Am Ende war es zuviel des Guten. „Die Rabattschlachten sind doch in den Kunden drin“, schimpft Steffen Trick mit Blick auf die Werbung der Möbelhausgiganten wie Segmüller und Mann Mobilia. „Es geht kein Kauf ohne Rabatt über die Bühne.“ Leider auch in seinem eigenen Möbelgeschäft in Darmstadt, das nicht zu einer der großen Ketten gehört. Was die Kundschaft erfreute, hat jetzt dazu beigetragen, daß Riegel+Reisse am Luisenplatz Ende Juli nach 56 Jahren schließt.
Der Räumungsverkauf hat längst begonnen. Dabei hat sich Riegel+Reisse eigentlich von der Massenware abgesetzt. Interlübke, Cor, WK - in dem Fachgeschäft sind ausschließlich Möbel der Topmarken zu finden. Doch, so Trick, die wirtschaftliche Flaute habe zu lange gedauert. Zudem wollten sich die Kunden heutzutage nicht mehr mit hochwertigen Möbeln für ein ganzes Leben einrichten.
Potentielle Kunden: „Die, die Porsche fahren könnten“
Es ist das zweite Mal binnen kurzem, daß ein auf hochwertige Möbel spezialisiertes Geschäft in der Region verschwindet. Das Aschaffenburger Einrichtungshaus Walter Diehm fand aber vor einigen Monaten immerhin in verkleinerter Form Unterschlupf in einem anderen Geschäft, nachdem Diehm zunächst sogar die vollständige Schließung angekündigt hatte. Auch dort war von Kaufzurückhaltung, aber auch von hohen Löhnen die Rede.
Es ist offenbar nicht einfach, mit hochwertiger Ware für eine anspruchsvolle Kundschaft zu überleben. Dabei sagen alle Marktforscher, bei Möbeln wie überall sonst in der Konsumwelt verschwinde nicht etwa die Spitze, sondern das mittlere Preissegment. Zudem sollte es an kaufkräftiger Kundschaft gerade im Rhein-Main-Gebiet nicht fehlen. Tatsächlich ist denn auch der ambitionierte WK-Verbund aus Dreieich in der Region, in der er seinen Sitz hat, vergleichsweise stark vertreten. Die Gruppe läßt von beauftragten Designern Möbel entwerfen, die dann von ungefähr 30 Herstellern produziert werden.
Es ist gediegene Ware für eine gereifte wie solvente Kundschaft; unter 2000 Euro ist bei einem Sofa aus der WK-Kollektion nichts zu machen, Ledersofas fangen bei 3500 Euro an. Zehn Prozent der Bevölkerung werden als potentielle Kunden angesehen, „die, die Porsche fahren könnten“, wie Geschäftsführer Dieter Faber sagt. Während WK nach seinen Worten in Millionenstädten wie Hamburg und München gerade einen einzigen Vertragshändler hat, sind es in Frankfurt und Umgebung gleich drei - Meiss in Bad Homburg, Helberger in Frankfurt mit einer Filiale in Wiesbaden und Meiser in Hanau.
Größere Geschäfte halten sich besser
Die beiden Letztgenannten versuchen jetzt, neue Wege zu gehen. Mit Prospekten und im Radio werben sie gemeinsam. Auch wenn die Kundschaft jeweils von weit her kommt, sehen sie sich kaum als Konkurrenten, und die Artikel, die sie vertreiben, sind praktisch dieselben. Zudem versuchen sie, wenigstens im Sommer die Großen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen - mit offensiv beworbenen Rabatten. Vielleicht werde die Zusammenarbeit noch vertieft, heißt es von den Inhabern Peter Helberger und Reinhold Meiser. Die EDV ist schon abgestimmt, die Logistik könnte ein weiteres Thema sein. Eine Fusion wird indes ausgeschlossen.
Nicht leichter wird es für die Fachhändler dadurch, daß auch bei den Branchenriesen Hülsta und Rolf Benz nicht mehr das Ende der Fahnenstange darstellen, sie also auch die noch weitaus hochpreisigere Ware ins Angebot aufnehmen. WK-Geschäftsführer Faber meint zwar, die eigene Kundschaft wolle sich nicht an Sonderangeboten vorbeidrücken, um zu den Möbeln zu kommen. Doch will auch dieser Verbund nicht auf mögliches Zusatzgeschäft verzichten und geht selbst mit der eigenen Zweitmarke Designo auf die Großen zu.
Reinhold Meiser vermutet, daß sich auch innerhalb des Fachhandels nur die größeren Geschäfte halten, wobei er sich mit den eigenen 3000 Quadratmetern gut gerüstet sieht. Meiser wie auch Helberger versuchen zudem, durch die Hereinnahme anderer Geschäfte und Bistros zusätzliche Kundschaft anzulocken - in dem Frankfurter Geschäft sind 500 der 3500 Quadratmeter so genutzt. Während Meiser berichtet, daß nach einer massiven Erweiterung 1999 die Umsätze von Jahr zu Jahr stiegen, gibt Helberger zu, daß sie bei ihm zuletzt zurückgegangen seien und er auch nicht mehr soviel Personal beschäftige wie einst. Er überlegt, zusätzliche Kollektionen spezieller Anbieter aus Italien und Frankreich aufzunehmen, um sich so von der Konkurrenz abzusetzen, kann sich aber auch vorstellen, weitere Fläche an andere abzutreten. Immerhin: Der Bundesverband des Deutschen Möbelfachhandels hat im Dezember nach Jahren der Dürre eine Trendwende ausgerufen. „Viele sind die Billigprodukte leid“, hieß es. Einstweilen können die Fachhändler nur hoffen, daß das mehr war als Pfeifen im dunklen Wald.

