21.12.2010 · Alexander Desch ist mobiler Herrenausstatter und kommt in Büros und Wohnzimmer, um Männern zum richtigen Outfit zu zu verhelfen.
Von Mona Jaeger, FrankfurtVor fünf Minuten kannten sich Markus und Alexander noch nicht, jetzt sind sie per Du, und Markus lässt vor seinem neuen Kumpel die Hosen herunter. „Probier die mal, die finde ich eigentlich ziemlich geil“, sagt Alexander und reicht dem halbnackten Markus eine schwarze Anzughose. „Die glänzt ein bisschen.“ Glänzend findet Markus auch gut, die beiden Männer haben denselben Geschmack.
Auf einem Teppich mit den Konturen einer Frau in Strapsen – man befindet sich in den Redaktionsräumen einer Erotikzeitung in Frankfurt – steht Markus nun in blauen Socken und einem schwarzen Hochzeitsanzug und blickt an sich herunter. „Nimmst du mich so mit?“, fragt er seine baldige Ehefrau, die ihren Zukünftigen von einem Drehstuhl aus betrachtet. „Auf jeden Fall“, sagt sie, und Alexander ahnt bei diesem Satz, dass damit sein Job getan ist.
Keine Lust auf volle Geschäfte
Alexander Desch, so sein voller Name, weiß, dass einem Herrenausstatter nichts Besseres passieren kann als eine Frau, die einem Mann zu einem bestimmten Outfit rät. Seit 14 Jahren fährt Desch von Jossgrund im Spessart aus als „Anzug Alex“ mit einem schwarzen Transporter durch das Rhein-Main-Gebiet und verkauft Anzüge, Hemden und Krawatten. Die Anzüge kosten 180 bis 400 Euro, Hemden 40 und Krawatten 20 Euro. Desch kommt in die Büros und Wohnzimmer seiner Kunden, immer ein paar Anzüge über den Arm geschlagen, und geht, wenn es sein muss, die ersten Schritte mit auf dem Weg in ein Leben in Nadelstreifen.
So auch heute in der Redaktion der Erotikzeitung „Ladies“. „Nee, unter einen Anzug kannst du kein kurzärmeliges Hemd anziehen, mein Lieber.“ Schade, denn eigentlich mag Markus keine Hemden mit langen Armen, aber er hat schnell erkannt, wer sich hier besser mit Mode auskennt. Markus ist entspannt bis locker, was man auch sein muss, wenn man sieben Tage vor der Hochzeit den ersten Anzug seines Lebens aussucht. „Auf die Stadt hatte ich keine Lust, da ist immer die Hölle los“, sagt er als Begründung dafür, dass er den mobilen Herrenausstatter angerufen hat. Das höre er oft, sagt Desch. Einkaufen sei bei Männern generell unbeliebt, Klamotten kaufen besonders. Der Anzug ist aber für viele die normale Arbeitskleidung, die auch einmal erneuert werden muss.
Die gängigsten Größen immer dabei
Desch zieht mit einem Ruck die Seitentür seines Lieferwagens auf. Der Anzug ist zwar jetzt gefunden, aber die Krawatte passt noch nicht. In das Auto hat er sich einige Kleiderstangen und einen Schrank mit Schubladen einbauen lassen. Etwa 120 Anzüge, 100 Hemden und eben so viele Krawatten fährt Desch immer mit sich herum, das große Auto ist bis oben hin voll. „In den gängigen Größen 48 bis 54 habe ich immer eine größere Auswahl dabei“, sagt er, als er etwas hektisch in einem Karton mit den Krawatten wühlt. Daher sei die Sorge, die sich sein Kunde wegen seines Bauchansatzes gemacht habe, unbegründet. Für den Kunden gibt es die relativ günstigen Preise, weil Desch keine Mitarbeiter und kein Lager hat. Der Keller in seinem Haus muss reichen.
Desch bezeichnet Mode als sein Hobby. Heute trägt er einen schwarzen Anzug aus Samtcord, darunter einen grauen Pulli und einen Schal. „Ich behaupte mal, dass das recht modisch ist.“ In einer Kleiderfabrik in Maintal machte er seine Lehre zum Industriekaufmann und lernte dort alle Stufen der Textilherstellung kennen. In einer Mittagspause rief ihn einmal ein befreundeter Autoverkäufer an und bat ihn, ihm einen Anzug vorbeizubringen – er sitze schließlich an der Quelle. Desch machte den Freundschaftsdienst, und im Autohaus standen dann fünf weitere Verkäufer, die auch gleich einen Anzug wollten. Mund-zu-Mund-Propaganda sei für ihn heute noch das wichtigste Werbeinstrument, sagt er.
Geschäftssinn und ein entspanntes Wesen
Oder der Pragmatismus der Herren. Jens, ein Arbeitskollege von Markus, sieht, wie schnell es beim Anzugkauf gehen kann, und lässt beiläufig den Satz fallen: „Ich benötigte auch mal wieder ein ordentliches Hemd.“ Desch, geschäftstüchtig, wie er ist, mustert Jens kurz von oben bis unten, zeigt mit dem Finger auf ihn, sagt „Du hast Größe 50“ und rennt zu seinem Transporter. Jens zieht seinen Pulli aus, probiert das mitgebrachte Hemd an und kauft es für 40 Euro. Mit Desch ist er jetzt auch per Du. „Ich habe keine Strategie beim Verkaufen, ich kann in der Regel einfach gut mit meinen Kunden“, sagt der Händler. Den größten Teil statte er schon seit Jahren aus. So hat er neben vielen Bankern aus Frankfurt auch einige Prominente in der Kartei: die Fußballmannschaft des 1. FC Kaiserslautern, Maik Franz und Marco Russ von der Eintracht.
Das Handy klingelt. Ein Herr auf der Durchreise, im Hauptbahnhof, Größe 54. Desch macht sich auf den Weg. Vermutlich sei dem Mann am Telefon der Füller ausgelaufen, und er brauche jetzt dringend einen Ersatzanzug. Sogar auf dem Standstreifen an der Autobahn hat er schon einen Anzug verkauft, nachdem ihn ein Autofahrer angerufen hatte, dem seine Nummer auf dem Transporter aufgefallen war. Geschäftssinn und ein entspanntes Wesen sind vermutlich die Gründe dafür, dass „Anzug Alex“ gut läuft.
Frauen sind zu kompliziert
Mit seinem neuen Anzug machte auch der Mann auf dem Standstreifen Werbung für Desch, denn der hat in jedes seiner Kleidungsstücke das eigene Logo nähen lassen. Das geht, weil Desch seine Kollektion für sich produzieren lässt. Drei Händler hat er, bei denen er die Stoffe und Muster einkauft. Ideen hole er sich im Urlaub und in den deutschen Innenstädten, sein größter Einfall sei ihm aber beim Fußballschauen gekommen: das Jogi-Löw-Hemd. Der Bundestrainer habe gern ein teures Hemd von Strenesse getragen. Desch kaufte eins, entwarf ein ähnliches und verkauft es seitdem in großen Stückzahlen.
Am Anfang habe er auch Hosenanzüge für Frauen in seinem Auto gehabt. Doch Desch hat die Damenkollektion schnell wieder aussortiert. Begründung: „Frauen schaffen es nicht, in zehn Minuten einen Anzug auszusuchen. Die sind einfach zu kompliziert.“