05.05.2006 · Ein Unternehmen aus dem südhessischen Bickenbach macht Furore: Die Einzelhandelskette Alnatura profitiert in besonderem Maße vom gegenwärtigen Bio-Boom.
Von Thorsten WinterAn manchen geht auch die hartnäckigste Krise vorbei. Mögen die Menschen in Deutschland erst in diesen Wochen ihre Lust am Konsum wiederentdeckt haben, nachdem Einzelhändler über Jahre den „Käuferstreik“ und bestenfalls stagnierende Umsätze beklagt haben:
Alnatura erfreut sich schon seit längerem einer steigenden Nachfrage und des daraus folgenden Aufwärtstrends bei den Erlösen. Damit verbunden ist bei dem Naturkost-Handelshaus mit Sitz im südhessischen Bickenbach außerdem ein stetiger Zuwachs beim Personal. Und die Wachstumsraten dürften viele andere Branchenvertreter mit Neid erfüllen.
Seit 20 Jahren vertreibt das 1984 unter dem Namen „Konzeption und Vertrieb natürlicher Lebensmittel Dr. Rehn“ in Fulda ins Leben gerufene Unternehmen seine Bio-Produkte. Alnatura-Chef Götz Rehn setzt dabei grundsätzlich auf zwei Vertriebsschienen: Seit Anbeginn finden sich diese in den Regalen der ebenfalls in Fulda ansässigen Lebensmittelkette Tegut und in dm-Drogeriemärkten in Hessen, Thüringen und Bayern; mit den Jahren sind Filialen von Hit, Famila, Combi und Markant in Deutschland sowie Budni im Raum Hamburg und Feneberg im Allgäu dazugekommen.
„Bio liegt allgemein im Trend“
Auch im Ausland ist die Marke in Geschäften von Partnern präsent, so bei dm in Österreich, Kroatien, Slowenien, der Tschechischen Republik, Ungarn sowie bei Cactus in Luxemburg.
Alnatura betreibt jedoch auch eigene Läden. 1987 eröffnete der erste „Super Natur Markt“ in Mannheim. Inzwischen bestehen 22 Filialen. Die meisten finden sich im Rhein-Main-Neckar-Raum, unter anderem in Darmstadt, Frankfurt, Mainz und Viernheim. Und das gut 600 Mitarbeiter zählende Unternehmen will weitere Geschäfte eröffnen.
Im vergangenen Geschäftsjahr 2004/05 erwirtschaftete Alnatura einen Umsatz von 145 Millionen Euro - 24 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei ist das Unternehmen etwa doppelt so stark gewachsen wie der Bio-Markt. „Bio liegt allgemein im Trend“, meint Manon Haccius, die bei Alnatura fürs Qualitätsmanagement und Verbraucherservice verantwortlich ist, mit Blick auf das Wachstum. Doch reicht der Hinweis nicht aus, um die Triebkraft der Marke zu erklären. Immerhin ist das Unternehmen „auch in diesem Jahr wieder zweistellig unterwegs“, wie Haccius sagt, ohne das Umsatzplus zu beziffern.
Kochen als Teil des Lebensstils
So spricht sie denn auch von einer Firmenkonjunktur. Diese versucht Alnatura zu befeuern, indem die Macher „beobachten, was die Menschen bewegt“. Dabei greifen sie aber nicht auf Umfragen unter Kunden zurück, um deren Vorlieben und Wünsche zu erfahren. Vielmehr geht es ihnen darum, Trends aus dem herauszulesen, was Zeitungen, Magazine oder Sender veröffentlichen. „Medien sind ganz, ganz wichtig.“
Demnach gibt es eine „wieder zunehmende Ernsthaftigkeit“ in der Gesellschaft, die sich in einer Abkehr von der „Geiz ist geil“-Mentalität und einer Hinwendung zu Fragen: „Wie ernähren wir uns?“ oder „Was machen wir mit der Umwelt?“ manifestiert. Haccius sieht dahinter nicht solch politische Haltungen wie in den siebziger und achtziger Jahren. Es gehe vielen Menschen, die Bio-Produkte kauften, eher darum, fit zu bleiben und sich etwas Gutes zu tun. Zweitens will sie den „eindeutigen Trend, daß die Menschen wieder mehr selbst kochen“, festgestellt haben. Dies mag angesichts der nicht allein in Frankfurt großen Zahl an Ein-Personen-Haushalten und dem Vormarsch von Fertiggerichten erstaunlich anmuten.
Haccius verweist aber auf die Haltung, Kochen als Teil des Lebensstils zu „zelebrieren“ - und zu einem festlichen Mahl zählen nun einmal hochwertige Zutaten, die anzubieten die Bio-Branche für sich beansprucht. Übrigens auch bei Fertigprodukten wie Tomatensaucen, die anders als übliche Tütensaucen frei von Konservierungsstoffen sind. Sonst wären sie nicht bio. Brot- und Backwaren bezieht Alnatura übrigens von regionalen Bio-Bäckereien.
Verbraucher achten auf Produkttests
Außer Medien und Beobachtungen dienen auch Vorschläge von Kunden dazu, das Sortiment zu verbessern. 700 bis 1000 Kundenkontakte zählt allein die Zentrale in Bickenbach. „Da fallen viele Ideen ab, aber nicht alles läßt sich verwirklichen“, sagt Haccius. Trotz der Einschränkung: Das Alnatura-Angebot wächst ungefähr so kräftig wie der Umsatz. 500 Produkte waren Ende 2005 zu haben, zum Jahreswechsel sollen es gut 600 sein. „So viele haben wir noch nie in einem Jahr gemacht.“
Für den Verkaufserfolg nicht unerheblich sind Produkttests von Verbrauchermagazinen. Wenn ein Produkt bei „Öko-Test“ schlecht abschneidet, „wird es für kurze Zeit kritisch“. Im umgekehrten Fall ist regelmäßig ein Anstieg der Verkäufe zu beobachten - weil kritische Verbraucher auf solche Tests achten. „Man selber guckt ja auch.“