02.11.2003 · Das Jahr 2002 wollten die Möbelhändler eigentlich schnell vergessen, denn der Branchenumsatz des Fachhandels war um real mehr als zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf knapp 23 Milliarden Euro zurückgegangen, ...
Das Jahr 2002 wollten die Möbelhändler eigentlich schnell vergessen, denn der Branchenumsatz des Fachhandels war um real mehr als zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf knapp 23 Milliarden Euro zurückgegangen, wie Andre Kunz sagt, Geschäftsführer des Bundesverbands des Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandels. Branchenfremde Anbieter wie Plus oder Aldi hinzugezählt, sei der Umsatz mit 31 bis 32 Milliarden zu beziffern. Doch auch mit Beginn des laufenden Jahres stellte sich die erhoffte deutliche Besserung für das Gros der Branche zunächst nicht ein, der Bundesverband sieht am Ende des dritten Quartals ein Umsatzminus von real 3,7 Prozent. Die schwache Konjunktur sorgte und sorgt für Unsicherheit bei den Menschen, und so gibt es derzeit kaum eine Branche, von der Bekleidungs- und der Gastronomiesparte einmal abgesehen, die die Konsumzurückhaltung der Verbraucher mehr zu spüren bekommt als der Möbel- und Einrichtungshandel, der allein im Handelskammerbezirk Frankfurt mit 187 Geschäften vertreten ist. Bundesweit gibt es rund 11000 Betriebe mit etwa 110000 Beschäftigten. Zur Zeit sind viele dieser Betriebe vor allem damit beschäftigt, die Krise zu überstehen. Besonders betroffen von der Kaufunlust sind nach Angaben aus der Branche die mittleren Preisklassen und da vor allem Küchen und Schlafzimmer. "Die Küche langt noch eine Weile und ins Schlafzimmer lassen wir sowieso keine Fremden rein, sagen sich die Leute", so die Interpretation eines Händlers. Die Krise hat längst auch große Wettbewerber wie Möbel Walther gezwungen zu handeln. Das Haus mit Hauptsitz und Konzernzentrale in Gründau-Lieblos hatte einen Rückgang des Konzernumsatzes von 684 Millionen Euro auf 586 Millionen im Jahr 2002 und ein Anstieg des Verlusts von 15 auf 78,9 Millionen Euro zu melden. Um gegenzusteuern, legte die Walther-Gruppe, die in Deutschland an mehr als zwanzig Standorten vertreten ist, noch im vorigen Jahr ein Restrukturierungsprogramm auf. Man baute etwa 2000 der gut 5000 Stellen im Konzern ab, gab den Internethandel auf und rückte das Kerngeschäft wieder in den Mittelpunkt, wie Vorstand Klaus Lassek dieser Zeitung sagte. Zum offensiven Teil der Strategie gehöre, das Angebot nach Themen zu ordnen. Beispielsweise würden Küche und Wohn- und Eßzimmer als ein Komplex begriffen und entsprechend präsentiert. Das Mutterhaus in Gründau-Lieblos soll von Januar an nach dieser neuen Linie umgebaut werden.
Mittelständler wie Polster Richter aus Oestrich-Winkel im Rheingau haben nicht weniger zu kämpfen: 2002 hatte das Unternehmen mit mehr als 40 Filialen und zwischen 100 und 200 Mitarbeitern einen Umsatzverlust von bis zu zehn Prozent zu verkraften. "Die Neigung, für gute Möbel viel Geld auszugeben, hat stark nachgelassen", sagt Peter Wegerle, zuständig für Werbung und Controlling in dem Unternehmen, das Polstermöbel der mittleren und gehobenen Preisklasse aus eigener Produktion verkauft. Immer öfter kalkulierten die Kunden ganz bewußt ein, daß ein Möbelstück eben nicht Jahrzehnte seinen Dienst tue, sondern nach fünf Jahren das Zeitliche segne. Und sowas läßt sich dann auch im Discount finden. Basis für eine solche "Aldisierung", so eine brancheninterne Umschreibung des Trends, ist der Import-Möbeldiscounter oder ganz branchenfremde Anbieter aus Fernost, etwa aus China. "Die Chinesen produzieren so billig, daß da auch Polen oder andere Ostblockländer nicht mehr mithalten können", weiß Wegerle. Die tiefgreifende Verunsicherung über die künftige Steuer- und Abgabenlast raubt der Branche zudem die Hoffnung, daß die Bundesbürger wenigstens einen Teil des Weihnachtsgeldes, so wie dies einmal fast schon üblich war, in die Ausstattung der eigenen vier oder mehr Wände stecken.
Um den negativen Trend auszugleichen oder ihm wenigstens die Spitze zu nehmen, haben auch Anbieter von exklusiven, hochwertigen Möbeln längst den Rabatt-Coupon als Anreiz für die Kundschaft entdeckt. Die größte Schwierigkeit bei einer solchen Aktion sei, daß man beim Entwurf eines Coupons kaum ohne juristische Beratung auskomme, klagt Peter Leu über deutsche Regelungswut und lähmende Bürokratie. Er bietet in seinem Bad Homburger Geschäft zusammen mit fünf Mitarbeitern beispielsweise solitäre Stilmöbel an, die noch in der klassischen, äußerst arbeitsaufwendigen Schellackpolitur ausgeführt sind. Betriebe, die solche Stücke fertigen, finde man aber nur mehr in Frankreich oder in Italien. Im Vorjahr hatte er noch einen Rückgang des Auftragseingangs um zehn Prozent zu verbuchen, da es in den Jahren davor aber Zuwächse von bis zu 20 Prozent gegeben habe, sei das eher eine "Konsolidierung" gewesen. In diesem Jahr rechnet er sogar mit einem zweistelligen Plus beim Umsatz. Gleichwohl hat auch Leu eine Strategie gegen die Zögerlichkeit der Kunden entwickelt, von der die Coupon-Aktionen nur ein kleiner Teil sind: Er versucht Kunden die Kaufentscheidung dadurch zu erleichtern, daß er keine oder sehr kurze Lieferzeiten hat.
Daß sich die Kundschaft spontane Kaufentscheidungen immer öfter versagt, hat auch Peter Helberger, Geschäftsführer des gleichnamigen Einrichtungshauses in Frankfurt mit Dependance in Wiesbaden beobachtet. Gleichwohl gingen die Geschäfte in seinem, auf anspruchsvolle designorientierte Möbel spezialisierten Haus, "ganz gut". Seine Strategie lautet "etwas weg vom kalten Mainstream", hin zu wärmeren Farben und klassischer Linie. Das ebenfalls auf designorientierte Kundschaft spezialisierte "Leptin 3" in Frankfurt hat den Beginn der Krise schon früh zu spüren bekommen, weil man viel mit der Finanzbranche zusammengearbeitet hat, wie Geschäftsführer Frank Ziegler sagt. Neben Sparanstrengungen habe man auch Stellen streichen müssen, vor allem aber Geschäftsabläufe optimiert. Mit verstärkter Mitarbeiterschulung und neuen Produkten wie der "Neuen Frankfurter Küche" sieht sich Ziegler nun gut gerüstet.
Ganz spurlos geht die Konjunkturschwäche auch an Branchentrendsetter Ikea nicht vorbei. "Wir spüren die Kaufzurückhaltung besonders bei größeren Möbeln schon", heißt es in der Deutschlandzentrale des schwedischen Möbelhauses in Hofheim-Wallau. Gleichwohl profitiere man von seinem längst im Verbraucherbewußtsein fest verankerten Ruf, ein Niedrigpreis-Möbelhaus zu sein: besonders in Zeiten des Drangs zu Sparen und Rabatt ein großer Marktvorteil. Exakte Zahlen über den Absatz der Möbel und der Wohnaccessoires mit den merkwürdigen Namen wollen die Schweden aber erst Mitte November vorlegen. JOCHEN REMMERT