06.09.2010 · Immer häufiger wird bei Menschen eine Milchzucker-Unverträglichkeit diagnostiziert. Die Lebensmittelhersteller haben sich längst darauf eingestellt. Nicht alle Produkte sind sinnvoll.
Von Petra KirchhoffLud man früher zum Sonntagskaffee ein, reichte es aus, zusätzlich für Tee und entkoffeinierte Bohnen zu sorgen. Heute sollte ein guter Gastgeber auch laktosefreie Milch und Kaffeesahne im Haus haben, denn mit Sicherheit ist ein Gast dabei, der danach verlangt, weil er keine gewöhnliche Milch - also solche mit Milchzucker (Laktose) - verträgt.
Bei nahezu jedem fünften Mensch in Deutschland ist das so. Ihnen fehlt das Enzym, das Milchzucker im Darm abbaut. Die Folgen sind nicht lebensbedrohlich, aber recht unangenehm. Der nicht abgebaute Zucker vergärt im Darm. Menschen mit Laktose-Intoleranz bekommen daher, wenn sie die falschen Lebensmittel essen, krampfartige Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall. Sie leiden unter Völlegefühl und Übelkeit.
Das war schon immer so, und die Unverträglichkeit hat - auch wenn man den Eindruck hat, sie sei in Mode - nicht zugenommen. Allerdings ist das Bewusstsein für die Unverträglichkeit gestiegen. „Die Diagnose wird heute häufiger gestellt“, sagt Jörg Bojunga, leitender Arzt für Ernährungsmedizin an der Universitätsklinik Frankfurt. Dies habe auch mit neuen, einfachen Messmethoden zu tun.
Umstellung der Ernährung
Mit dem sogenannten Wasserstoff-Atemtest kann laut Bojunga schon innerhalb weniger Stunden festgestellt werden, ob eine Intoleranz vorliegt oder nicht. Der Patient trinkt in diesem Fall eine Testlösung mit Laktose. Die Gase, die dabei im Körper entstehen, werden größtenteils wieder ausgeatmet und können somit gemessen werden. Eine andere Möglichkeit ist, den Blutzuckerspiegel vor und nach Einnahme der Testlösung zu prüfen.
Ein Medikament gegen Laktose-Unverträglichkeit gibt es nicht. Betroffenen bleibt lediglich die Umstellung der Ernährung (siehe Info-Kasten). Und so wundert es nicht, dass mit dem Anstieg der Diagnose auch die Nachfrage nach laktosefreien Milchprodukten deutlich zugenommen hat. Die Handelskette Tegut aus Fulda etwa hat beim Umsatz dieser Sparte im vergangenen Jahr, auch aufgrund neuer Produkte, um 20 Prozent zugelegt, wie eine Sprecherin auf Nachfrage sagt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres lag das Plus bei zehn Prozent, die Flächen neuer Märkte herausgerechnet.
„Wir beobachten in den letzten Jahren eine stetig steigende Nachfrage und haben unser Sortiment entsprechend angepasst“, heißt es auch beim hessischen Bio-Supermarkt-Betreiber Alnatura. Dort wie in konventionellen Supermärkten finden Kunden außer Milch inzwischen eine Reihe anderer laktosefreier Artikel: Butter, Joghurt, Quark, Streich- und Frischkäse, selbst Schokolade gibt es mit verträglicher Milch. Wie ernst die Branche den Markt nimmt, zeigt die Tatsache, dass laktosefreie Milch sogar am Samstagabend zur besten Sendezeit im Fernsehen beworben wird.
Chancen auf mehr Geschäft
Verbraucher müssen für Lebensmittel ohne Milchzucker in der Regel deutlich tiefer in die Tasche greifen. 45 Cent kostet etwa bei Rewe die 250-Gramm-Packung Magerquark. Die laktosefreie Version, die 50 Gramm leichter ist, kostet mit 99 Cent mehr als doppelt so viel. Hersteller begründen die höheren Preise mit der aufwändigeren Verarbeitung.
Und noch ein Markt hat Chancen auf mehr Geschäft: der für Nahrungsergänzungsmittel. Apotheken, Reformhäuser und Drogerien verkaufen Enzympräparate, die zur besseren Verträglichkeit von Laktose beitragen sollen. „Wir empfehlen solche Präparate aber nur für den Notfall“, sagt Ernährungsmediziner Bojunga. Das Problem: Die Einnahme von Enzymen ist nur dann sinnvoll, wenn die Menge auf den Laktose-Gehalt der jeweiligen Mahlzeit abgestimmt ist. Doch wer kann das schon genau abschätzen? In jedem Fall sollten die Kapseln direkt zum Essen genommen werden, rät Sabine Marienfeld, Ökotrophologin an der Uniklinik Frankfurt.
Die Umstellung auf laktosefreie Milch hält Marienfeld bei einer Unverträglichkeit für den sinnvollsten Schritt. Viele andere Angebote sieht sie eher als Teil einer Marketingstrategie. Den meisten Menschen mit Laktose-Intoleranz fehle das Enzym nicht vollständig. „Sie vertragen Milch und andere Milchprodukte sogar in geringen Mengen“, sagt Marienfeld. Und müssten daher auch keine teure Spezialbutter kaufen. Normale Butter habe einen Laktose-Gehalt von 0,6 Gramm auf 100 Gramm. „Das vertragen die meisten.“
Kefir, Spinat und reifer Käse
Den meisten Menschen mit Laktose-Intoleranz fehlt das Enzym, das sie zur Verarbeitung von Milchzucker brauchen, nicht gänzlich. Sie können daher geringe Mengen an Milch und Milchprodukten gut vertragen. Jörg Bojunga, Ernährungsmediziner an der Frankfurter Uni-Klinik, nennt eine Menge von täglich zwölf Gramm, die beschwerdefrei verdaut werden können. Die individuelle Toleranzgrenze müsse jeder für sich austesten.
Grundsätzlich empfiehlt Bojunga bei Laktose-Intoleranz die Umstellung auf eine milchzuckerarme Kost. Für Milch - sie verursacht die meisten Beschwerden - gibt es Alternativen in Form von laktosefreier Milch oder Getränken auf Basis von Soja und Reis.
Gut vertragen werden sogenannte fermentierte Milchprodukte (Joghurt, Kefir), ebenso reifer Weich-, Schnitt- und Hartkäse (Edamer, Camembert, Emmentaler), da sie weniger als ein Gramm Laktose pro 100 Gramm Käse enthalten.
Laktose-Zusätze in Broten, Wurstwaren oder Fertigprodukten sind laut Bojunga so gering, dass sie beschwerdefrei vertragen werden. Laktosefreie Milch enthält im Übrigen die gleiche Menge Kalzium wie normale Milch. Gute Kalziumlieferanten sind auch Käse, Gemüse (Spinat, Fenchel, Brokkoli) und Mineralwasser. (hoff.)