27.08.2009 · Die Fuldaer Händlerfamilie Gutberlet schreibt seit mehr als fünf Jahrzehnten an ihrer Erfolgsgeschichte Tegut. Nun fügt sie ein weiteres Kapitel hinzu. Thomas Gutberlet, Sohn des Chefs, rückt zum Vorstandsvorsitzenden der Handelskette auf.
Von Thorsten Winter, FuldaDiese Uhr springt einem förmlich ins Auge. Klotzig und knallorange. „Ich habe immer gerne Sachen, die orange sind“, sagt Thomas Gutberlet mit Blick auf das Designerteil aus Kunststoff am linken Handgelenk, das mit seinem schwarzen Anzug und dem dunkelblauen Hemd kontrastiert. Orange – das passt. Den Enddreißiger begleitet diese Farbe fast auf Schritt und Tritt: In orange erstrahlt das Unternehmenslogo von Tegut. Die Geschichte der Fuldaer Einzelhandelskette kennt Thomas Gutberlet von Kindesbeinen an. Großvater Theo hat Tegut ins Lebens gerufen und die Leitung 1973 an seinen Vater Wolfgang übertragen. Am Sonntag wiederum übernimmt Thomas Gutberlet von seinem Vater Wolfgang den Vorstandsvorsitz.
Der Junior folgt einem Unternehmer, der vor fast drei Jahrzehnten als erster im klassischen Lebensmittelhandel auch Bio-Produkte in die Regale nahm und damit den Geschmack der Kunden traf (Schon früh auf Bio-Produkte gesetzt). Schritt für Schritt kletterte der Umsatzanteil mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln von 0,5 Prozent auf etwa ein Fünftel. Der Senior verdoppelte binnen 20 Jahren die Zahl der Geschäfte und der Mitarbeiter. Er gründete die Stiftung, die seit zwei Jahrzehnten hinter Tegut steht, und wurde 2007 zum Entrepreneur des Jahres gekürt.
Zuerst Finanzchef, dann Marketingvorstand
Will der neue Chef angesichts dessen gleich eine Duftmarke setzen – so wie der neue Trainer der Frankfurter Eintracht überraschend den alten Kapitän abgesetzt hat? Thomas Gutberlet muss nicht lange nachdenken. Er schüttelt kurz mit dem Kopf und sagt dann mit einem Lachen: „Wenn mir etwas so wichtig gewesen wäre, dass ich es hätte durchsetzen wollen, dann hätte ich es längst durchgeboxt.“ Den selbstbewussten Satz sagt er nicht von ungefähr. Der Enkel des Unternehmensgründers kümmert sich seit dem Herbst 2002 im Vorstand um Sortiment und Marketing von Tegut. Zuvor arbeitete er als Finanzvorstand und betreute auf Geschäftsleitungsebene das Marketing und das Merchandising. Als Schüler jobbte er in der Filiale in Schlitz. Sein damaliger Chef führt heute das Geschäft in Bad Salzschlirf und ist einer der Marktleiter, die der künftige Unternehmenschef kennt und nach Möglichkeit einmal im Jahr besucht.
„Die haben keine Hemmungen, ihre Sorgen und Nöte zu schildern“, hebt er hervor und fügt hinzu: „Das bringt eine gewisse Dynamik ins Unternehmen.“ Und durch den Kontakt zu Mitarbeitern erfahre er, „was wir alles besser machen müssen.“ Derzeit beschäftigt ihn die Kennzeichnung der Preise. Bisher spricht Tegut von Discount-Preisen – aber nicht mit dem gewünschten Erfolg: „Wir haben uns geärgert, dass vielen Kunden nicht erkennen, dass wir Waren zum selben Preis anbieten wie ein Discounter“, erläutert der Sortimentschef. Als Konsequenz schreibt das Unternehmen bei den besonders günstigen Produkten bald „Kleinster Preis“ drauf, um sich zu profilieren.
Wachsender Umsatz mit „Bio“
Ansonsten setzt sich Tegut durch den hohen Anteil von Bio-Produkten sowie von Lebensmitteln aus der Rhön von der Konkurrenz ab – aus der Überlegung heraus, besonders gute Qualität anzubieten, wie Gutberlet sagt. Dies ist keine leere Behauptung. Tegut hat sich verpflichtet, regelmäßig einen Teil der freien Gelder für die Forschung zur Lebensmittelqualität einzusetzen. So fördert es die Zucht sogenannter samenfester Karotten- und Kohlrabi-Sorten als Gegenentwurf zu den üblichen Hybridsorten, deren Samen unbrauchbar sind und von den Landwirten deshalb nicht kultiviert werden können.
Den wachsenden Umsatz mit Bio-Produkten – im ersten Halbjahr belief sich das Plus auf einen einstelligen Prozentsatz – erklärt Gutberlet so: „Ich glaube, dass Kunden fragen: Was fördere ich durch meinen Einkauf?“ Dabei greifen nicht vor allem Betuchte zu Bio-Waren, sondern Kunden, die sich diesem Thema beschäftigen, wie er beobachtet hat. „Da sind auch arbeitslose alleinerziehende Mütter darunter.“ Frauen, die überzeugt seien, ihren Kindern etwas Gutes zu tun, indem sie mit Bio-Produkten kochten.
Der Chef kocht daheim gerne selbst
Kochen wiederum zählt Gutberlet zu seinen Hobbys. In diesen Wochen probiert der verheiratete Vater zweier kleiner Kinder japanische Rezepte aus, weil seine Familie ein Au-pair aus Japan beschäftigt. Sonst experimentiert er am Herd gerne mit Produkten, die Tegut neu im Sortiment hat. Unter der Woche kommt er dazu aber selten. Sein Arbeitstag endet meist erst, wenn der kleine Zeiger auf der orangefarbenen Uhr auf der acht steht.