20.08.2010 · Zwei Freunde aus dem Allgäu bringen mit ihrer Frankfurter MoschMosch GmbH Deutschen japanische Küche näher. Und sie expandieren.
Von Mona Jaeger, FrankfurtDie Klebestreifen auf den Steinfliesen lassen erahnen, wo später einmal gekocht werden soll. Von der Decke hängen schwarze Kabel herab, durch die staubigen Fenster fällt trübes Licht herein. Auf einer Kühltheke aus Edelstahl ist ein großer Faltplan ausgebreitet, mit vielen Linien und Zahlen darauf. Hinter dem Bauzaun, mitten im Chaos, formuliert Tobias Jäkel ein ehrgeiziges Ziel: „Wir planen, Mitte September zu eröffnen. Und ich glaube auch, dass wir das schaffen.“ Und dann nennt er dafür einen Grund, auf den man nichts mehr erwidern kann: „weil es immer irgendwie klappt und gerade so alles rechtzeitig fertig wird“. Jäkel ist gerade mit seinem Geschäftspartner Matthias Schönberger dabei, die zehnte japanische Nudelbar unter dem Namen „MoschMosch“ zu eröffnen, was so viel wie „Hallo“ auf Japanisch heißt. Hier im Terminal 1, Bereich A des Frankfurter Flughafens soll es bald Ramen, Sake und Wokgemüse geben – und einen Blick auf die landenden und startenden Flugzeuge dazu. Bis vor kurzem war an diesem netten Standort noch eine Bar. Als deren Vertrag auslief, fragte die Flughafenleitung bei Jäkel und Schönberger nach, ob sie sich vorstellen könnten, ein Restaurant im Terminal 1 zu eröffnen. Sie konnten. Schließlich gibt es
„MoschMosch“ bereits seit Anfang 2008 im Terminal 2.
Die Geschichte von „MoschMosch“ beginnt mit zwei alten Schulfreunden an einem Küchentisch. Jäkel und Schönberger hatten sich schon immer sehr viel zu sagen. So viel, dass sie ihr Chemielehrer in der elften Klasse nach einer halben Stunde auseinander setzte. Da beide nach dem Abitur Hotelmanagement studierten, mag man vermuten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie auf die Ideen kamen, eine eigene Restaurantkette zu gründen. Doch es war eher eine Frage von Heimweh.
Die Rezepte kamen aus dem Internet und von einem befreundeten Japaner
Jäkel und sein Freund Schönberger kommen aus Kaufbeuren im Allgäu. Da ist man landläufig der Meinung, dass es zum satt werden mindestens eines Leberkäsebrötchens bedarf, aber keiner japanischen Nudeln. Jäkel ging nach dem Studium nach Amerika, um in der Hotelbranche zu arbeiten. Schönberger entschied sich für die Tourismusbranche und ging ebenfalls ins Ausland. Stift und Papier, später Handy und Facebook hielten die Freundschaft auch über Tausende von Kilometern aufrecht. Schönberger wurde dann von einem Freund als Wertpapierhändler nach Frankfurt geholt. Nach eigener Aussage habe er so „eine Menge Geld ohne viel Spaß“ verdient. Da kam ihm das Heimweh seines Freundes nach der deutschen Lebensart gerade recht. Jäkel kam zurück nach Deutschland und bezog mit seinem Schulfreund eine Wohngemeinschaft in Frankfurt. An dem besagten Küchentisch erzählte Schönberger von seiner Idee eines Fischrestaurants. „Es gibt in Deutschland nur ,Nordsee‘ und richtig teure Fischrestaurants. Nichts dazwischen. Das dazwischen war meine Idee.“ Jäkel fand die Idee gut, schließlich kannte er diese Restaurantform aus Amerika. Schönberger arbeitete inzwischen bei einer Sushi-Kette, um Branche und Lebensmittel kennenzulernen. Er machte eine Reise nach Düsseldorf, um das dortige Restaurant in Vertretung zu leiten. Am heimischen Küchentisch fiel Jäkel nach Recherchen derweil auf, dass es schwierig werden dürfte, viel frischen Fisch zu bekommen, jetzt und in Zukunft. Da wirkt der folgende Zufall fast unheimlich. Bei einem Gang durch die Düsseldorfer Innenstadt fiel Schönberger eine japanische Nudelbar auf, vor der sich lange Menschenschlangen bildeten, um dünne Nudelsuppen zu essen. Wieder am Küchentisch in der Frankfurter WG angekommen, erzählte er von der Idee einer japanischen Nudelbar. Jäkel, ganz von der Leberkäsementalität seiner Heimat durchdrungen, war zunächst sehr skeptisch. „Das war vor etwa neun Jahren. Zu einer Zeit, als asiatisches Essen als Glutamathölle verschrien war.“ Es war also von Anfang an klar, dass die beiden ihren Gästen viel erklären mussten, um sie zu überzeugen.
2002 eröffnete das erste „MoschMosch“ am Luginsland in Frankfurt. Da beide zu diesem Zeitpunkt noch nie in Japan waren, kamen die Rezepte aus dem Internet, aus Kochbüchern und von einem befreundeten Japaner. Schwerpunkt und bis heute Alleinstellungsmerkmal sind Ramen, Weizenmehlnudeln mit Fleisch oder Gemüse in einer Suppe. Die Gerichte heißen Seelenruhe und Höhenflug. Den gab es für die beiden Geschäftsführer zunächst überhaupt nicht. Der Sommer hatte im Eröffnungsjahr beschlossen, besonders früh und besonders heftig zu kommen. Bei 33 Grad im Schatten ist die erste Wahl des Gastes nicht unbedingt eine heiße Nudelsuppe. Dennoch bekamen Jäkel und Schönberger in dieser Zeit den Frankfurter Gründerpreis verliehen. Die Verleihung fand an einem heißen Tag statt und, ergänzt Jäkel lachend, vor einem fast leeren Restaurant.
Große Kulleraugen und Eichentisch
Es dauerte ein halbes Jahr, bis alle Plätze im „MoschMosch“ besetzt waren. „Mittags ging das schneller. Da probieren die Kunden eher mal etwas aus und nehmen die Gefahr in Kauf, am nächsten Tag sich wieder ein neues Restaurant zu suchen“, sagt Schönberger. Inzwischen arbeiten in den zehn Restaurants 170 Angestellte, 110 davon Vollzeit. Nächstes Jahr sollen, so der Plan, zwei bis drei neue Läden hinzukommen. „Wir wollen regional wachsen“, erklärt Jäkel. So gibt es in Frankfurt bald fünf Restaurants, ein weiteres jeweils in Mainz, Wiesbaden und Heidelberg. Neben dem Rhein-Main-Gebiet haben die Gründer die Region rund um Köln im Auge. Dort und in Düsseldorf gibt es „MoschMosch“ bereits. Das Restaurant am Goetheplatz laufe am besten. Es sei mit mehr als 200 Plätzen drinnen und draußen auch das größte. Die Baustelle im Terminal 2 soll einmal mit nur 90 Quadratmetern zum kleinsten, aber auch zum zweitstärksten Restaurant werden.
Von Anfang sei geplant gewesen, erzählen die beiden Gründer heute, dass sie, anders als in einer traditionellen Nudelbar, nicht selbst am Kochtopf stehen, sondern mehrere systemgastronomische Restaurants leiten wollten. Außerdem kümmern sie sich um die Dinge, die besonders viel Spaß machen. Auf den Speisekarten, die auf jedem Platz in den karg eingerichteten Restaurant liegen, ist ein Haiku zu lesen, eine traditionelle japanische Gedichtform, das die Gründer in ruhigen Minuten selbst dichten. Neben ihr ist ebenfalls eine Kreation der Geschäftsführer zu sehen: Heidi Tama Goshi, Verwandte des fiktiven Erfinders der japanischen Nudelbar und mit ihrem Tirolerhut eine nette Verbindung zu der Heimat im Allgäu.
Die grell pinkfarbenen Speisekarten wirken hingegen etwas deplaziert in dem ansonsten sehr schlicht gehaltenen Laden. Dieser Mix sei gewollt, sagt Jäkel. Und so blickt Heidi Tama Goshi mit ihren typisch japanischen großen Kulleraugen auf den gekalkten Eichentisch mit Astlöchern.