28.06.2007 · Normalverdiener in Deutschland leiden keine Not. Auch mit Kindern ist durchaus ein Urlaub drin, bei manchen sogar Zins und Tilgung für ein Haus. Doch ohne Transferzahlungen wie Kindergeld ginge vieles nicht.
Von Jochen RemmertEs ist noch gar nicht so lange her, da hätten die Holtmanns aus Wiesbaden als Paradebeispiel für die deutsche Normalfamilie gelten können. Inzwischen sind sie beinahe zu etwas Außergewöhnlichem geworden. Denn der 40 Jahre alte gelernte Maschinenschlosser Jochen Holtmann hat zusammen mit seiner Frau Bärbel zwei Kinder, die Familie zahlt ein Haus ab und bestreitet den Lebensunterhalt für vier Personen mit nur einem Gehalt. Normalerweise ist das alles heutzutage für einen Alleinverdiener aus der Mittelschicht kaum mehr zu schaffen.
Holtmann hat sich aber im Laufe der 24 Jahre seit Beginn seiner Lehrzeit beim Wiesbadener Gleitlagerhersteller Glyco, der inzwischen zum amerikanischen Federal-Mogul-Konzern gehört, immer weitergebildet. Heute ist er dort technischer Angestellter und im oberen Drittel der Entgeltskala der Metallbranche angekommen. Mit rund 3500 Euro brutto, von denen schließlich in der Steuerklasse 3 noch um die 2300 Euro netto im Monat für zwei Erwachsene und zwei Kinder bleiben, lassen sich trotzdem keine „großen Sprünge“ machen, wie Holtmann sagt – auch wenn der jüngste Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie für ein Plus von netto 100 Euro gesorgt hat.
Keine Klagen: Jahresgehalt von 50.000 Euro
Ohne ein Erbe, einen Anteil am Elternhaus, hätte er den Kauf eines Hauses wohl nicht wagen können. So aber verfügte er über das Eigenkapital, das jede Bank fordert, wenn sie ein Haus finanzieren soll. Mit 900 Euro halten sich die Zins- und Tilgungszahlungen auf dem Niveau der Monatsmiete für eine Vier-Zimmer-Wohnung in Wiesbaden. Die Nebenkosten kommen noch dazu. Bärbel Holtmann ist Schriftsetzerin, doch als das erste Kind kam, entschloss sich das Paar, die Erziehung nicht an Dritte zu delegieren, wie der Mann sagt. Seine Frau gab die Berufstätigkeit erst einmal auf.
Transferleistungen bessern das Familienbudget etwas auf. Da ist einmal das Kindergeld von rund 300 Euro im Monat. Die Eigenheimzulage beschert den Holtmanns noch einmal 4000 Euro jährlich auf insgesamt acht Jahre. Vier davon sind verstrichen. Bei der Finanzierung haben sie dieses Geld, anders als andere Häuslebauer, nicht einkalkuliert – um ein Sicherheitspolster zu haben. Eigentlich hatten sie gehofft, es zu sparen und früher wieder schuldenfrei werden zu können. Unvorhergesehene Reparaturen an der Waschmaschine oder am Auto durchkreuzen solche Pläne aber regelmäßig.
Holtmann klagt nicht. Er weiß, dass er mit einem Jahresgehalt von um die 50.000 Euro durchaus zu den recht ordentlich verdienenden Arbeitnehmern in Deutschland gehört. Aber es ärgert ihn, dass nun beispielsweise eine zusätzliche private Absicherung für das Alter gefordert wird, obwohl gerade die Beträge für die Rentenversicherung, aber auch die Krankenversicherung immer wieder steigen und das Nettoeinkommen der Familie senken. „Unsere zusätzliche Altersversorgung ist vor allem das Haus, ansonsten wir können uns nicht noch großartig absichern“, sagt er.
Familienurlaub ohne Flugreisen
Glücklicherweise sei bei seinen Kindern das Thema Markenkleidung kein oder zumindest noch kein Problem, wie dies in manchen anderen Familien der Fall sei. Geld brauchen die Kinder aber trotzdem: „Vor allem, wenn die beiden zusammen einen Schuss nach oben tun, dann kostet das, dann müssen gleich zweifach neue Sachen her“, sagt Holtmann. Natürlich freut er sich und ist stolz, wenn sich seine beiden Jungs prächtig entwickeln – doch: „70 Euro für ein Paar anständige Schuhe, Sandalen für den Sommer, da sind ganz schnell einmal ein paar hundert Euro zusammen.“
Der 13 Jahre alte Nils besucht das Oranien-Gymnasium in Wiesbaden, sein fünf Jahre alter Bruder Kai noch den Kindergarten. Für Chemie und Physik interessiere Nils sich sehr. Holtmann weiß aber, dass sich bei einem 13 Jahre alten Jungen die Interessen noch ändern können. In der Freizeit rudert Nils im Verein, das jüngste Trainigslager musste er aber streichen, denn für eine Klassenfahrt waren 370 Euro aus der Familienkasse zu berappen, da war das Rudern schlichtweg nicht mehr drin.
Großen Wert legen er und seine Frau Bärbel auf den Familienurlaub. Aber auch da sind keine Flugreisen mehr drin – wie früher, als das Paar noch zu zweit war. Nord- und Ostsee stehen stattdessen auf dem Programm. Ohne das Urlaubsgeld und den ein oder anderen Flohmarkt zur Aufbesserung der Reisekasse wäre das aber auch schon schwierig. Immerhin sparen die Holtmanns vom Sommer an die 110 Euro, die bislang in Wiesbaden noch für Kais Kindergartenplatz fällig waren, die Plätze sind künftig unentgeltlich.
Hohe Abgabenlast
Was Familien wie die Holtmanns besonders trifft, ist die gestiegene Mehrwertsteuer. „Wenn sie heute für vier Personen im Drogeriemarkt einkaufen, sind sie ganz schnell 50 Euro los und sehen im Einkaufswagen kaum etwas“, beschreibt Holtmann den Einkaufsalltag. Wenn gleichzeitig Unternehmen steuerlich entlastet würden, sei das aus Sicht eines Normalverdieners nicht recht nachvollziehbar.
Eine Verbesserung der Kinderbetreuung außerhalb der Familie, wie sie die Politik auf die Tagesordnung gesetzt hat, hält Holtmann allenfalls für die zweitbeste Lösung. Seiner Ansicht nach müsste die Abgabenlast so sein, dass eine Familie mit einem Arbeitseinkommen zu versorgen wäre. Anders sei ein Familienleben, in dem Kinder beispielsweise soziale Fähigkeiten erlernten und Werte vermittelt bekämen, kaum mehr möglich, ist er sich sicher.
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