06.05.2010 · Sie verkaufen nur über das Internet. Sie sparen Miete und Personal. Kunden treffen sie aber nur am Telefon und im E-Mail-Postfach. Deshalb vermissen reine Online-Händler mitunter das eigene Geschäft. Drei Beispiele aus dem Rhein-Main-Gebiet.
Von Petra KirchhoffSie sind Händler der neuen Generation und verkaufen ausschließlich über das Internet. Die Waren versenden sie zu Kunden überall in Deutschland. Der Vorteil: Sie sparen Miete und Personal. Der Nachteil: Ihre Kunden treffen sie nur am Telefon und im E-Mail-Postfach. Deshalb vermissen reine Online-Händler mitunter das eigene Geschäft. Drei Beispiele aus dem Rhein-Main-Gebiet.
Die Partylöwen von www.yokki.de: Susanne Hagemann und Gracia Ortiz kennen sich schon aus dem BWL-Studium. Während dieser Zeit feierten sie gern Feste, die unter einem Motto standen, mussten aber feststellen, dass Zahnschwarz für die Hexenverkleidung etwa im Sommer nicht einfach zu bekommen war. Als Mütter erfuhren sie später auch, wie aufwendig es ist, Kindergeburtstage zu organisieren, wenn diese etwas mehr als Topfschlagen bieten sollen. Die Nische war erkannt, und so gründeten die beiden Frauen aus Rodgau im Bestreben, sich weiterhin auch um die Familie kümmern zu können, vor vier Jahren einen Online-Shop für Partyzubehör, Yokki.de.
Das Angebot wissen inzwischen nicht nur Mütter aus Kronberg, sondern auch aus Hamburg und München zu schätzen. Bei Yokki können sie von Servietten über Teller und Becher, Luftballons und Girlanden bis hin zu Kostümen, Schminke und sogenannten Mitgebseln die gesamte Ausstattung für Kindergeburtstage zusammenstellen - und dabei theoretisch 36 Mal unter einem anderen Motto feiern. Die Themen gehen einmal quer durchs Alphabet von Arielle über Lillifee bis zu Winnie Puh. Zielgruppe sind Familien, aber auch Erwachsene, die gern mit einem Motto feiern. Firmen machen knapp ein Drittel der Besteller aus.
Ein Jahr lang haben die Unternehmerinnen ihren Shop vorbereitet. „Wir wollten einen professionellen Auftritt“, sagt Hagemann, die Service und Liefergeschwindigkeit im Online-Geschäft für das Wichtigste hält. Innerhalb von 24 Stunden nach Zahlungseingang soll die Bestellung beim Kunden sein. Zwischen 40 bis 60 Pakete am Tag machen die Unternehmerinnen in ihrem kleinen Lager in Rodgau versandfertig. Dabei helfen drei Teilzeitkräfte. Die Anfänge waren hart. Im ersten Jahr haben sich die Shop-Inhaberinnen, die noch einen Kredit abzahlen, keinen Lohn gezahlt. Im zweiten Jahr saß immerhin ein „kleines Gehalt“ drin, inzwischen verdiene man ganz nett, sagt Hagemann, „aber eine Familie könnten wir damit noch nicht ernähren“. Die nächste Investition wird ein neues Lager sein, da das jetzige nicht mehr reicht. Ein kleines Geschäft, eine Art Showroom, könnten sich die Frauen vorstellen. Denn was sie vermissen, sind Anregungen von Kunden. Auch Sonderangebote funktionierten im Netz nicht.
Die Tapezierer von www.juicywalls.com: Auch Mark Hussain und Marcus Dörr aus Offenbach kennen sich aus Jugendzeiten. Früher sind sie zusammen mit der Spraydose losgezogen und haben sich mit Graffiti-Auftragsarbeiten ihr Taschengeld aufgebessert. Später gründeten die beiden eine Agentur für künstlerische Fassaden- und Werbegestaltung, Atmos4, und merkten bald, dass sich auch Privatkunden für schöne Wände interessierten. So spezialisierte sich die Agentur Ende 2007 über den Online-Ableger Juicywalls (übersetzt: „saftige Wände“) auf ein neues Geschäft, das Bedrucken von Leinwänden und Vliestapeten.
Über die Plattform juicywalls.com können Kunden eigene Bilder in Druck geben oder aus einem Bildarchiv mit 1000 Motiven ein Foto, eine Illustration oder ein Museumsgemälde wie die Mona Lisa wählen. Das Leinwand-Geschäft könnten auch viele andere Online-Firmen, sagt Hagemann, der Druck auf Tapete sei jedoch ein Nischenmarkt.
Als Besonderheit nennt der Dreiunddreißigjährige, der sich um das Betriebswirtschaftliche kümmert - Kollege Dörr hat den kreativen Part -, den Walldesigner, ein Programm, das die Agenturleute selbst entwickelt haben. Damit können Kunden Bildmotive in einem simulierten Wohnraum auf die gewünschte Größe in Form bringen und Ausschnitte wählen. Das Programm läuft auch auf Partner-Seiten wie etwa Neckermann.de. Bedruckt und versandfertig gemacht werden Leinenstoff und Tapeten in einer alten, direkt am Main in Offenbach-Rumpenheim gelegenen Fabrik. Hier hat auch die Agentur ihren Sitz. Acht Mitarbeiter gehören zum Team. Noch befinde sich Juicywalls in der Aufbauphase, sagt Hussain, „aber wir verdienen schon Geld damit“. In einem nächsten Schritt wolle man Kunstdrucke auf hochwertigem Papier anbieten. Den Weg in den stationären Einzelhandel schließt der Jungunternehmer nicht aus. Vorbild könnten die Terminals sein, über die Kunden in Hornbach-Baumärkten bei Juicywalls einkaufen. „In dieser Form könnten wir uns einen Store vorstellen.“
Die Tischdame von www.tischtuchtraeume.de: Angelika Voit hatte schon immer ein Händchen für Dekorative. „Das ist mein Ding“, sagt die Gesundheitsberaterin aus Bad Soden, die zur Hochform aufläuft, wenn Gäste kommen. Schon seit langem hatte sie den Wunsch, dieses Potential geschäftlich zu nutzen, doch hatte sie sich stets ausbremsen lassen von Skeptikern. Lange ignoriert hatte sie die Möglichkeit, lediglich einen Online-Shop zu eröffnen und kein richtiges Geschäft mit hohen Fixkosten. Jetzt will sie es wissen und ihre Tischtuchträume im Internet unter genau diesem Namen verwirklichen. In Eigenregie hat sie den Shop vorbereitet, Logos entworfen, Kontakt zu Näherinnen und Stofflieferanten aufgenommen und zuletzt auch den geplanten Urlaub im Mai abgeblasen, damit der Shop Ende des Monats online gehen kann.
Was die Gesundheitsberaterin, die dies vorerst auch noch bleiben will, vorhat, kann man bereits im Internet nachlesen. Verarbeiten will sie auf Wunschmaß feine Stoffe, Samt, Feincord und Kunstleder. Diese werden in verschiedenen Wohnwelten präsentiert. Zielgruppe seien Menschen, die ihren Gästen etwas Besonders bieten möchten. Das soll auch etwas kosten dürfen. Voit ist sich im Klaren darüber: Sie muss die Sache langsam angehen. So bietet sie vorerst auch keine Kreditkartenzahlung an, weil dies alles Geld kostet. Die Überprüfung von Widerrufsbelehrung und Allgemeinen Geschäftsbedingungen durch Juristen war teuer genug.