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Passivbauten Haus ohne Heizung

08.11.2007 ·  Dick verpackt und gut durchlüftet kommt das Passivhaus ohne übliche Heizung aus. Bewohner haben es trotzdem warm - und zahlen nur geringe Nebenkosten.

Von Petra Kirchhoff
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Ein ungemütlicher Morgen im November. Draußen bläst ein kühler Wind die Blätter von den Bäumen, drinnen, in einem Einfamilienhaus auf dem noblen Camp King Areal in Oberursel, sitzt Cornelia Thielen im dünnen Blüschen am Esstisch. Dass sie nicht friert – es ist angenehme 21 Grad warm –, ist insofern etwas Besonderes, als es in dem Haus keine Heizung gibt.

Denn das Haus, das die Ingenieurin gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Architekten Sergio Canton, geplant hat und seit acht Monaten mit ihm und den beiden Kindern bewohnt, ist ein sogenanntes Passivhaus. Das heißt, Außenwände und Fenster sind so gut gedämmt, dass die Wärme, die im Haus selbst entsteht – sei es durch Sonnenlicht, Personen oder technische Geräte wie Computer, Föhn und Toaster –, ausreicht, um es warm zu halten.

Luftdicht wie eine Thermoskanne

Von passiven Energiequellen spricht man in diesem Fall. Daher der Begriff Passivhaus, den der Bauphysiker Wolfgang Feist geprägt hat. Er baute 1991 das erste deutsche Passivhaus in Darmstadt-Kranichstein, das er heute noch selbst bewohnt, und leitet sein eigenes Passivhaus-Institut. Der Begriff Passivhaus ist etwas unglücklich gewählt – nicht nur, weil viele Menschen damit nichts anfangen können, sondern auch, weil er verkennt, dass im Passivhaus viel passiert.

Über eine spezielle Lüftungsanlage wird die verbrauchte Luft konstant aus Küche und Bad abgesaugt und Frischluft zugeführt. Der Trick dabei: Bevor die Luft das Haus verlässt, wird ihr die Wärme über einen sogenannten Wärmetauscher entzogen und wieder an die Luft, die ins Haus kommt, sowie ans Brauchwasser für Bad und Küche abgegeben. Für vorgewärmte oder – im Sommer – vorgekühlte Frischluft sorgt ein Sole-Erdwärmetauscher, der im Lavendelbeet vor dem Haus vergraben ist. Nicht viel größer als ein Kühlschrank ist das Lüftungskompaktgerät mit Wärmepumpe, Warmwasserboiler und Wärmetauscher, das diese Prozesse im Haus von Familie Canton/Thielen steuert. Es ist – das Haus hat keinen Keller – geschickt im gleichzeitig zur Garderobe umfunktionierten Wandschrank in der Diele untergebracht und schnurrt nur leise vor sich hin.

„Graues Haus“ hat das Ehepaar sein Objekt genannt – ein Name so schlicht und schnörkellos wie die Architektur des Hauses, dessen Konturen sich wie beim „Haus vom Nikolaus“ mit einem einzigen Federstrich zu Papier bringen ließen. So viel kühle Nüchternheit mag nicht jedem gefallen, gerade die klare Konstruktion erlaubt es aber, das Haus luftdicht wie eine Thermoskanne einzupacken. Dreifachverglast sind die Holzfenster, die Außenwände – ein mehrschichtiges Sandwich-System, das vorgefertigt auf die Baustelle kam, um dann an Ort und Stelle mit Isoliermaterial aufgefüllt zu werden – messen knapp einen halben Meter. Der Luftzug-Test, dem sich jedes Passivhaus unterziehen muss, um undichte Ritzen aufzudecken, ergab einen Luftdichtewert von 0,3. Vorgeschrieben ist für Passivhäuser ein Wert unter 0,6.

Nur 200 Euro Nebenkosten im Jahr

Und so kommt es, dass die Familie bei einer Wohnfläche von 175 Quadratmetern im Monat nicht mehr als 55 Kilowattstunden Strom für Heizung und warmes Wasser verbraucht, womit sich die Energiekosten nach Berechnung der Bewohner – sie zahlen 19 Cent für Ökostrom plus sechs Euro Grundgebühr – auf 17 Euro im Monat belaufen. Damit liegen die Nebenkosten für das gesamte Jahr bei rund 200 Euro. „Ein Standardhaus mit dieser Wohnfläche braucht das Achtfache an Energie. Wir sparen somit jährlich Jahr 1400 Euro“, sagt Thielen.

Rund 260.000 Euro hat der Bau des Hauses gekostet, das aufgrund von Fertigbau-Elementen wie Wände und Bodenplatten in nur fünf Monaten fertiggestellt war. Die Mehrkosten für ein Passiv-Einzelhaus beziffert Thielen mit fünf bis zehn Prozent. Diese hätten sich jedoch wegen der günstigen Nebenkosten schnell amortisiert. Nach ihrer Rechnung schon nach neun Jahren. Ein weiterer Vorteil: Die staatliche KfW Bankengruppe unterstützt die Finanzierung von Passivhäusern mit günstigen Krediten. Allerdings gibt es je Wohneinheit – als solche gilt auch eine Einliegerwohnung – maximal 50.000 Euro. Für diese verlangt die Förderbank zurzeit 2,88 Prozent bei einer Laufzeit von zehn Jahren, 3,39 Prozent (20 Jahre) und 3,55 Prozent (30 Jahre).

Erschwingliche Baukosten, kaum noch Nebenkosten, ein konstant angenehmes Raumklima, wie Thielen betont – gibt es überhaupt einen Haken? „Ich sehe keinen“, sagt sie. Es sei auch nicht so, dass man die Fenster im Passivhaus nicht öffnen dürfe – ein gängiges Vorurteil unter Skeptikern. Thielen versichert: „Wir lüften abends vor dem Schlafengehen und haben im Sommer auch gern mal die Terrassentür offenstehen.“ Im Prinzip hat sie nur einen einzigen Nachteil ausgemacht: Wenn sie bei Freunden zu Besuch ist, die konventionell wohnen und heizen, kann es sein, dass sie mehr friert als früher, weil es „immer irgendwo zieht. Das bin ich gar nicht mehr gewohnt.“

Von diesem Freitag an bis Sonntag finden bundesweit zum vierten Mal die „Tage des Passivhauses“ statt. Veranstalter ist die Interessengemeinschaft Passivhaus. Auch im Rhein-Main-Gebiet haben Interessenten Gelegenheit, Passivhäuser und -wohnungen zu besichtigen und sich an Ort und Stelle bei Bewohnern und Architekten über Technik und Wohnkomfort zu informieren. Adressen stehen im Internet unter www.pasivhausprojekte.de. Dort gibt es auch Informationen über das Haus von Familie Cantón/Thielen (Heinrich-Kappus-Weg 12, Oberursel, Telefon 0 61 71/2 08 71 30), das ebenfalls besichtigt werden kann. Um telefonische Voranmeldung wird gebeten.

Quelle: F.A.Z.
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