft durch ein osteuropäisches Unternehmen. Dafür müssen die Behörden im jeweiligen Heimatland eine Entsendebescheinigung (E 101) erteilen. Die Vermittlung läuft oft über Agenturen in Deutschland, die mit osteuropäischen Entsendeunternehmen zusammenarbeiten. Die Vergütung liegt bei den von der Stiftung Warentest im vergangenen Mai geprüften Vermittlungsagenturen je nach Arbeitgeber, Qualifikation und Deutschkenntnissen zwischen 1200 und 2550 Euro im Monat. Hinzurechnen muss man noch die Vermittlungsgebühr von jährlich 600 bis 800 Euro im Jahr.

Wechsel im Zwei-Monats-Rhythmus

Eine gute Informationsquelle sind Hausärzte. Margit H. aus Frankfurt etwa, die für ihren dementen Vater in Hannover von einem Tag auf den anderen Betreuung organisieren musste, bekam von der Hausärztin ihres Vaters einen guten Tipp. Über eine andere Patientin hatte diese von den guten Erfahrungen mit einer Vermittlungsagentur in Polen erfahren. Zu dieser - die Mitarbeiter sprachen Deutsch - nahm Margit H. direkt Kontakt auf. Innerhalb einer Woche stand die polnische Hilfskraft mit dem Koffer vor der Tür. Seitdem wechseln sich im Zwei-Monats-Rhythmus Pflegekräfte der Agentur mit der Betreuung des Vaters ab. Kostenpunkt: 1500 Euro. Dreimal am Tag schaut noch der Sozialdienst des Deutschen Roten Kreuzes vorbei, um nach dem Vater zu schauen und ihm die Medikamente einzuteilen.

Theoretisch - das ist der dritte korrekte Weg - hätte Margit H. auch eine selbständig arbeitende Pflegekraft aus Osteuropa einstellen können. Hier ist keine Vermittlung durch Dritte notwendig, aber in der Regel der Fall. Legal ist diese Arbeit aber auch nur dann, wenn die Person nachweisen kann, dass sie Abgaben, Steuern und Beiträge im Heimatland zahlt. Die Spannbreite der Vergütung von Selbständigen wird mit 1200 bis 1600 Euro angegeben, hinzu kommen freie Unterkunft und Verpflegung.

Hier gibt es Hilfe

Wer das Pflegesystem in Deutschland verstehen will, braucht Hilfe. Hier sind die wichtigsten Anlaufstellen und Broschüren:

- Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit in Bonn vermittelt Haushaltshilfen aus Osteuropa. Telefon: 02 28/7 13 14 14.

- Unabhängige Beratung zum Thema Pflege gibt es auch bei den Verbraucherzentralen. Termine bei der Verbraucherzentrale Hessen können unter der Nummer 0 18 05/97 20 10 vereinbart werden. In den Beratungsstellen der Verbraucherzentralen gibt es auch Broschüren und Ratgeber zum Thema Pflege.

- Einen sehr informativen Leitfaden mit Angaben zu Leistungen der Pflegeversicherung hat das hessische Sozialministerium zusammengestellt. Die Broschüre „Pflegebedürftig - Was ist zu tun“ kann per E-Mail bestellt werden: publikationen@hmafg.hessen.de oder telefonisch: 06 11/8 17 33 01.

- Im Aufbau sind zurzeit noch sogenannte Pflegestützpunkte in Hessen, die die pflegerischen, medizinischen und sozialen Leistungen unter einem Dach bündeln und Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Pflege sein sollen - seien es Antragsformulare, der altengerechte Umbau von Wohnungen oder Zuschüsse der Pflegekasse. Der erste von 26 solcher Stützpunkte in Hessen wird am nächsten Dienstag im Landratsamt in Groß-Gerau eröffnet.

- Die Stiftung Warentest (www.test.de) hat im Mai 2009 Vermittler für Pflegekräfte aus dem Ausland getestet. Der Test kann noch im Internet abgerufen werden. Im „Test“-Heft vom Juli 2009 wurde geprüft, wie Pflegedienste in Deutschland beraten. Empfohlen wird, vor Vertragsabschluss die Kosten mehrerer Pflegedienste zu vergleichen. Ergebnisse zur Pflegequalitätsprüfung gibt es auch bei den Pflegekassen, die bei den Krankenkassen angesiedelt sind. (hoff.)

Quelle: F.A.Z.

 
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