12.06.2007 · Die Konkurrenz im Lebensmittelhandel ist besonders hart. Die Märkte werden größer, die Rentabilität nimmt ab, die Nahversorgung bleibt auf der Strecke. Im Taunusörtchen Niederlauken hält ein Verein dagegen.
Von Jochen RemmertSie kämpfen ums Überleben ihres kleinen Geschäftes im alten Feuerwehrhaus, die Mitglieder des wirtschaftlichen Vereins „Unser Laden Niederlauken“. Leicht ist es nicht, wie Annette Hofmann vom Vorstand des Vereins sagt. Schwarze Zahlen sind nicht in Sicht. Es scheint nicht sehr wahrscheinlich, dass sich das Geschäft in dem Ortsteil der Taunusgemeinde Weilrod überhaupt jemals rechnet.
Diesem tapferen Versuch, die Nahversorgung vor allem für die alten Menschen unter den rund 470 Einwohnern des Dorfes aufrechtzuerhalten, steht ein seit Jahren zu verzeichnender Trend im Lebensmitteleinzelhandel zu immer mehr Fläche und immer weniger Märkten gegenüber. Der einzelne Markt wird größer, die Zahl der Verkaufsstellen nimmt ab, wie die Kölner Retail Institute GmbH in ihrer neuesten Studie zum Lebensmitteleinzelhandel festgestellt hat.
Kleine Läden weichen Konkurrenz der Großen
Demnach hat die Dichte der Lebensmittelgeschäfte seit dem Jahr 2000 um 16 Prozent abgenommen – auf 10.000 Einwohner kamen damals noch 8,5 Geschäfte, inzwischen liegt die Zahl bei sieben Märkten je 10.000 Einwohner. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es kaum eine Gemeinde, in der die Bewohner nicht von einem kleinen Lebensmittelladen zu berichten hätten, der irgendwann der Konkurrenz habe weichen müssen. Auch in Niederlauken habe es einmal ein solches Geschäft gegeben, berichtet Hofmann. Das habe aber schon vor etlichen Jahren geschlossen.
Unterm Strich bedeutet diese Entwicklung deutlich weitere Wege für die Kunden – eine Selbstversorgung ohne Verkehrsmittel ist gerade auf dem Land inzwischen nahezu ausgeschlossen. Denn auch den Bringservice, wie ihn beispielsweise Rewe in Wiesbaden anbietet, gibt es keineswegs flächendeckend.
Die Niederlaukener müssen rund zehn Kilometer zurücklegen, bevor sie ein anderes Lebensmittelgeschäft als den Dorfladen erreichen – zu Fuß ein stattlicher Einkaufsweg, mit dem Auto eine Minutenangelegenheit. Dann sind zudem veritable Supermärkte erreicht – beispielsweise von Penny oder Rewe. Letzterer ist an jedem Tag der Woche – außer sonntags – von sieben bis 21 Uhr geöffnet. Ein Dorfladen kann diese Öffnungszeiten kaum bieten, die Größe des Sortiments oder die Preiskalkulation schon gar nicht. Es bleibt nurmehr die Möglichkeit, den Laden zu Fuß zu erreichen, als Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Diese aber schätzen offenbar auch nicht alle Mitglieder des Vereins „Unser Laden Niederlauken“ so hoch ein, wie es nötig wäre, um rentabel zu arbeiten. Nur etwa die Hälfte der rund 80 Vereinsmitglieder kaufe im Dorfladen regelmäßig ein, heißt es dort. Der Großeinkauf ist sowieso die absolute Ausnahme, wie eine Verkäuferin sagt.
Der Trend verläuft weg von der Nahversorgung
Für die Marktforscher von Trade Dimensions in Frankfurt, die auf den Lebensmitteleinzelhandel spezialisiert sind, ist der Trend weg von der Nahversorgung unumkehrbar. Schon allein wegen der geringen Mengen lehnten es Großhändler meistens ab, Betreiber kleinerer Märkte zu beliefern. Diese müssten dann auch noch selbst für Nachschub in den Regalen sorgen. Da sei eine Konkurrenz gegen die knapp kalkulierten Preise der „Großen“ nicht möglich, die kleinen Läden müssten zwangsläufig zu höheren Preisen anbieten.
Tatsächlich ist im Lebensmittelhandel inzwischen die Einkaufsmacht der Konzerne der Schlüssel zum Erfolg – die Masse macht’s sozusagen. Kleine Geschäfte mit geringem Warenumschlag passen da nicht ins Konzept. Auch beim Branchenriesen Edeka gilt längst die Regel, dass ein neuer Supermarkt mindestens 1000 Quadratmeter haben muss. Der gesamte deutsche Lebensmitteleinzelhandels-Markt ist zudem 2006 gerade einmal um 0,6 Prozent gewachsen – die Konkurrenten treten also in einem kaum wachsenden Markt bei immer mehr Verkaufsfläche gegeneinander an. Die Rentabilität nimmt also tendenziell ab.
In Niederlauken ist aber auch noch der „soziale Ertrag“, der zu bedenken ist, wie Annette Hofmann hervorhebt. Ein Treffpunkt gerade auch für Kinder und alte Leute sei der Laden – nicht nur Lebensmittelgeschäft. Deshalb helfe auch die Gemeinde: Miete muss der Verein zur Zeit nicht zahlen. Aber auch ohne den Mietzins sind Fixkosten von fast 2000 Euro im Monat zu erwirtschaften: rund 1200 Euro Personalkosten für vier Frauen, die den Laden wochentags von 7 bis 10 und von 15 bis 18 Uhr offenhalten – außer am Mittwochnachmittag. Samstags ist bis 10.30 Uhr offen – für die frischen Brötchen und die Zeitung. Ansonsten gehen vor allem die Zigaretten gut, heißt es im Geschäft. Um das Überleben zu sichern, haben die Frauen sogar schon von sich aus auf einen Teil des Lohns verzichtet.
Großhändler liefern nur größere Mengen
Im unter der Woche morgens fast menschenleeren Ort antwortet eine ältere Frau in bunter Kittelschürze knapp über den Zaun hinweg, es sei gut, dass es einen solchen Laden gebe, die Auswahl genüge, sie brauche ohnehin nicht so viel. Das gerade ist aber eines der vielen Probleme der kleinen Geschäfte in kleinen Ortschaften. Der wirtschaftliche Verein hinter dem Dorfladen in Niederlauken hat zwar nach einigem Suchen einen Großhändler gefunden, der liefert. Aber auch dieser gibt in aller Regel nur größere Mengen ab. Um Sonderwünsche von Stammkunden erfüllen zu können, fahren die Betreiber des Ladens deshalb auch selbst regelmäßig zum Einkauf – in den Großmarkt.