07.03.2011 · Smartphones und andere Kommunikationswege sind das Topthema auf der Cebit gewesen. Ein Frankfurter Unternehmen nutzt die neuen Techniken, soweit es geht – das Büro hat es komplett abgeschafft.
Von Tim KanningDer Arbeitsplatz von Andrea Marlière misst 11,5 mal 6,1 Zentimeter. Er liegt vor ihr auf dem Tisch im Café Rosso in der Alten Oper: Zum Arbeiten braucht Marlière nur ihr iPhone, damit hat sie Zugriff auf alle Daten ihres Unternehmens, der Frankfurter Unternehmensberatung Netco, die für Konzerne wie Bayer Steuerungsmodelle und Managementstrukturen entwickelt. Mit dem Handy hält sie Kontakt zu ihren 15 Mitarbeitern, trifft sich mit mehreren Kollegen zu Telefonkonferenzen, fotografiert wichtige Grafiken, die sie bei Kunden auf Flipcharts entwickelt hat, und schickt sie per E-Mail an Angestellte, die daraus Powerpoint-Präsentationen erarbeiten.
Ein Büro hat die Netco Consulting GmbH seit dem 28. Februar nicht mehr. Das Unternehmen besteht nun fast nur noch virtuell. Die meisten Mitarbeiter seien ohnehin selten in den Räumen in Bockenheim gewesen, sagt Marlière. Wie in vielen Beratungsunternehmen wird der größte Teil der Arbeit bei den Kunden im Haus erledigt. „Vier bis fünf Tage die Woche bin ich unterwegs“, sagt Marlière. Die wenigen Tage, die sie in der Heimat sei, verbringe sie lieber zu Hause in Kronberg. Und so gehe es auch ihren Mitarbeitern. Viele hätten Familie, eine Kollegin habe jede Woche aus München anreisen müssen, ein anderer wolle gerade nach Barcelona ziehen.
Die Folgekosten eines Büros
„Ein Büro ist nur Ballast“, meint Marlière. Die Miete mache zwar nur einen Bruchteil des Umsatzes aus. Aber mit dem festen Standort seien hohe Folgekosten verbunden: die Stunden, die Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit unproduktiv im Auto verbrächten, die Reinigungskräfte, die von einem Mitarbeiter beaufsichtigt werden müssten. Außerdem habe jeder Mensch zu unterschiedlichen Tageszeiten seine produktivste Phase. „Für mich ist es nicht relevant, ob meine Mitarbeiter nachts oder tagsüber arbeiten, ob sie 20 Minuten oder drei Stunden Mittagspause machen“, sagt die Geschäftsführerin. Ihr Lohn richte sich ohnehin danach, wie erfolgreich sie Projekte abschlössen.
Und so ist Marlière den radikalen Schritt gegangen, das Büro in Bockenheim zu schließen. Netco ist nur noch eine Briefkastenfirma, Adresse: Opernturm, Frankfurt. Aus handelsrechtlichen Gründen und für die wenige Post, die heute noch physisch versandt wird, braucht das Unternehmen eine Anschrift. Auch für den Fall, dass Kunden Berater der Netco nicht im Restaurant treffen wollten, könnten sie hier auf Räume in einem Bürocenter zurückgreifen.
Eine Frage von Steuerung und Kontrolle
Das Vertrauen, das Marlière ihren Mitarbeitern entgegenbringt, wenn jeder von zu Hause aus arbeitet, hält sie für selbstverständlich. Zwar arbeitet sie mit den meisten Angestellten schon seit der Gründung von Netco vor zehn Jahren zusammen und kennt sie und ihren Arbeitswillen daher gut. Aber sie ist nach ihren Worten davon überzeugt, dass das Arbeiten ohne Büro auch in größeren Unternehmen funktionieren würde, wo vor allem mit Wissen und Ideen gearbeitet wird. „Viele Unternehmen ersetzen die fehlende Steuerung durch Kontrolle durch Anwesenheit. Sinnvoller ist es, mit den Mitarbeitern klare Ziele zu vereinbaren, dann spielt die physische Anwesenheit keine Rolle“, sagt Marlière. Sie nennt die Auflösung des Büros sogar ein „Mitarbeiterbindungsprogramm“. Schließlich sei ein Arbeitgeber, der den Angestellten ähnlich viele Freiheiten und Eigenverantwortung überlasse, schwer zu finden.
Die Arbeitsplätze zu Hause sind steuerlich absetzbar, das Büromaterial, Drucker, Scanner, Faxgeräte werden jedem zur Verfügung gestellt. Die Daten liegen bei einem externen IT-Dienstleister auf den Rechnern, in einer Private Cloud. Jeder Mitarbeiter kann von seinem iPhone oder dem Laptop auf seine Daten, E-Mail-Programme und Kalender zugreifen. Auch wenn sie Kunden eine neue Präsentation zeigen wolle, lasse sie diese auf einen abgegrenzten Teil der Cloud zugreifen, sagt die Chefin. „Per E-Mail versende ich kaum noch vertrauliche Daten, das ist zu unsicher.“ Die Cloud bei einem professionellen Anbieter hingegen halte sie für sicherer als viele Rechenzentren, die Unternehmen selbst betrieben.
Jeden Freitag eine „Konferenzschalte“
Persönlichen Kontakt zu ihren Kollegen halte sie aber weiter, auch ohne morgens mit ihnen erst einmal einen Kaffee zu trinken. Mit jedem Mitarbeiter spreche sie mehrmals die Woche am Telefon oder per Skype, sie schreibe E-Mails und simse. Jeden Freitag ist „Konferenzschalte“. Bei vielen Kunden seien ohnehin meist mehrere Kollegen zusammen im Einsatz. Einmal im Monat treffen sich die 15 Mitarbeiter zum Mittag- oder Abendessen in Frankfurt. Und dann gebe es ja noch die Weihnachtsfeier.
Marlière hat Netco vor zehn Jahren gegründet, nachdem sie zehn Jahre bei der Deutschen Bank gearbeitet hatte. Als es aufwärtsgegangen sei, habe sie am Rohmerplatz in Bockenheim ein Büro eingerichtet, 500 Quadratmeter, mit Kunst an den Wänden. Gelegentlich organisierte sie auch Kundenveranstaltungen. Doch bald habe sich herausgestellt, dass davon abgesehen niemals Kunden zu Netco kamen. Und so verkleinerte die Unternehmerin das Büro nach und nach – bis nun nur noch ein Handy davon übrig ist.