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Lust am Einkaufen Das Manufactum-Prinzip

25.02.2010 ·  Ein Haushaltswaren-, Möbel-, Brot- und Käsegeschäft im Opernturm hat den Frankfurtern die Lust am Einkaufen zurückgegeben. Das Manufactum-Prinzip lautet: Nimm deine Kundschaft ernst.

Von Manfred Köhler
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Das ist eben der Unterschied. Wer dieser Tage in Frankfurt zugibt, er sei noch immer nicht in „My Zeil“ gewesen, kommt glimpflich davon. Wer immer noch nicht bei Manufactum war, muss sich erklären. Dabei ist das Einkaufszentrum an der Zeil schon ein Jahr geöffnet, das Fachgeschäft im Opernturm aber erst ein paar Wochen. Manufactum ist Stadtgespräch. Sie haben auch gutes Brot! An diesem Satz erkennt man in Frankfurt gegenwärtig den, der auf der Höhe der Zeit ist.

Manufactum ist Kult, seit Jahren. 1988 erschien der erste Katalog des Versandhauses aus dem Städtchen Waltrop im nördlichen Ruhrgebiet. Das erste Fachgeschäft nach einem Ladenlokal am Stammsitz eröffnete 2001 in München, das in Frankfurt ist das siebte. Der Slogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ wurde zum geflügelten Wort, der Katalog zum Lesestoff. Manufactum ist gerade so viel Kapitalismus, wie selbst Feuilletonisten ertragen. „Hier wurde die schwarz-grüne Koalition vorbereitet“, schwärmte die „tageszeitung“ 2008 mit Verweis auf das neue Hamburger Bündnis. Die „Welt“ meinte bei der Suche nach der deutschen Bürgerlichkeit ausgerechnet bei einer Bücher-Bürste von Manufactum fündig zu werden. Denn ein Bürger sei ein Mensch, der seine Bücher bürste, ergab heftiges Grübeln bei dem Springer-Blatt. Und „sind wir nicht alle ein bisschen manufactum?“, fragte gelegentlich die „Süddeutsche Zeitung“ in einer sonst tiefschürfenden Analyse des deutschen Mittelstands.

Alle? Das würde ihnen natürlich so passen in der Unternehmenszentrale in Waltrop, die stilecht in schicken alten Zechengebäuden untergebracht ist. Augenblicklich ist dort die Freude über den guten Start der Frankfurter Filiale groß. Doch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Ruhm des Versandhauses seine wirtschaftliche Bedeutung bei weitem übersteigt. Über den Jahresumsatz verlautet nichts, aber Geschäftsführer Manfred Ritter lässt doch zumindest erkennen, dass die 100 Millionen Euro, von denen gelegentlich zu lesen war, allenfalls ein fernes Ziel seien. Und selbst wenn die Marke erreicht würde - der gesamte deutsche Versandhandel kommt auf 29 Milliarden. Immerhin verrät Ritter, dass der Umsatz bisher in jedem Jahr gestiegen sei, also auch in der Krise 2009.

Produktpalette auf Kleidung, Möbel und Lebensmittel ausgeweitet

Das von dem Buchhändler Thomas Hoof gegründete Unternehmen gehört seit 2008 vollständig zur Hamburger Otto-Gruppe. In deren Portfolio, das von dem gleichnamigen Versandhaus und Ketten wie Sport Scheck, Bonprix und Zara geprägt ist, stellt die Manufactum GmbH & Co. KG mit ihren inzwischen an die 400 Mitarbeitern sicherlich eine Perle dar, mit der der Konzern noch einiges vorhat; außer vom Ausbau des Filialgeschäfts war bei der Übernahme auch von einer Internationalisierung die Rede. Ohnedies wurde die Produktpalette längst auf Kleidung, Möbel und Lebensmittel ausgeweitet. Auf Backwaren und Käse spezialisierte Geschäfte firmieren als Brot & Butter. Der vergebliche Versuch 2004, eine solche Filiale am Merianplatz in Frankfurt zu etablieren, zeigt, dass auch diesem Unternehmen nicht alles gelingt. Nun ist Brot & Butter Teil der Manufactum-Filiale im Opernturm.

Die Erwähnungen von Manufactum im Otto-Geschäftsbericht sind ebenso kurz wie erfreulich, doch über den Gewinn erfährt man nichts. Auch Geschäftsführer Ritter schweigt zu Branchenberichten, wonach die Umsatzrendite vor Zinsen und Steuern bei beachtlichen acht bis zehn Prozent liegen soll. Fürs Geldverdienen bestehen nun allerdings beste Voraussetzungen. Manufactum setzt sich von großen Teilen des Einzelhandels dadurch ab, dass es seine Kunden ernst nimmt.

Das klingt banal, aber man muss sich die Lieblosigkeit in Erinnerung rufen, mit der Geschäfte gewöhnlich eingerichtet sind und Waren präsentiert werden. Man muss sich auch vergegenwärtigen, dass die Konsumenten in einer sich stetig weiter ausdifferenzierenden Warenwelt kontinuierlich überfordert sind. Das Manufactum-Prinzip ist es, sich zu ihnen hinunterzubeugen, sie an die Hand zu nehmen und ihnen in schlichtem Deutsch zum Beispiel zu erklären, dass dieser Brotkorb mit Deckel so unverzichtbar sei, weil er drei Ventilationslöcher an der Seite und zudem einen gewellten Boden habe - so erst ergebe sich ein optimales Aufbewahrungsklima.

Nostalgische Rasierseife „Gold Dachs“

Da fällt es dann schon gar nicht auf, dass für das Teil glatt 38 Euro verlangt werden. Für eine Spülbürste will Manufactum gut vier Euro, für einen Bügel neunzehn, für einen Bleistiftanspitzer zwölf. Das muss man sich erst einmal trauen.

Doch wer in das Haushaltswaren-, Kleidungs-, Brot- und Käsegeschäft gegenüber der Alten Oper geht, ist vermutlich gerade nicht in der Stimmung, auf den Pfennig zu achten. Das ist so ähnlich wie beim Biobauern. Über dessen Produkte immerhin verlautete gelegentlich von offiziellen Stellen, es stimme schon, dass sich höhere Margen durchsetzen ließen bei der zugeneigten Kundschaft, die neben dem Produkt auch noch ein gutes Gewissen und ein besonderes Lebensgefühl einkauft. Gut möglich, dass das mit den Gewinnmargen auch bei Manufactum so ist.

Mit dem Lebensgefühl ist es auf jeden Fall ähnlich. Man kann dieser Tage in dem Frankfurter Geschäft beglückte Kunden sehen, die andächtig vor Produkten stehen, die sie noch aus ihrer Kindheit kennen. „Ich suche eine Bettschüssel (Email)“, hat jemand voller Hoffnung in ein ausliegendes Gästebuch mit leeren Seiten geschrieben, wie sie sonst nur in Museen üblich sind. Zu den Evergreens seit Katalog Nummer eins zählen ein nostalgisches Telefongerät in Schwarz mit Wählscheibe, die nostalgische Teekanne „Never Drip“ und die nostalgische Rasierseife „Gold Dachs“. Manches kleine Unternehmen, das auf solcherlei Waren spezialisiert war und längst vor dem Aus gestanden hatte, soll durch Manufactum zu neuer Schönheit erblüht sein.

„Frankfurt übt Metropole“

Freilich bleibt man in Waltrop auch hinsichtlich der Herkunft der Produkte vage. Im Katalog finden sich lediglich vereinzelte Hinweise auf den Ort der Produktion - vor allem, wenn er in „Deuyxxtschland“ liegt. Doch natürlich muss auch Manufactum auf fernöstliche Produkte zurückgreifen, schon deshalb, weil es sie zwar eben noch gibt, die guten Dinge, aber nicht zwangsläufig aus deutschen Fabriken. Es werde zunehmend schwieriger, im Inland einzukaufen, gesteht man in Waltrop zu.

Dass auch ein Unternehmen, das wahlweise Bürgerlichkeit verkauft, Erinnerungen an die Kindheit oder das Gefühl, endlich einmal in ein richtig solides Produkt investiert zu haben, mit der Globalisierung zurechtkommen muss, wird in dem neuen Frankfurter Geschäft gewiss seltener erörtert. Auch zwölf Wochen nach der Eröffnung herrscht dort noch großer Andrang.

„Nostalgie für Bonifreunde“, hat ein schlechtgelaunter Mensch in das ausliegende Buch geschrieben, und ein anderer Miesepeter maulte dort: „Frankfurt übt Metropole.“ Ach was, Frankfurt entdeckt bloß gerade die Lust am Einkaufen wieder, und was soll daran schlecht sein?

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