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Neue Studie : Fachkräftemangel immer größer

Einsturzgefahr: Aufgrund des Fachkräftemangels verlieren Unternehmen nicht nur viel Zeit, sondern womöglich auch Produktionsaufträge. Im Rhein-Main-Gebiet findet jeder vierte Betrieb kein Personal. Bild: dpa

Jeder vierte Betrieb im Rhein-Main-Gebiet findet kein Personal. Die Zahlen sind alarmierend, doch Schlagzeilen produziert das Thema keine mehr. Die Betriebe sind zum Umdenken gezwungen.

          Beim Thema Fachkräftemangel hört schon keiner mehr hin, weil es seit Jahren die Schlagzeilen beherrscht. Dabei ist es für Unternehmen wirklich quälend, wenn sie kein Personal finden. Nicht nur, dass es Zeit kostet, die anderswo besser investiert wäre. Sondern auch, weil bei fehlendem Personal womöglich Aufträge verlorengehen. Eine am Montag veröffentlichte Umfrage des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur an der Frankfurter Goethe-Universität zeigt eindringlich, wie groß dieses Problem inzwischen ist. Danach gibt inzwischen jeder vierte Betrieb im Rhein-Main-Gebiet an, dass er offene Stellen hat, die er nicht besetzen kann. 2014 waren es bei der gleichen Umfrage noch 19 Prozent gewesen, 2015 und 2016 jeweils 22, 2017 nun 26 Prozent.

          Manfred  Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Dabei sind es vor allem die kleineren Unternehmen, die unter Arbeitskräftemangel leiden. Von den Betrieben mit bis zu neun Beschäftigten gaben bei der Umfrage im Herbst vergangenen Jahres 34 Prozent an, ihnen fehle es an Personal, während es umgekehrt bei Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten lediglich sieben Prozent waren; die Betriebe zwischen zehn und 250 Mitarbeitern lagen auch beim Personalmangel zwischen den kleinen und großen Unternehmen.

          Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt dauert bis zu 15 Jahre

          Nach der großen Flüchtlingswelle 2015 wurde eine Zeitlang heftig diskutiert, inwiefern diese Zuwanderer einen Beitrag leisten könnten, die Lücken am Arbeitsmarkt zu schließen. Der Optimismus, der sich zunächst ausgebreitet hatte, ist inzwischen einer nüchternen Betrachtung gewichen; der Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, Dirk Martin, hatte mehrfach vorhergesagt, dass allein die Integration von zwei Dritteln der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zehn bis 15 Jahre dauern werde. Eine sehr lange Zeit also, und vom dritten Drittel ist dann noch gar nicht die Rede. Die Flüchtlinge müssen nicht nur die deutsche Sprache lernen, sondern sich auch qualifizieren.

          Denn die am Montag veröffentlichte Umfrage unter Unternehmen der Region macht dies klar: Helfertätigkeiten werden immer seltener angeboten. Von den offenen Stellen im Herbst 2017 erforderten nur 13 Prozent keine Berufsausbildung. Hingegen wurde in 50 Prozent der Fälle eine abgeschlossene Lehre verlangt und in 23 Prozent der Fälle ein Hochschulabschluss. Bei den verbleibenden 14 Prozent handelte es sich um Lehrstellen. Neben dem schlichten Mangel an Bewerbungen war eine unzureichende Qualifikation von vorhandenen Bewerbern der häufigste Grund, warum die Betriebe in der Region eine offene Stelle nicht besetzen konnten. Interessanter Aspekt: Bei den Beschäftigten mit Berufsausbildung scheiterten 26 Prozent der Einstellungen an zu hohen Lohnforderungen der Bewerber, bei den Beschäftigten im Hochschulabschluss immerhin zwölf Prozent. Bei Lehrlingen und Bewerbern ohne abgeschlossene Lehre spielten Gehaltsfragen hingegen eine nachgeordnete Rolle.

          Betriebsinterne Ausbildung rückt in den Fokus

          Die Unternehmen nehmen den um sich greifenden Fachkräftemangel nicht widerspruchslos hin. Das Institut der Goethe-Universität fragt regelmäßig danach, was in den Betrieben unternommen wird, um Lücken beim Personal zu schließen. Am häufigsten wurde in dem an die Unternehmen versandten Fragebogen angekreuzt, dass man sich mehr um die eigene betrieblich die Ausbildung kümmere, auf Platz zwei kam „Innerbetriebliche Reorganisation“, was immer das im Einzelnen bedeuten mag, auf Platz drei pragmatisch „Höhere Kompromissbereitschaft bei Einstellungen“. Die Weiterbildung von älteren Arbeitnehmern, über die unter dem Stichwort des lebenslangen Lernens viel diskutiert wird, landete hingegen auf dem letzten Platz. Der Haken bei solchen Umfragen ist, dass es an Erläuterungen fehlt, warum dem so ist. Man darf annehmen, dass die Verantwortlichen in den Betrieben ihre Gründe dafür haben, dass sie den naheliegenden Gedanke, das immerhin ja vorhandene und erfahrene Personal nicht weiter zu qualifizieren, so selten in die Tat umsetzen.

          Die Regionaldirektion der Bundesagentur, die die Studie gestern veröffentlichte, ergänzte sie mit dem Hinweis, dass im Februar in Hessen 52660 offene Stellen gemeldet waren, das waren 8,8 Prozent mehr als im Februar vergangenen Jahres. Die meisten offenen Stellen gab es in der Lagerwirtschaft, im Verkauf, in der Altenpflege, unter Berufskraftfahrern, unter Sekretärinnen und generell Bürokräften, im Maschinenbau und im Gebäude- und Personenschutz.

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