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Markenpiraterie Fälscher machen auch vor Bremsen und Viagra nicht halt

06.01.2006 ·  Der Marken- und Produktpiraterie will die Messe Frankfurt mit der Kampagne „Messe Frankfurt against Copying“ begegnen - nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst ihr Geld damit verdient, daß Hersteller auf den Messen die Produkte ihrer Kreativität präsentieren.

Von Jochen Remmert
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Das „Tchibo-Prinzip“ nennt es Stephan Koziol. Der Unternehmen aus Erbach im Odenwald, der sein Geld mit bunten Brieföffnern, Lesezeichen, Eierbechern und anderen alltäglichen Dingen aus Kunststoff verdient, beschreibt so die Strategie des einstigen Kaffeerösters und anderer Handelsunternehmen, billige Plagiate von erfolgreichen Originalen anzubieten. Die Nachfrage dieser Unternehmen ist es Koziols Ansicht nach auch, die etwa China oder Thailand zu den ganz großen Produzenten von Plagiaten hat werden lassen. Von selbst, so ist er sich sicher, käme ein Chinese wohl kaum auf die Idee, bestimmte Produkte so rasch nach der Markteinführung zu kopieren.

Dem Phänomen der Marken- und Produktpiraterie will die Messe Frankfurt GmbH jedenfalls nun mit der Informationskampagne „Messe Frankfurt against Copying“ begegnen - nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst ihr Geld damit verdient, daß Produzenten von Originalen auf den Messen die Produkte ihrer Kreativität und Entwicklungsarbeit präsentieren, um sie auf den Markt zu bringen. Müssen Markenhersteller befürchten, auf Messen bald mehr von „Kopierern“ heim- als von seriösen Geschäftskunden aufgesucht zu werden, könnte das Geschäft der Messe selbst Schaden nehmen.

Bis zu 70.000 Arbeitsplätze vernichtet

Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt GmbH, sieht in der Initiative eine Reaktion auf „alarmierende Zahlen“, wie er gestern sagte. Der Aktionskreis deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie beziffert den Schaden für die deutsche Wirtschaft auf 25 Milliarden Euro in jedem Jahr, bis zu 70.000 Arbeitsplätze würden vernichtet. Weltweit sei von 800 Milliarden Euro Schadenssumme auszugehen, rund acht Prozent des gesamten Welthandels entfällt den Angaben zufolge inzwischen auf Herstellung und Handel mit Produktnachahmungen. Partner der Frankfurter Messe bei der Kampagne sind neben dem Aktionskreis das Europäische Amt für Marken- und Musterschutz, das Deutsche Patent- und Markenamt, der Zoll und die Aktion Plagiarius, die bereits seit 30 Jahren aktiv ist und die dreistesten Plagiate in jedem Jahr mit einer Auszeichnung an den Pranger stellt.

Christine Lacroix, Geschäftsführerin von Plagiarius, berichtet, daß die eifrigen chinesischen Nachahmer schon ganze Straßenbahnen illegal nachgebaut hätten. Offenbar scheint aber auch der chinesische Staat ein gewisses Interesse daran zu haben, Firmen im eigenen Land dingfest zu machen, die mit billig produzierten Markenplagiaten im Ausland Geld verdienen. Das ist zumindest sowohl von der Messe Frankfurt als auch von Klaus Hoffmeister zu hören, der die Zentralstelle Gewerblicher Rechtsschutz bei der Oberfinanzdirektion Nürnberg leitet.

Andere Kenner des China-Geschäfts berichten allerdings davon, daß die chinesische Führung in dieser Frage recht eigenwillig unterscheidet: Der chinesische Staat greife allenfalls dann „hart durch“, wenn es sich um einen der Privatunternehmer handele, dem keine besondere wirtschaftliche Bedeutung beigemessen werde. Wenn es sich dagegen um große Unternehmen etwa aus der von der chinesischen Führung ausgesprochen wichtig erachteten Autoindustrie handele, dürfe der geschädigte Hersteller aus dem Ausland nicht mit der Hilfsbereitschaft chinesischer Behörden rechnen.

Abgesehen von Straßenbahnen und Autos gibt es inzwischen praktisch nichts, wovon die Imagediebe keine billigen Abklatsch produzieren. Das fängt nach Angaben des Markenverbands aus Wiesbaden bei hochwertigen Uhren wie denen von A. Lange & Söhne an und reicht über Massenartikel wie Textmarker von Stabilo bis zu Duschgarnituren des deutschen Markenherstellers Grohe. Und selbst vom zu boulevardesker Berühmtheit gelangten Durchhaltepräparat Viagra sind längst Fälschungen im Umlauf.

Wirtschaftliche Schäden und handfeste Gefahren

Abgesehen von dem wirtschaftlichen Schaden, der den Produzenten des Originals und dem Kunden entsteht, bergen Plagiate auch handfeste Gefahren. So finden sich unter den Nachahmungen beispielsweise Bremsscheiben, die angeblich von Volkswagen oder autorisierten Zulieferern stammen, tatsächlich aber in dubiosen Hinterhoffabriken entstanden sind und unter Umständen schwere Unfälle verursachen können.

Klaus Hoffmeister von der Zentralstelle gewerblicher Rechtsschutz sagt, daß zirka 90 Prozent der Fälschungen aus dem Ausland kommen, vor allem aus China und Thailand, aber auch aus der Türkei, aus Italien. Selbst in Deutschland gibt es jedoch seiner Kenntnis nach Fälscher.

Um das Geschäft mit den minderwertigen Fälschungen wenigstens zu erschweren, kontrolliert der Zoll Hoffmeister zufolge vor allem an internationalen Verkehrsknotenpunkten wie auf dem Flughafen Frankfurt, in Seehäfen und auch an Transitstrecken über Land.

Viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sind diese Kontrollen wohl nicht, denn lediglich fünf bis zehn Prozent des Warenstroms könne man überhaupt sichten, räumt Hoffmeister ein. Gleichwohl kam es im Jahr 2004 zu mehr als 8500 Beschlagnahmungen, bei denen Plagiate im Marktwert von zirka 145 Millionen Euro sichergestellt wurden. Angesichts dessen ist die Menge an minderwertigen Nachahmungen zumindest zu erahnen, die sich unter den 90 bis 95 Prozent nicht kontrollierter Waren befinden dürfte.

Mangelnde Informationen über Kampf gegen „Abkupferei“

Die Kampagne wendet sich vor allem an kleinere und mittelständische Unternehmen, wie Katharina Schäfer vom Deutschen Marken- und Patentamt meinte. Diese seien öfter nicht ausreichend über die Möglichkeit informiert, sich frühzeitig gegen „Abkupferer“ zu schützen. Das ist nicht nur mit Hilfe eines Patents möglich, sondern beispielsweise auch mit sogenannten Geschmacksmustern, die etwa das Design eines Produktes für maximal 25 Jahre schützen. Gerade bei Geschmacksmustern sei das Verfahren zudem einfach und mit 70 Euro Anmeldegebühr nicht teuer.

Stephan Koziol findet das Engagement der Messe zum Schutz der „Wissensarbeit der Hersteller“ löblich. Denn die Plagiatsvertreiber könnten nur deshalb so viel Geld verdienen, weil sie den kreativen Unternehmern diese Wissensarbeit gewissermaßen raubten. Aus seiner Sicht hat Deutschland allerdings im Vergleich zu Belgien und Frankreich auch erheblichen Nachholbedarf. Denn dort seien die Geldstrafen um ein Vielfaches höher.

Verzichten will zwar auch Koziol nicht auf die Möglichkeit, den Fälschern „auf die Finger zu klopfen“. Vor allem aber setzt er auf eine Vorwärtsstrategie, die Trends zu erkennen, Qualität zu liefern und die Marke zu pflegen. Jedes „Leader-Unternehmen“ einer Branche müsse mit Plagiaten rechnen. Im Grunde wäre er sogar ein wenig traurig, wenn nicht mehr kopiert würde, sagt Koziol.

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