25.07.2003 · Fast wie im wilden Westen: Per "Wanted"-Steckbrief fahndet Coca-Cola nach "flüchtigen" Flaschen. Eine wirkliche Belohnung gibt es allerdings nicht - nur das Pfand zurück. Die Anzeigenkampagne soll die ...
Fast wie im wilden Westen: Per "Wanted"-Steckbrief fahndet Coca-Cola nach "flüchtigen" Flaschen. Eine wirkliche Belohnung gibt es allerdings nicht - nur das Pfand zurück. Die Anzeigenkampagne soll die Verbraucher augenzwinkernd auffordern, ihre leeren Mehrwegflaschen in diesen sommerlich heißen Wochen nicht unnötig lange in Kellern und Garagen zu lagern, sondern zügig zurückzugeben und wieder in den Umlauf zu bringen. Denn es wird mancherorts eng mit dem Nachschub an befüllbarem Leergut. Um die bisweilen knappen Ressourcen an Flaschen und Kästen für die gängigeren Getränkesorten nutzen zu können, werden, wie es heißt, zeitweise die Kontingente an Leergut für weniger gängige Sorten - etwa Fanta mit Mangogeschmack oder koffeinfreie Diät-Cola - zurückgefahren.
Vor der Wanted-Kampagne gab Coca-Cola eine Marktstudie bei der Gesellschaft für Konsumforschung in Auftrag, um den Umgang der Verbraucher mit Pfandgut der Verbraucher zu untersuchen. Die repäsentative Befragung von 1012 Verbrauchern ergab unter anderem, daß Beamte bei der Pfandrückgabe überdurchschnittlich flott sind: 60 Prozent dieses Berufsstands bringen Pfandflaschen innerhalb einer Woche nach dem Kauf zurück. Auch die befragten Hessen bummeln bei der Rückgabe des Leergutes nicht: In der schnellsten Gruppe (bis drei Tage) sind sie stark vertreten und in der langsamsten (mehr als ein Monat) überhaupt nicht. Sind also die hessischen Getränkeabfüller mit leeren Mehrwegflaschen stets bestens versorgt? "Wir haben keinen absoluten Notstand, aber im Sommer achten wir verstärkt darauf, daß kein Engpaß entsteht", sagt Bernd Raphael, Gesamtverkaufsleiter bei der Getränkeindustrie Main-Taunus GmbH & Co. KG, einem Coca-Cola Abfüllbetrieb bei Frankfurt. Eine dritte Arbeitsschicht mußte das Unternehmen, ebenso wie andere Cola-Abfüller, wegen des umstrittenen Einwegpfands einlegen, denn "Mehrweg erfordert mehr Aufwand". Generell befürwortet Raphael den Rückgabeaufruf der Zentrale von Coca-Cola Deutschland in Berlin sowie die Einführung von grünen Verschlußkappen, die es erleichtern sollen, die Mehrwegflaschen zu erkennen. Beide Maßnahmen hätten dazu geführt, daß tatsächlich wieder mehr Leergut zurückkomme.
Für den Mangel an Flaschen und Kästen gibt es zwei Gründe: Einerseits der ungewöhnlich heiße und sonnige Sommer, der den Durst und damit den Getränkeverkauf anheizt. Andererseits das zu Jahresbeginn eingeführte Pflichtpfand auf Einwegverpackungen wie Dosen und Plastikflaschen, die mit Getränken wie beispielsweise kohlensäurehaltigen Limonaden gefüllt sind. Es hat dazu geführt, daß Konsumenten häufiger zu Mehrwegverpackungen greifen, teils aus eigenem Antrieb, aber auch, weil der Einzelhandel Einwegflaschen und Dosen aus dem Sortiment genommen hat, um sich den Zusatzaufwand für die Rücknahme zu sparen.
Coca-Cola ist nach eigenen Angaben der größte Mehrwegabfüller Deutschlands und hat 500 Millionen Pfandflaschen im Umlauf. Nach der Einführung des Einwegpfands werden mittlerweile 80 Prozent der Cola-Getränke in Mehrwegflaschen verkauft, vorher lag der Mehrweganteil bei 60 Prozent. Dieser Zunahme versucht der Getränkekonzern mit einem Zukauf von Mehrwegflaschen zu begegnen und mit einer höheren Umlaufgeschwindigkeit. Letzterer dient die Steckbriefaktion.
Der Bewertung "nicht katastrophal, aber angespannt" was die Versorgung mit Leergut betrifft, schließt sich auch Stefan Leppin an. Er leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Radeberger Gruppe, zu der die regional starken Biermarken Henninger, Binding und Römer Pils gehören, und macht vor allem die anhaltende Hitze für die Leergutlücke verantwortlich. "Wir haben den Eindruck, daß vor allem die Verbraucher auf dem Land viele leere Bierkästen behalten," so Leppin, und fügt hinzu, daß in den mehr als 50 Prozent Singlehaushalten in der Mainmetropole ja auch weniger Platz für Leergut sei.
"Wir haben keine total entspannte Situation" sagt Ullrich Schweizer, Geschäftsführer Marketing der Hassia & Luisen Mineralquellen Bad Vilbel GmbH & Co. Ihm machen weniger die Flaschen Sorgen, "die blasen wir selbst", sondern ein bestimmter Wasserkastentyp: "Der Hersteller kommt mit der Produktion nicht nach." Eine regionale Besonderheit stellt Schweizer in den östlichen Bundesländern fest. Dort sei die Kultur der Gartenhütten, also der "Datsche" genannten Wochenendhäuschen, stark verbreitet: "Da sammeln die Leute über den Sommer Getränkekästen an, und wenn es kälter wird, werden wir auf einen Schlag mit dem ganzen Leergut überflutet."
Und wie sieht es beim heimischen "Stöffche" aus? Die Landkelterei Höhl in Hochstadt hat ausreichend Leergut: "Apfelwein ist ja nicht vom Pflichtpfand betroffen," so die Chefin Johanna Höhl. Auch dem Mitbewerber Possmann machen weder Dosenpfand noch Hitze zu schaffen. Verkaufsleiter Helmut Hüther begründet dies mit den hauseigenen Spezialflaschen und -kästen für den Rödelheimer Apfelwein, und meint: "Wir haben vorgesorgt!" VERENA BAMFASTE