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Medizin Das gute Geschäft mit dem Zweifel: Vaterschaftstests als "Cash-cow"

12.01.2005 ·  In Deutschland werden jährlich bis zu 40.000 Proben für Vaterschaftstests eingereicht. Allein bei der Frankfurter Humatrix AG sind es rund 3.000. Vaterschaftstests gelten dort als „Cash-cow“. Zumindest noch.

Von Michael Seibold
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Geld für Werbung gibt die Humatrix AG schon lange nicht mehr aus. Spätestens seit Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) das erfolgreichste Produkt des Frankfurter Gendiagnostiklabors verbieten will, kennt es jeder Nachrichtenhörer und Zeitungsleser. Bei der Bekämpfung der "Urangst des Mannes" mittels Vaterschaftstest sieht sich das Biotech-Unternehmen als führender Anbieter in Deutschland. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser": Laut Vorstandschef Tobias Gerlinger sorgt das Geschäft mit dem Zweifel für drei Viertel des Umsatzes bei Humatrix.

Der aber droht 2006 zu einem Großteil wegzubrechen, wenn das geplante Gendiagnostikgesetz der Justizministerin wie geplant verabschiedet werden sollte. Das darin enthaltene Verbot von heimlichen Tests ohne Zustimmung der Mutter wird allerdings in der breiten Öffentlichkeit von vielen skeptisch betrachtet: Bei einer Umfrage von Spiegel-Online sprachen sich rund 95 Prozent der Befragten dagegen aus.

Auch Gerlinger glaubt nicht, daß das Gesetz in dieser Form durchkomme, es verletze das Grundrecht des Vaters auf Selbstbestimmung. "Familienpolitisch ist bedenklich, daß damit nochmals die Rechte der Mutter gestärkt werden, der biologische Vater aber weiter entrechtet wird", sagt der Humatrix-Chef. Er hoffe vielmehr darauf, daß das künftige Gendiagnostikgesetz eine Art Labor-TÜV vorsieht, der Standards vorgebe und schwarzen Schafen unter den Billiglabors das Handwerk lege.

Mit 200 Euro sind nur die Laborkosten zu decken

Größte Schwierigkeiten bereiten die privaten Vermittler, die eingesandte Materialproben an anonyme Labors im Ausland weiterleiteten. Bei Angeboten von 200 Euro bekomme auch er Zweifel, ob wirklich getestet oder einfach eine schmucke Urkunde ausgestellt werde. "Mit diesem Betrag könnten wir gerade mal einen Teil der Kosten decken", sagt Gerlinger. Es sei wie beim Goldrausch: Auch da seien es ja nicht die Goldgräber gewesen, die am meisten Profit eingestrichen hätten, sondern die Schippenhersteller.

20.000 bis 40.000 Tests würden in Deutschland jährlich durchgeführt, ein potentieller Markt von gut 30 Millionen Euro. Das meiste davon müßten die wie Pilze aus dem Boden geschossenen Labors an die Gengiganten im Hintergrund abtreten. Das Schweizer Unternehmen Roche hält Patente auf die Polymerase-Kettenreaktion, das Verfahren beim Vergleich der Erbsubstanz. Die Lizenzgebühren sind in den hohen Preisen für die benötigten Chemikalien enthalten. Börsenliebling Qiagen aus den Vereinigten Staaten stellt die Analyseroboter her, die in den Räumen von Humatrix stehen.

Als Quasimonopolisten verdienen auch die Firmen im Umfeld des Genomkartierers Craig Venter kräftig mit. Zehn Mitarbeiter beschäftigt die 2001 gegründete Humatrix AG. Mit den Speichel- oder Haarproben haben sie nur wenig zu tun. "Die Gefahr, daß Proben vertauscht werden, muß minimiert sein", sagt Gerlinger: "Falsche Ergebnisse haben meist irreversible Konsequenzen für die Familien."

3.000 Tests im Jahr - 400.000 Euro Gewinn

Neben dem vollautomatischen Labor sorgt ein Cross-Check der Genanalysen zum Beispiel mit den Gendaten der Mitarbeiter dafür, daß keiner der Laboranten zum irrtümlichen Vater wird. Bislang sei bei Humatrix auch kein falsches Ergebnis bekanntgeworden, eine Sicherheit, die sich Humatrix gut bezahlen läßt. Mit im Schnitt 740 Euro liege man im oberen Preisdrittel, und im Bewußtsein, daß Schicksale an seiner Arbeit hängen, hat Gerlinger den Trost parat: "Ein Vaterschaftstest ist eine einmalige Anschaffung." Je Vater, Zweifel und potentiellem Nachwuchs natürlich. Mit jährlich um die 800.000 Neugeborenen in Deutschland, darunter bis zu zehn Prozent "Kuckuckskindern", ist der Umsatz von Humatrix zumindest für dieses Jahr noch gesichert. Der beläuft sich bei 3.000 Tests auf mehr als 1,2 Millionen Euro, was dem Labor 2004 einen Gewinn von rund 400.000 Euro einbrachte.

Für Firmenmitinhaber Gerlinger ist das Testgeschäft ein sensibles Geschäftsfeld, aber in erster Linie ein Garant für guten Cash-flow. Unter dem Druck, nach dem Ende des New-Economy-Booms neue Mittel für Investitionen zu beschaffen, sei man auf das ertragreiche Geschäft mit den Vaterschaftstests in Amerika aufmerksam geworden. Auf dem deutschen Markt habe Humatrix mittlerweile einen Anteil von 15 bis 20 Prozent. Um weiter zu wachsen und da man weiteren Zweifel bei deutschen Vätern weder wecken könne noch wolle, soll der Vaterschaftstest in Kürze im europäischen Ausland angeboten werden.

Vertrieb über Pharmagroßhändler

Marketing und Vertrieb sollen über die Celesio AG abgewickelt werden. Der Stuttgarter Pharmagroßhändler wird das Humatrix-Produkt unter anderem in Einzelhandelsketten auch englischen Eltern anbieten. Investitionskapital für die europaweite Expansion kam von der Investitionsbank Hessen AG, die im November sechs Prozent der Anteile der Humatrix AG kaufte. Die Mehrheit des Unternehmens bleibt weiterhin in der Hand der Gründer, die auch das Management stellen. Die übrigen Anteile werden gehalten von einem zweiten institutionellen Anleger sowie Privatinvestoren, bei denen es sich überwiegend um Professoren aus der Biotechnologie handelt.

Die beste Werbung für Humatrix gibt es übrigens in den nachmittäglichen Talkshows: Wenn in einer Sendung Dennis erfährt, ob er der Vater der kleinen Jenny ist, dann verläßt sich der Sender meistens auf Humatrix. Bis zu 1.000 Kunden mit Sendungsbewußtsein vermittelt das Labor jährlich an Fernseh-Redaktionen. Da der Test dann unentgeltlich ist, macht das Unternehmen damit vor allem Werbung für die Branche - hoffentlich zum Wohl des Kindes: In etwa einem Fünftel aller Fälle waren die Zweifel berechtigt.

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