13.01.2005 · Beim Hessischen Rundfunk reden derzeit alle vom Sparen, aber niemand weiß, wen es treffen wird. Den Überblick haben derzeit nur die sechs Herren der Geschäftsleitung: Intendant, Fernsehdirektor, Hörfunkdirektor, Justitiar, Betriebsdirektor und der Leiter der HR-Werbung.
Beim Hessischen Rundfunk reden derzeit alle vom Sparen, aber niemand weiß, wen es treffen wird. Den Überblick haben derzeit nur die sechs Herren der Geschäftsleitung: Intendant, Fernsehdirektor, Hörfunkdirektor, Justitiar, Betriebsdirektor und der Leiter der HR-Werbung. Zum Ende des Monats werden sie sich in Klausur begeben und die Stellungnahmen der Fachleute zu jenen genau 39 "Prüfaufträgen" auswerten, die die Geschäftsleitung ausgesprochen hat. Wie diese Aufträge lauten, ist nicht bekannt. Aber es handelt sich um 39 konkrete Fragen, wo Kosten eingespart und wo vielleicht mehr Geld verdient werden könnte (zum Beispiel bei der Vermarktung des Sendesaals). Die Prüfaufträge stellen alles in Frage: Technik, Programm, Logistik und vor allem Personal. Der Sender muß nämlich zu den bis 2008 ohnehin vorgesehenen 100 Millionen Euro noch einmal 30 Millionen sparen. Grund sind die Programmgebühren, deren Erhöhung nicht so üppig ausfiel, wie der Hessische Rundfunk und die anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten es sich erhofft hatten.
Der größte Posten im Sparetat könnte ein freiwilliger Verzicht der Belegschaft sein. Denkbare Bestandteile eines solchen Entgegenkommens der 1750 Festangestellten wären unter anderem eine Arbeitszeitverlängerung oder der Verzicht auf Teile der Sonderzahlungen, die analog zu Weihnachts- und Urlaubsgeld ausgeschüttet werden (Ausgleich für Urheberrechtsleistungen und Überstunden). Der Zeitpunkt für Änderungen ist gut, da der bestehende Haustarifvertrag zum 31.Juli dieses Jahres ausläuft. Elisabeth Treff, die Vorsitzende des Gesamtpersonalrats, sagte auf Anfrage, grundsätzlich brächten die Mitarbeiter dem Hessischen Rundfunk große Loyalität entgegen, "diese Belegschaft hat ein hohes Wir-Gefühl". Die Bereitschaft, gegenüber dem Sender Entgegenkommen zu zeigen, werde dann steigen, wenn ein überzeugendes und über das Jahr 2008 hinausreichendes Gesamtkonzept entwickelt werde, sagte Treff.
Klar ist unterdessen allen Beteiligten, daß ein dauerhafter Spareffekt nicht ohne strukturelle Veränderungen möglich ist, und das heißt auch: Einschnitte beim Programm. Das sagt sich freilich leichter, als es in die Tat umzusetzen ist. Das HR-Fernsehen bildet ohnehin seit Jahren das Schlußlicht unter den sieben dritten Fernsehprogrammen der ARD. Es kommt trotz steigender Akzeptanz auf einen Marktanteil von nur 5,8 Prozent, Marktführer MDR bringt es auf 9,4 Prozent.
Dabei sind die meisten Sendungen mit Hessenbezug recht erfolgreich, etwa die "Hessenschau", "Maintower" oder "alle wetter!" Schwieriger wird es in der sogenannten Primetime nach 20.15 Uhr. Die Formel "Weg mit den wenig erfolgreichen Sendungen!" geht oft nicht auf, weil zum Beispiel ein Programm wie "Hauptsache Kultur" zwar nur von wenigen Menschen gesehen wird, aber zum öffentlich-rechtlichen Rundfunkauftrag gehört. Als Zulieferer für das erste Programm der ARD kann der Hessische Rundfunk auch nicht rücksichtslos kürzen, weil schon jetzt - etwa auf dem Unterhaltungssektor - die Quote nicht erfüllt wird. Welche Programme es also treffen wird, ist noch nicht abzusehen. Fest dürfte aber stehen, daß Sendungen mit "Hessen-Bezug" die besten Überlebenschancen haben.
Bliebe als weitere Sparmöglichkeit das Radio: Auch von einer Zusammenlegung von zwei Hörfunkwellen oder der Aufgabe einer Welle könnte ein Synergieeffekt ausgehen. HR4 ist mit seiner Hessen-Orientierung und einer am Massengeschmack orientierten "Musikfarbe" das erfolgreichste Programm und dürfte deshalb unangetastet bleiben. Die wenig gehörte, aber angesehene Kulturwelle HR2 gilt wegen ihres öffentlich-rechtlichen Auftrags als unantastbar, die Nachrichtenwelle HR-Info ist gerade erst installiert worden. Denkbar wäre also eine Zusammenlegung der Unterhaltungs- und Servicewelle HR3 mit der Jugendwelle YouFM, die konsequent hinter der Privatkonkurrenz von Radio FFH ("Planet Radio") zurückbleibt - 69000 zu 26000 Hörer. Andererseits käme eine Aufgabe des erst kürzlich einem "Relaunch" unterzogenen Programms inklusive der Umbenennung von XXL in YouFM einem Gesichtsverlust gleich. Beobachter glauben, daß am ehesten HR1 zur Disposition stehen könnte, da die Welle nach Abgabe eines großen Teils des Informationsprogramms an HR-Info an Profil verloren habe.
Freilich müßten beim Einstellen oder Fusionieren von Wellen auch die unterschiedlichen Werbeeinnahmen bei den verschiedenen Programmen berücksichtigt werden. Die nach den Sendezeiten differenzierten Werbespots bringen dem Sender jeweils für 30 Sekunden im besten Fall bei HR-Info 135 Euro, bei HR1 315 Euro, bei HR4 930 Euro, bei YouFM 225 Euro und bei HR3 1620 Euro.
Einsparmöglichkeiten bietet natürlich auch das weite Feld der Technik und Logistik. Einen Schritt dorthin hat der Sender längst mit seinen Videojournalisten gemacht: Statt eines kompletten Teams mit Redakteur, Kameramann, Beleuchter und Tontechniker rückt nur noch ein mit Videokamera bewaffneter Journalist aus. Das ist wesentlich preiswerter, soll schnellere Reaktionen des Senders ermöglichen und die Qualität nicht mindern. Auch die Einführung eines "Service-Centers" könnte erwogen werden. Dabei ginge es im Prinzip darum, daß hausintern in Anspruch genommene Leistungen in Rechnung gestellt würden. Das soll dazu führen, daß ein sensibleres Kostenbewußtsein für billigeres Produzieren entsteht.
All dies aber ist Zukunftsmusik. Im März soll der Verwaltungsrat informiert werden, im April muß der Rundfunkrat den Sparplänen zustimmen. Bei allen Unwägbarkeiten steht aber schon heute fest: Je besser die Mitarbeiter informiert, je mehr von ihnen in die Diskussion einbezogen werden, desto eher wird bei der Belegschaft die nötige Einsicht in Sparmaßnahmen wachsen, inklusive Verzichtbereitschaft. Eine solche breite Diskussion kündigte Intendant Helmut Reitze im Gespräch mit dieser Zeitung für den Februar an. Alles andere bezeichnete er als Spekulationen, die er nicht kommentieren wolle. Da der gelernte Journalist Reitze (sein Vorgänger Berg war Jurist) ausdrücklich als Programm-Intendant angetreten ist, richten sich im Hessischen Rundfunk die Hoffnungen darauf, daß sich Kürzungen beim Programm in Grenzen halten. PETER LÜCKEMEIER