25.11.2006 · Der Prozeß gegen den Chef der Deutschen Bank und andere ist auch zu einem Symbol des Diskurses um Manager-Eliten geworden. Denn Manager bewegen sich nicht im luftleeren Raum - sie sind ein Teil der Gesellschaft.
Von Christian SiedenbiedelDie Geschichte von Josef Ackermann und den Millionenprämien ist auch die Geschichte der Auseinandersetzung eines Landes mit seiner Managerelite. Eine Geschichte, in der es nicht nur um Recht geht, sondern auch um Gerechtigkeit und um Neid, um das Mißtrauen, mit dem das Land seit je auf die Bankentürme in Frankfurt blickt, und um die Suche nach neuen Maßstäben, wenn in der Globalisierung alles in der Gesellschaft auf einmal anders wird als früher.
Eine Geschichte, die an jenem Tag begann, als Hilmar Kopper, damals Chef der Deutschen Bank, die Koffer der Familie Ackermann bei einem Zwischenstopp auf dem Frankfurter Flughafen auf dem Flug nach Finnland persönlich trug, um den Manager zu überzeugen, in Frankfurt anzufangen. Eine Geschichte, die einen ihrer traurigen Höhepunkte an jenem Februartag des Jahres 2005 erreichte, als Ackermann bei einer Pressekonferenz verkündete, trotz Milliardengewinnen 6400 Stellen zu streichen - am selben Tag, als in Nürnberg ein neuer Rekord der Arbeitslosenzahlen veröffentlicht wurde.
Das „Victory“-Zeichen und die Reaktionen
Wenn das Verfahren gegen Ackermann eingestellt werden sollte, wird er für viele dennoch verurteilt sein. Jenseits der Frage nach Recht und Rechtmäßigkeit entwickelte sich zwischen Ackermann und der Öffentlichkeit ein Verhältnis, das so in der deutschen Wirtschaftsgeschichte wohl einzigartig ist. Man denke nur an das unselige „Victory“-Zeichen im Prozeß und die Welle der Reaktionen. Ackermann-Biograph Erik Nolmans meint, es sei eine Gefahr, wenn man als Bankmanager immer nur andere Vorstände treffe, daß man das Gespür für die Wirkung in der Öffentlichkeit verliere. Als Ackermann in der vorigen Woche beim Bankenkongreß in der Alten Oper Hunderte von Gästen per Handschlag begrüßte, als er beim Bankenball mit der Oberbürgermeisterin einen Walzer aufs Parkett legte und launig verkündete, wenn das die vielbeschworene Finanzkarawane sei, dann sei er wohl das Kamel - da war er anders.
So wie Deutschland lernen mußte, wie das geht, angelsächsischer Kapitalismus, so mußte Ackermann lernen, daß in Deutschland die Sphären des Wirtschaftlichen und des Politischen nicht wirklich getrennt sind. Noch sein Vorgänger Rolf Breuer hatte verkündet, es sei sinnlos, als Bankmanager zu Sabine Christiansen zu gehen, um für das Denken der Wirtschaft zu werben, weil die Zuschauer ohnehin nur darauf achteten, wer die schönste Krawatte habe. Als der Druck auf Ackermann besonders stark wurde, ging er zu Maybrit Illner. Selbst Kritiker meinten danach, er habe gewinnend gewirkt, gar nicht kalt, und bei der einen oder anderen Sache habe er vielleicht ja sogar recht.
Immer wieder hat Ackermann das Thema angesprochen, ob es überhaupt Sinn habe, daß er etwas gegen die Vorbehalte in der Öffentlichkeit unternehme, oder ob das ein Teufelskreis sei, daß alles immer sofort wieder gegen ihn ausgelegt werde. Als er Geld für Frankfurter Kindergärten habe geben wollen, sagte er einmal, sei ihm bedeutet worden, er solle das besser lassen, das gebe nur Hohn. Immerhin: Als die Zeitschrift „Park Avenue“ ihn zitierte, er sei eigentlich „kein Mensch des Luxus“, da war das für das Satiremagazin „Titanic“ Anlaß, ihn auf seine Art zu loben: „Kein Rittergut in Pommern, kein Maybach mit Hubschrauberlandeplatz - ja nicht einmal ein eigener Flugzeugträger!“
„Manager-Bashing“ der Medien
Unabhängig von der Frage, ob Ackermann sich im Mannesmann-Fall richtig verhalten hat, hat er auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die aus der Tatsache erwachsen, daß die Deutsche Bank in besonderem Maße zu einem globalen Unternehmen geworden ist. Was in London als gut gilt, ist oft das Gegenteil von dem, was man in Frankfurt hören will. Auch andere Unternehmen sollen deshalb bisweilen in London, wo knallharter Kapitalismus medial als sexy gilt, Nachrichten mit anderen Akzenten verbreiten als in Deutschland, wo die Reaktionen auf vermeintliche soziale Kälte rasch negativ ausfallen.
Egal seien Ackermann die Anfeindungen in der Öffentlichkeit nicht gewesen, sagen die Biographen. Als Schweizer habe er zu Anfang kein gutes Netz in Deutschland gehabt, mit der Zeit aber begriffen, daß Verbindungen zu anderen Unternehmen und zur Politik auch für einen Manager in einer so herausragenden Position unverzichtbar seien. Wie die anderen Akteure seiner „Peer Group“ über ihn dächten, sei für Ackermann schon von Bedeutung. Leichter könne er hingegen das ständige „Manager-Bashing“ der Medien abtun.
Die Beziehung zwischen Ackermann und der Frankfurter Stadtöffentlichkeit verlief in einer Art Wellenbewegung. Mal trat er zusammen mit Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) zur Charmeoffensive bei Veranstaltungen an, bei denen man keinen Großbankchef vermutet hätte. Dann ließ er sich mal wieder eine ganze Zeit gar nicht sehen. Mit Energie stellte er sich jedoch an die Spitze der Initiative „Finanzstandort Deutschland“ und übernahm in diesem Jahr auch die Schirmherrschaft über Bankenkongreß und Bankenball. Und manche Beobachter meinen sogar festgestellt zu haben, daß Ackermann neuerdings bisweilen betriebswirtschaftliche Überlegungen aus Imagegründen hintanstelle: Als die Deutsche Bank etwa die Berliner Bank übernommen und sich wieder an der Deutschen Börse beteiligt hat, wurde das als Versuch gewertet, sich als „good corporate citizen“ in Deutschland zu präsentieren - als verläßliches Mitglied der Finanzplatzgemeinde, mit dem Kopf in den Wolken zwar, mit den Füßen aber auf der Erde.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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