24.07.2010 · Knapp hundert mal fünf Meter misst der neue Schriftzug an der Commerzbank-Arena. Gebaut hat ihn ein Unternehmen aus Offenbach, das auch schon den Moskauer Hauptbahnhof mit Leuchtlettern versehen hat.
Von Tim Kanning, OffenbachNoch sieht es ein bisschen aus wie Scrabble für Riesen. Ein fünf mal sechs Meter großes, zwei Tonnen schweres M aus Stahlrohren, LED-Technik und gelbem Spanntuch steht neben einem ebenso großen R, einem O und einem C auf dem Hof der Nordlicht Licht- und Werbetechnik GmbH in Offenbach. Bis Ende des Monats werden insgesamt 16 Buchstaben zum Frankfurter Stadion verfrachtet. Jeder einzeln, als Schwertransport mit Polizeieskorte.
Auf dem Dach sollen sie dort in der neuen Bundesligasaison vom Namenssponsor künden. „Commerzbank-Arena“, in der überarbeiteten Schriftart und mit dem neuen Logo – so soll es dann selbst von ankommenden Flugzeugen aus zu sehen sein. Mit fast hundert Metern Länge ist der Namenszug nicht viel kürzer als jener in den Hollywood-Hills.
Eine Krise ist für das Unternehmen eher von Vorteil
So manches, was in der Region an prominenter Stelle leuchtet, kommt aus der Werkhalle im Offenbacher Osten. Das Leuchtbanner von Peek & Cloppenburg an der Zeil ebenso wie der Werbeschriftzug der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Frankfurter Hauptbahnhof. Schilder für die Frankfurter Messe haben die Offenbacher schon angefertigt, ebenso auch den Schriftzug über dem Eingang von „My Zeil“. Seit sechzig Jahren stellen die Mitarbeiter von Nordlicht schon Leuchtreklame aller Art und Größe her.
Eine Krise, wie sie derzeit die Wirtschaft durchschüttelt, ist für das Unternehmen eher von Vorteil, sagt Dirk Schmitt, der vor einem Dreivierteljahr die Mehrheitsanteile von der Witwe des Nordlicht-Gründers Kurt Krusche übernommen hat. „Wenn sich viele Unternehmen zusammenschließen und daraus ein neuer Auftritt resultiert, dann spielt uns das den Ball zu“, sagt Schmitt. Denn mit Fusionen und Übernahmen entsteht auch immer wieder Bedarf an neuen Schildern. Auch den gerade fertiggestellten Auftrag für die Commerzbank-Arena haben die Offenbacher dem Zusammenschluss des Kreditinstituts mit der Dresdner Bank und der darauf folgenden Markenumstellung zu verdanken.
Ein Unternehmen wie eine große Familie
4,2 Millionen Euro Umsatz macht Nordlicht nach eigenen Angaben im Jahr. Der Wert schwankt, je nachdem, wie viele Großaufträge reinkommen. Einzelne solcher Projekte könnten schon mal ein paar hunderttausend Euro einbringen, sagt Uwe Wichert. Der heutige Geschäftsführer hat vor mehr als 40 Jahren seine Lehre bei dem Unternehmen angefangen, das bis heute von den Angestellten wie eine große Familie beschrieben wird.
60 Männer und Frauen arbeiten bei Nordlicht. Schlosser, Schreiner, Elektriker, Glasbläser – um eine Leuchtreklame zu erstellen, bedarf es vieler Gewerke. Wenn sehr schnell größere Aufträge bearbeitet werden müssen, buchen sie auch Leiharbeiter dazu.
Internationale Bekanntheit erhielt Nordlicht erstmals durch eine Pralinenschachtel. Für Ferrero fertigte das Unternehmen 1969 eine 24 mal 12 Meter große Mon-Chéri-Packung an, die im Frankfurter Hauptbahnhof aufgehängt wurde. Mit Leuchtschriftzug und Blumendekor habe die ganze Werbeanlage 56 mal 28 Meter gemessen und sei vom Europäischen Verband der Lichtwerbung als damals größter und schönster Werbeschriftzug Europas ausgezeichnet worden, berichtet Personalleiter Norman Spindler-Skirde.
Spektakuläre Aufträge aus dem Ausland
Seither hat das Unternehmen auch immer wieder spektakuläre Aufträge aus dem Ausland bekommen. In den neunziger Jahren ließ Libyens Staatschef Gaddafi mehrere Nordlicht-Mitarbeiter einfliegen, um in Sirte ein Kongresszentrum mit arabischen Schriftzeichen zu versehen. Kyrillische Buchstaben aus Offenbacher Fertigung zieren den Eingang des Moskauer Hauptbahnhofs.
Verständlich, dass Schmitt eher abschätzig vom Brot-und-Butter-Geschäft spricht, welches das Unternehmen mit Leuchtkästen für Parkhäuser oder hinterleuchteten Apotheken-Symbolen macht. Eigentlich verstehe man sich nicht als Serienhersteller, sagt er. Dennoch will er den Onlinevertrieb für solche Standardprodukte ausbauen, damit kleinere Einzelhändler schneller und unkomplizierter einfachere Leuchtwerbung bei Nordlicht bestellen können.
Umstellung auf LED kommt einem Aufbruch in ein neues Zeitalter gleich
Vor allem der Vormarsch der neuen Leuchttechnik LED bringt den Offenbachern immer wieder neue Aufträge ein. Denn viele Unternehmen misten ihre alten Leuchtstoffröhren nicht nur in den Büros, sondern auch an ihren Häuserfassaden aus, um sie durch die energiesparende neue Technik zu ersetzen. Beim neuen Schriftzug am Stadion sollen die LED-Lämpchen weniger als die Hälfte des Stroms verbrauchen, den zuvor die Leuchtstoffröhren benötigten.
Bewegliche Werbeflächen, wie sie auch an den Fußballfeldern während der Weltmeisterschaft zu sehen waren, würden künftig auch in den Innenstädten häufiger zu sehen sein, erwartet Spindler-Skirde. Einen zweiten Piccadilly Circus werde es aber wohl in Frankfurt auch weiterhin nicht geben. Doch dass bewegliche Medien sich im Stadtbild verbreiten werden, davon geht er schon aus.
Für das Unternehmen kommt die Umstellung auf LED einem Aufbruch in ein neues Zeitalter gleich. Lange stellten gebogene und eingefärbte Neonröhren das wichtigste Geschäft dar. Heute beschäftigt Nordlicht noch zwei Glasbläser, die klare, gerade Glasrohre in unterschiedlichste Formen und Farben verwandeln können. Da die Neonleuchtschrift aber für Unternehmen und Gaststätten zunehmend unattraktiv wird, versucht Nordlicht vor allem das Geschäft mit Künstlern auszubauen. Für Lichtinstallationen ist die klassische Variante immer mal wieder interessant.
Von den Ursprüngen der Zunft ist all das freilich weit entfernt. Die sieht Spindler-Skirde im Mittelalter. Schon damals hätten Gastwirte schließlich im Dunkeln mit harzgetränkten, glimmenden Kienspänen auf ihre Schänken aufmerksam gemacht und Maler die Schilde von Rittern für Schaukämpfe mit deren Wappen versehen.