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Mode Ich war ein Dirndl

 ·  In Frankfurt-Sachsenhausen konzentriert sich nicht nur die Apfelweintradition - es gedeiht auch ein junges Mode-Biotop. Dort wird etwa Bettwäsche für Kleider und Pullover recycelt. Designer arbeiten mit Mustern, die an Tapeten der Zwanziger erinnern.

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Frankfurts Modeszene boomt. Rund 20 Geschäfte mit jungen und relativ unbekannten Designermarken haben in den vergangenen zwei, drei Jahren in der Bankenstadt Fuß gefasst. Ein Schwerpunkt ist dabei die Brückenstraße im Stadtteil Sachsenhausen, nahe dem Apfelwein-Vergnügungsviertel. „Die Mode-Design-Szene ist ein guter Anfang, um Alt-Sachsenhausen vor dem Verfall zu schützen und dafür zu sorgen, dass hier wieder ein urbanes Viertel entsteht“, sagte Robert Bock von der Ausstellungs-Halle in Sachsenhausen. Die Shopping-Meile setzt auf Mode jenseits des Mainstreams und wächst über Frankfurt hinaus, einige Designer verkaufen ihre Mode auch schon international.

„Goyagoya“-Designerin Elena Zenero-Hock beispielsweise hat vor kurzem ihren zweiten Laden in der Brückenstraße aufgemacht. „Freud“ heißt das Geschäft, in dem eine lebensgroße Stoffpuppe des Erfinders der Psychoanalyse auf einer Couch zwischen Love-Love- und Häkel-Kissen steht. An den Wänden: Kleiderstangen mit verspielt-weiblichen Kollektionen, die sie in ganz Europa, Asien und die Vereinigten Staaten verkauft. Zenero-Hock, die als Schülerin eine anthroposophische Schule besuchte, sagt, für sie habe ein gutes Kleid „etwas Heilendes, etwas das Haltung verschafft und die weibliche Form unterstützt, egal in welcher Lage man sich befindet“. Von Herbst an bietet sie neben ihrer neuen Kollektion auch Häkel- und Strickkurse an, als Antiraucher-Therapie oder einfach zur meditativen Entspannung.

Bettwäsche zu Kleidern

Etwas schriller, aber ebenfalls international geht es bei „Ketchup und Majo“ zu. Janina Meyer recycelt für ihre Kleider und Pullover Bettwäsche, Tischdecken, Vorhänge und Decken aus Flugzeugen. Ihre extravagante „Schnarch“-Kollektion schneidert sie aus alten Bettbezügen. Besonders die Kinderbettwäsche weckt wohlige Erinnerungen. Jedes Stück ist ein Unikat und wird bei „Affentor“ gefertigt.

„Affentor“ produziert auch stylische Taschen aus alten Stoffresten. In der Nähwerkstatt, die ihren Standort zunächst am gleichnamigen Platz hatte, begannen vor einem Jahr langzeitarbeitslose Frauen mit einer Ausbildung zur Schneiderin. Wenn demnächst die Produktion der ersten Kleiderkollektion für die Saison Frühjahr/Sommer 2008 beginnt, wird für viele Näherinnen der lang ersehnte Traum von einer Festanstellung wahr.

Recycling-Design gibt es auch bei „Ich war ein Dirndl“ in der Brückenstraße. Ihre Kleidungsstücke stellt Jutta Heeg entweder aus alten Stoffen der fünfziger und sechziger Jahre her, oder sie lässt sich bei einem Modellentwurf vom Stil dieser Zeit inspirieren. Die Politologin entdeckte ihre Leidenschaft für Kleider, als sie im Schrank ihrer Mutter ein altes Dirndl entdeckte. Aus dem Fund entstand ein Rock. Inzwischen sucht Heeg bei aufgelösten Schneidereien nach alter Meterware. „Muster oder Stoffe aus der Vergangenheit bekommen Hand- Stickereien oder eine Bordüre mit Schrift. Dann könnte da zu lesen sein: a rose is a rose is a rose is a rose“, sagt Heeg. Als Kontrast bedruckt sie T-Shirts mit Frankfurter-Motiven wie einem Apfelweinglas oder den Eisernen Steg. Zeichnungen von Motiven des italienischen Akt- und Porträtmalers Amedeo Modigliani finden sich auf Sofakissen.

Dessins erinnern an Tapetenmuster

Außerhalb des Mode-Biotops Brückenstraße arbeitet das erfolgreichste Team: Markus Brunner und Karl Zimmermann mit ihrer Nobelmarke „Aesthetic Industrie“. Die Dessins erinnern an Tapetenmuster der zwanziger Jahre. Spannende Stoffstrukturen sorgen für das gewisse Etwas: „Das wichtigste ist für uns das haptische Erlebnis, die Faszination des Stoffes“, beschreiben Brunner und Zimmermann ihre Philosophie. Ihren Luxus für Frauen und Männer gibt es seit 2004 auch in Paris, Los Angeles, Tokyo, Moskau und sogar in Seoul.

Im Hair-Coffee-Shop „Liebesdienste“ in der Nähe des Hauptbahnhofs verkauft Oliver Metzler seine selbst entworfenen Modelle „Enfants de Paris“. Der Name seiner Kollektion geht zurück auf die Frankfurter Galerie „Parisa Kind“. „Die Kunst die dort hängt, ist immer wieder Inspirationsquelle für meine Kleider.“ Der erfolgreiche Friseur und Modemacher sagt: „Unzufriedenheit mit den Haaren bedeutet Unzufriedenheit mit sich selbst.“ Er wisse, welche Farben und Formen das Innere eines Menschen am besten widerspiegeln und passe der Kundin neben der richtigen Frisur auch das geeignete Material-Mix- Kleid an. Für die Modekollektion Winter 2008/2009 lässt er sich zur Zeit von Städelschüler Florian Heinke anregen, der „tobe sich gerade mit Undergroundmalerei und provozierenden Schriftzügen an unseren Wänden aus“.

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