26.01.2010 · Das Frankfurter Unternehmen Biologis will mit personalisierten Medizindiensten punkten. Biotech-Manager wie Peer Schatz von Qiagen sprechen schon von „einer Revolution, ähnlich wie die Informationstechnologie vor 30 oder 40 Jahren“.
Von Thorsten WinterBiotech-Manager wie Peer Schatz wählen schon historische Vergleiche: Mit Blick auf das neue Geschäftsfeld der personalisierten Medizin spricht der Vorstandschef der börsennotierten Qiagen AG von „einer Revolution, ähnlich wie die Informationstechnologie vor 30 oder 40 Jahren“. Die Frankfurter Unternehmerin Daniela Steinberger will diese Revolution mitgestalten und dafür die Informationstechnologie in mehrfacher Hinsicht nutzen.
Ihre Biologis GmbH mit Sitz im Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie bietet schon genetische Diagnostik für Mediziner zu seltenen Erkrankungen wie Mukoviszidose oder speziellen Arten des Diabetes an. Im dritten Quartal will das erst im vergangenen Jahr gegründete Unternehmen auch Privatpersonen bedienen. Und zwar etwa mit Antworten zu Fragen, wie der eigene Körper bestimmte Medikamente verarbeitet. Mit solchen Aussagen können Therapien verbessert und unerwünschte Wirkungen vermieden werden, wie Steinberger sagt.
390 Euro für ein Analysepaket
„Personal Genomics Services“ nennt die Fachärztin für Humangenetik das neue Angebot. Noch feilt Biologis an der Dienstleitung, doch ist schon klar, wie sie an den Mann und die Frau gebracht werden soll: Die Kunden bestellen über einen Arzt oder direkt über die Internetseite von Biologis ein Probenentnahme-Paket und schicken eine Speichelprobe an das Unternehmen zurück. Wer will, kann auch von seinem Arzt eine Blutprobe nehmen lassen und einsenden. Blut lasse eine breitere Analyse zu, erläutert Scheinberger.
Mehrere 100 genetische Varianten könne ihr Unternehmen diagnostizieren. Es untersuche die einzelnen Erbinformationen und interpretiere sie mit Blick auf die Gesundheit. Die Ergebnisse werden den Kunden dann über einen persönlichen Zugang auf der Biologis-Internetseite oder auf einem USB-Stick zur Verfügung gestellt. Geplante Kosten: 390 Euro. Gezahlt wird mit Kreditkarte, Lastschrift oder Überweisung.
Durch Codein auf die Intensivstation
Die Zahl der potentiellen Kunden geht alleine in Deutschland in die Millionen: Rund ein Fünftel der einheimischen Bevölkerung hat demnach „eine bestimmte Variante in den Genen, so dass das in Hustensäften verwendete Codein vom Körper besonders schnell in die Wirksubstanz Morphin verstoffwechselt wird“. Morphin wiederum kann zu zentralnervösen Komplikationen führen, wie Steinberger weiter erläutert. Als Beispiel nennt sie den Fall eines Mannes, der nach Einnahme eines codeinhaltigen Hustenmittels einen Atemstillstand erlitt und auf die Intensivstation musste.
Auch berichtet sie über ein Säugling, der nach dem Stillen an einer Überdosis Morphin starb – weil die Mutter einen Hustensaft mit Codein genommen hatte. Zudem erweise sich bei vielen Diabetikern eine Standardtherapie mit Insulin aufgrund genetischer Veränderungen als nicht angemessen. Nicht zuletzt gebe es eine erblich bedingte Form des Diabetes – mit dem Wissen darum könne dem Ausbruch der Erkrankung bei direkten Familienangehörigen vorgebeugt werden.
Angesichts dessen fragt Steinberger: „Warum sollte ein Patient von einer solchen genetischen Varianz nichts wissen, bevor er ein bestimmtes Medikament nimmt?“ Schließlich stürben nach einschlägigen Studien jedes Jahr mehr Menschen durch unerwünschte Wirkungen von Arzneimitteln als durch Verkehrsunfälle.
Abgrenzung von „Spaßlabors“
Dass Ärzte entsprechende Dienste bisher nur selten wahrnehmen, erklärt sie mit dem technischen Aufwand: „Als Arzt brauche ich ein Instrument, das mich führt.“ Gemeint ist eine Software für die Diagnose. „Wenn ich viele hundert Analyseergebnisse vor mir habe, bin ich tagelang beschäftigt, die Daten auszuwerten“, erläutert Steinberger. Um Ärzten dergleichen zu ersparen, entwickelt Biologis mit IBM eine informationstechnologische Plattform, die Mediziner bei Therapieentscheidungen unterstützen soll.
Die außerplanmäßige Professorin am Uni-Klinikum Gießen und Marburg legt Wert darauf, nichts mit „Spaßlabors“ in Übersee gemein zu haben, die vorgeben, anhand von Speichelproben etwa das persönliche Risiko einer Krebserkrankung oder dergleichen zu ermitteln, und die mit solch umstrittenen Aussagen die Kunden alleine lassen. Im Gegensatz dazu will sie Wissen zur Frage, wie der Körper Arzneimittel verarbeitet, nutzbar machen; das ist nach ihren Worten in Großbritannien, Kanada oder Amerika deutlich verbreiteter als hier. Steinberger und ihre 24 Kollegen bei Biologis hoffen darauf, dass die „Demokratisierung des Wissens durch das Internet“ dem Geschäft mit „Personal Genomics Services“ dienen wird. „Dies Zeit ist reif dafür“, meint sie.