http://www.faz.net/-gzg-tl54
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.12.2006, 08:00 Uhr

Pelzkleidung Kürschner hätten es gerne kälter

Seit einigen Jahren kauft auch hierzulande die Kundschaft wieder eifrig Pelz, nachdem Designer das Thema wiederentdeckt haben und die heftigsten Proteste von Tierschützern abgeebbt sind. Kürschner wünschen sich deshalb eisige Winter.

von
© F.A.Z. - Baier 25 bis 50 Felle werden je Mantel verarbeitet

Frühlingshafte 13 Grad Celsius im Dezember sind zumindest für den Teil des Umsatzes, den Kürschner aus spontanen Kaufentscheidungen erwirtschaften, geradezu Gift. Trotzdem hofft die Branche, auch dieses Jahr wieder mit einem ordentlichen Plus abzuschließen, wie es beim Deutschen Pelzverband in Frankfurt heißt.

Jochen Remmert Folgen:

Denn seit mehr als fünf Jahren kauft auch hierzulande die Kundschaft wieder eifrig Pelz, nachdem Designer das Thema wiederentdeckt haben und die heftigsten Proteste von Tierschützern abgeebbt sind. 2005 setzte die Branche in Deutschland fast eine Milliarde Euro um und verbesserte sich damit um 4,5 Prozent im Vergleich zum Jahr davor. Weltweit wurde Pelzkleidung für fast 12,8 Milliarden Dollar verkauft, was ein Plus von 9,1 Prozent im Vorjahresvergleich bedeutet, wie Susanne Kolb-Wachtel, Geschäftsführerin des Verbands, berichtet.

Mehr zum Thema

Pelzmäntel sind wieder gefragt

Rolf Schulte, der einen Pelzfachhandel in Frankfurt betreibt, eigene Kollektionen anbietet und an gut 500 Firmen in aller Welt liefert, ist mit der Nachfrage zufrieden, wenngleich auch er sich den Jahreszeiten angemessene Temperaturen wünscht. Den Einbruch im November hat auch er jedenfalls bemerkt. Gleichwohl sei Pelz wieder „sehr in“. Gefragt seien etwa Kombinationen aus Hightechfasern mit Pelz, beispielsweise als Kapuzenfutter. Aber auch der Nerz liegt in der Gunst der Käufer noch immer hoch im Kurs, freilich nicht mehr unbedingt so konservativ geschnitten wie einst für die Großmutter. Zumindest eines steht für Schulte bei einem hochwertigen Nerzmantel, der in der Regel aus Fellen weiblicher Tiere gefertigt wird, fest: „Bei allem, was günstiger ist als 5000 Euro, sollte man ganz genau hinschauen.“ Bei günstigeren Stücken müsse der Käufer womöglich in der Qualität Abstriche hinnehmen. So seien die Felle männlicher Nerze weniger weich und daher eben nicht ganz so hochwertig.

Nerz muß im übrigen, so ist weiter von den Experten zu erfahren, gar nicht mehr aussehen, wie sich der Laie einen Nerz eben so vorstellt. Beispielsweise erinnere ein geschorener Nerz eher an einen plüschweichen Teddybären, sagt Verbands-Geschäftsführerin Kolb-Wachtel. Gleichwohl sei auch das klassische ungeschorene Fell des Mardertieres wieder modern.

3500 Kürschnerbetriebe in Deutschland

Wie viele Felle je Mantel verarbeitet werden, ist nach Auskunft von Hans Schwarz, Obermeister der hessischen Kürschnerinnung aus Frankfurt, nicht genau zu sagen. Je nach Stil des Kleidungsstücks und der Verarbeitungstechnik könnten das 25 oder auch 50 sein. Die stark am Trend und der aktuellen Mode interessierten Kunden sind seiner Erfahrung nach bereits mitten im Sommer auf der Jagd nach den im nächsten Winter aktuellen Erzeugnissen seines alten Handwerks. Bei 30 Grad kaufen und im Winter dann abholen: Das ist meist kein Problem. In der Regel bieten Kürschner auch einen Aufbewahrungsservice an.

Überhaupt gibt des unter den bundesweit 3500 Kürschnerbetrieben so manchen kleineren, der vor allem mit Dienstleistungen rund um den Pelz seinen Umsatz erwirtschaftet. Das ist beispielsweise bei Pelz Schmidt im Wiesbadener Stadtteil Biebrich der Fall. Inhaber Helmut Schmidt hatte einmal 14 Mitarbeiter, heute betreibt er mit einer einzigen Aushilfe das Geschäft. Er repariert Pelzkleidung und arbeitet Mäntel nach Kundenwünschen um. Der Service rund um das kostbare Produkt tierischen Ursprungs kann durchaus zu einer recht langfristigen Geschäftsbeziehung zwischen Kürschner und Kunden führen, denn ein Pelz kann auch nach Jahrzehnten noch hohen Ansprüchen genügen, sofern die Besitzerin ihn alle paar Jahre beim Kürschner sozusagen warten oder auch der Mode der Zeit entsprechend umarbeiten läßt, wie Kolb-Wachtel sagt.

Die hohe Nachfrage, die derzeit weltweit nach Fellen herrscht und zu einer Steigerung der Preise um bis zu 30 Prozent geführt hat, geht Kolb-Wachtel zufolge vor allem auf den chinesischen und russischen Markt zurück. Denn gerade die in China erzeugten Felle erfüllten aufgrund mangelhafter Tierhaltung nicht die Qualitätskriterien, die für Ware der oberen Preiskategorie unbedingt notwendig sei. Daher seien auf den Fell-Auktionen inzwischen viele chinesische Aufkäufer zu beobachten, die Felle aus Europa und Amerika ersteigerten, sie dann in China zu konkurrenzlos günstigen Lohnkosten verarbeiten ließen und sie anschließend wieder westwärts verkauften.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schicker Eismann Ötzi - der Ur-Designer aus den Alpen

Wie waren die Kleider und die Requisiten der italienisch-österreichischen Gletschermumie einst beschaffen? Genanalysen liefern neue Erkenntnisse. Mehr Von Miray Caliskan

19.08.2016, 12:27 Uhr | Wissen
Berlin Unions-Innenminister für Teilverbot der Vollverschleierung

Die Unions-Innenminister von Bund und Ländern haben sich für ein teilweises Verbot der Vollverschleierung ausgesprochen. In einer am Freitag beschlossenen Berliner Erklärung fordern die Minister, dass die Vollverschleierung etwa im öffentlichen Dienst, in Schulen oder auf Ämtern untersagt wird. Verstöße sollten als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Mehr

19.08.2016, 14:01 Uhr | Politik
Prämie für Elektroautos Der Funke springt nicht über

Seit rund sechs Wochen gibt es bis zu 4000 Euro Prämie, wenn man sich ein echtes Elektroauto oder einen Hybriden kauft. Doch das Interesse ist bisher mager. Mehr Von Jochen Remmert, Frankfurt

20.08.2016, 17:03 Uhr | Rhein-Main
Selbstzahler-Leistungen Vorgesorgt – oder nur viel gezahlt?

Der medizinische Dienst der Krankenkassen hat Selbstzahler-Leistungen geprüft und findet: Die meisten bringen nichts. Die Ärzte wehren sich und greifen die Kassen an. Unsere Autorin hat sich die fünf Angebote angesehen, die in den Praxen am häufigsten verkauft werden. Mehr Von Denise Peikert

20.08.2016, 13:16 Uhr | Gesellschaft
Blick in die Kantine Kochen mit dem Smartphone

High-Tech-Kombigarer, Smartphone-Gulasch und Töpfe unter Teilchenbeschuss: Ein Blick auf die Technik moderner Großküchen, die uns Werktätige täglich versorgen. Mehr Von Georg Küffner

19.08.2016, 10:13 Uhr | Technik-Motor

Kulturelle Irritation

Von Stefan Toepfer

Frauen in Niqab sorgen hierzulande für ein Fremdheitsgefühl, das ist aus mehreren Gründen nachvollziehbar. Aber das wichtigere Thema wird ausgelassen: das Kopftuch. Mehr 9