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Pelzkleidung Kürschner hätten es gerne kälter

 ·  Seit einigen Jahren kauft auch hierzulande die Kundschaft wieder eifrig Pelz, nachdem Designer das Thema wiederentdeckt haben und die heftigsten Proteste von Tierschützern abgeebbt sind. Kürschner wünschen sich deshalb eisige Winter.

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Frühlingshafte 13 Grad Celsius im Dezember sind zumindest für den Teil des Umsatzes, den Kürschner aus spontanen Kaufentscheidungen erwirtschaften, geradezu Gift. Trotzdem hofft die Branche, auch dieses Jahr wieder mit einem ordentlichen Plus abzuschließen, wie es beim Deutschen Pelzverband in Frankfurt heißt.

Denn seit mehr als fünf Jahren kauft auch hierzulande die Kundschaft wieder eifrig Pelz, nachdem Designer das Thema wiederentdeckt haben und die heftigsten Proteste von Tierschützern abgeebbt sind. 2005 setzte die Branche in Deutschland fast eine Milliarde Euro um und verbesserte sich damit um 4,5 Prozent im Vergleich zum Jahr davor. Weltweit wurde Pelzkleidung für fast 12,8 Milliarden Dollar verkauft, was ein Plus von 9,1 Prozent im Vorjahresvergleich bedeutet, wie Susanne Kolb-Wachtel, Geschäftsführerin des Verbands, berichtet.

Pelzmäntel sind wieder gefragt

Rolf Schulte, der einen Pelzfachhandel in Frankfurt betreibt, eigene Kollektionen anbietet und an gut 500 Firmen in aller Welt liefert, ist mit der Nachfrage zufrieden, wenngleich auch er sich den Jahreszeiten angemessene Temperaturen wünscht. Den Einbruch im November hat auch er jedenfalls bemerkt. Gleichwohl sei Pelz wieder „sehr in“. Gefragt seien etwa Kombinationen aus Hightechfasern mit Pelz, beispielsweise als Kapuzenfutter. Aber auch der Nerz liegt in der Gunst der Käufer noch immer hoch im Kurs, freilich nicht mehr unbedingt so konservativ geschnitten wie einst für die Großmutter. Zumindest eines steht für Schulte bei einem hochwertigen Nerzmantel, der in der Regel aus Fellen weiblicher Tiere gefertigt wird, fest: „Bei allem, was günstiger ist als 5000 Euro, sollte man ganz genau hinschauen.“ Bei günstigeren Stücken müsse der Käufer womöglich in der Qualität Abstriche hinnehmen. So seien die Felle männlicher Nerze weniger weich und daher eben nicht ganz so hochwertig.

Nerz muß im übrigen, so ist weiter von den Experten zu erfahren, gar nicht mehr aussehen, wie sich der Laie einen Nerz eben so vorstellt. Beispielsweise erinnere ein geschorener Nerz eher an einen plüschweichen Teddybären, sagt Verbands-Geschäftsführerin Kolb-Wachtel. Gleichwohl sei auch das klassische ungeschorene Fell des Mardertieres wieder modern.

3500 Kürschnerbetriebe in Deutschland

Wie viele Felle je Mantel verarbeitet werden, ist nach Auskunft von Hans Schwarz, Obermeister der hessischen Kürschnerinnung aus Frankfurt, nicht genau zu sagen. Je nach Stil des Kleidungsstücks und der Verarbeitungstechnik könnten das 25 oder auch 50 sein. Die stark am Trend und der aktuellen Mode interessierten Kunden sind seiner Erfahrung nach bereits mitten im Sommer auf der Jagd nach den im nächsten Winter aktuellen Erzeugnissen seines alten Handwerks. Bei 30 Grad kaufen und im Winter dann abholen: Das ist meist kein Problem. In der Regel bieten Kürschner auch einen Aufbewahrungsservice an.

Überhaupt gibt des unter den bundesweit 3500 Kürschnerbetrieben so manchen kleineren, der vor allem mit Dienstleistungen rund um den Pelz seinen Umsatz erwirtschaftet. Das ist beispielsweise bei Pelz Schmidt im Wiesbadener Stadtteil Biebrich der Fall. Inhaber Helmut Schmidt hatte einmal 14 Mitarbeiter, heute betreibt er mit einer einzigen Aushilfe das Geschäft. Er repariert Pelzkleidung und arbeitet Mäntel nach Kundenwünschen um. Der Service rund um das kostbare Produkt tierischen Ursprungs kann durchaus zu einer recht langfristigen Geschäftsbeziehung zwischen Kürschner und Kunden führen, denn ein Pelz kann auch nach Jahrzehnten noch hohen Ansprüchen genügen, sofern die Besitzerin ihn alle paar Jahre beim Kürschner sozusagen warten oder auch der Mode der Zeit entsprechend umarbeiten läßt, wie Kolb-Wachtel sagt.

Die hohe Nachfrage, die derzeit weltweit nach Fellen herrscht und zu einer Steigerung der Preise um bis zu 30 Prozent geführt hat, geht Kolb-Wachtel zufolge vor allem auf den chinesischen und russischen Markt zurück. Denn gerade die in China erzeugten Felle erfüllten aufgrund mangelhafter Tierhaltung nicht die Qualitätskriterien, die für Ware der oberen Preiskategorie unbedingt notwendig sei. Daher seien auf den Fell-Auktionen inzwischen viele chinesische Aufkäufer zu beobachten, die Felle aus Europa und Amerika ersteigerten, sie dann in China zu konkurrenzlos günstigen Lohnkosten verarbeiten ließen und sie anschließend wieder westwärts verkauften.

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