29.03.2006 · Mit Roy Makaay als Werbeträger ging Neosino im Januar an die Börse. Doch seit 9. März ist die Nanotech-Firma mehr im Gerede als im Gespräch: Ihre Mineral-Präparate sollen doch nicht „nano“ sein, so der Vorwurf. Dagegen wehrt sich Neosino mit Studien und mit Verfügungen.
Von Thorsten WinterWas für eine Berg-und-Tal-Fahrt: Am 4. Januar geht Neosino als erstes Unternehmen in diesem Jahr an die Börse. FC-Bayern-Torjäger Roy Makaay als Werbeträger erregt auf dem Börsenparkett in Frankfurt zusätzliche Aufmerksamkeit für diese junge wie kleine Aktiengesellschaft aus Griesheim bei Darmstadt. Die Nanotechnologie-Firma hat zuvor 50.000 Aktien zum Preis von 55,55 Euro je Anteilsschein an internationale Anleger verkauft und mithin etwas mehr als 2,77 Millionen Euro erlöst. Neosino schmückt sich mit dem Titel „offizieller Lieferant des FC Bayern München“, dem es Nahrungsergänzungsmittel verkauft - mit Mineralstoffen wie Magnesium, Kalzium und Silizium darin. Aber nicht einfach nur Mineralstoffe, sondern mineralische Nanoteilchen, wie Neosino sagt. Aber genau diese Angaben stehen seit dem 9. März in Zweifel. Und die Neosino AG, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt, sieht sich im Zwielicht wieder.
In einem an jenem Tag gesendeten Bericht des Fernsehmagazins „Panorama“ will ein Forscher von Nanoteilchen in Neosino-Produkten nichts wissen. Sportler und andere Konsumenten könnten statt dessen auch Kapseln mit Staub einwerfen, heißt es vielmehr. Nun stammt die Kritik nicht von irgendwem, sondern vom Max-Planck-Institut in Potsdam. In der Folge ist nicht nur der Aktienkurs von Neosino von etwa 155 Euro auf bis zu 70 Euro eingeknickt (um sich bis Mittwoch nachmittag wieder auf gut 130 Euro zu erholen). Auch das Geschäft leidet. Der finanzielle Schaden kann noch nicht beziffert werden, vom beschädigten Ruf ganz zu schweigen, wie es bei dem Griesheimer Unternehmen heißt.
Technisch erzeugte Zwerge schwer faßbar
Mit drei Gutachten, die bei einer Pressekonferenz vorgestellt worden sind, versucht Neosino nun gegenzusteuern. Eine der Studien stammt von Professor Klaus Rödelsperger, der ein Labor am Institut und der Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin des Uni-Klinikums Gießen und Marburg leitet. Rödelsperger hat in fünf Neosino-Produkten, den über Apotheken und im Direktvertrieb verkauften Nahrungsergänzungsmitteln im Kapselformat und einer Flüssigkeit, nach Nanoteilchen gesucht. Darunter versteht er Teilchen, die kleiner als 100 Nanometer sind, also höchstens einen zehntausendstel Millimeter messen.
Schließlich kommt der Begriff „Nano“ aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie Zwerg. Und diese technisch erzeugten Zwerge, die Nanopartikel, sind für Otto Normalverbraucher sehr viel schwerer faßbar als Zwerge in Sagen und Märchen. Gefunden hat Rödelsperger 30 bis 100 Nanometer große Stoffe, und zwar in Form von Flöckchen. Was an sich kein Problem darstelle: „Es ist ganz selten, daß ein Primärteilchen allein auftaucht.“ Diese ballten sich in der Regel zu Flocken zusammen und seien schwer auseinanderzuhalten, so der Wissenschaftler.
Nach der Analyse kann er zwar nicht bestätigen, daß Neosino-Produkte drei bis zehn Nanometer große Teilchen enthalten. Aber zehn bis 100 Nanometer kleine Flocken hat er schon gefunden - und Elemente, vor allem Silizium, Kalium, Kalzium und Magnesium. „Also alles das, was Neosino an Wirksubstanzen vorsieht.“ Aus seiner Analyse zieht Rödelsperger den Schluß: „Das widerspricht der Aussage, daß keine Nanoteilchen drin seien.“
Davon abgesehen sieht der Forscher ein „großes analytisches Problem“. Man dürfe nicht erwarten, gleichsam die Rezeptur der Neosino-Produkte nachweisen zu können. Denn die Nanoteilchen sind, wie das Unternehmen sagt, auf Trägerstoffen aufgesprüht, unter ihnen das Mineral Zeolith, ein poröser Stoff. Die Trägersubstanzen sind große Kristalle, auf denen wiederum kleine Kristalle zu finden sind, wie Rödelsperger erläutert. Nicht zuletzt sagt der Wissenschaftler auch, über die Frage, ob und wie die Nanoteilchen im Körper wirkten, nichts sagen zu können. Begründung: „Die Wirkungsweise haben wir nicht untersucht.“
Verfügung gegen „Panorama“ erwirkt
Roy Makaay ist gleichwohl von den „Neosino sport“-Produkten überzeugt: „Ich nehme das schon seit einiger Zeit und fühle mich gut dabei“, wird der Fußballer auf der Bayern-Internetseite zitiert. Die per Trinkampullen zugeführten Mineralstoffzwerge sollen im Körper der FC-Bayern-Spieler das Verletzungsrisiko bei Muskeln, Sehnen und Bändern senken, so Vereinsarzt Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Der „Bayern-Doc“ stütze sich dabei auf Untersuchungen, deren Ergebnisse das bestätigten, was Neosino über seine Produkte verbreite, so ein Vereinssprecher. Und solange keine anderen Studien das Gegenteil bewiesen, beziehe der Verein weiter die Nahrungsergänzungsmittel des Ende 2004 gegründeten Griesheimer Betriebs.
Derweil wehrt sich Neosino auch rechtlich gegen „Panorama“. Die Gesellschaft hat beim Hamburger Landgericht eine einstweilige Verfügung erwirkt, nach der das Magazin nicht mehr behaupten darf, Neosino vertreibe „Nahrungsergänzungsmittel mit falschen Angaben“ und betreibe „offenbar Schwindel mit Nanoteilchen“.