19.06.2007 · Das Reformhaus ist die Wiege der naturnahen Ernährung und Körperpflege - doch der aktuelle Bio-Boom im Einzelhandel geht an der Branche vorbei. Während Bio-Supermärkte und Discounter bei Öko-Ware zulegen, müssen Reformhäuser kämpfen.
Von Thorsten WinterOb sich so mancher Reformhausinhaber wehmütig an jene Zeiten erinnert, in denen noch nicht jeder Lebensmittelhändler auch Waren mit Bio-Siegel anbot? Schließlich halten die Nachfahren der Vorreiter bei Vollkornbroten, alkoholfreien Fruchtsäften, Körperpflegeölen und Naturheilmitteln beim Umsatz mit der Konkurrenz längst nicht mehr mit. Und die Zahl der Reformhäuser sinkt seit geraumer Zeit stetig.
„Ich kenne genug Kollegen, die zweistellige Umsatzeinbußen haben“, sagt Roland Fiedler, Inhaber des Reformhauses Freya in Frankfurt, dessen Großvater das Unternehmen 1910 ins Leben rief – zehn Jahre, nachdem in Wuppertal das erste Reformhaus Deutschlands gegründet worden war. Wenn ein Laden von Alnatura oder Basic in der Nachbarschaft eines Reformhauses eröffne, könne es schwierig werden, meint Fiedler. Hinzu kommt die Bio-Offensive der Discounter.
1840 Reformhäuser in Deutschland
Die neuesten Zahlen aus der Branche stützen die Aussagen Fiedlers. Von den fast 2150 Reformhäusern in Deutschland im Jahr 2003 sind nur knapp 1840 übrig geblieben. Etwa 40 davon liegen im Rhein-Main-Gebiet, wobei die Ketten Herrmann und Freya mit je einem guten Dutzend Filialen die prägenden Branchenvertreter sind. Nach Angaben der Neuform Marketing GmbH in Oberursel haben die Reformhäuser 2001 in Deutschland noch 684 Millionen Euro umgesetzt – im vergangenen Jahr nurmehr 600 Millionen Euro nach 619 Millionen Euro im Vorjahr. Allgemein aber steigt der Umsatz mit Lebensmitteln aus Öko-Anbau ständig, allein im vergangenen Jahr um 16 Prozent.
Vor diesem Hintergrund ist bei den Reformhäusern Profilierung angesagt. Zum Beispiel über Preisaktionen wie jene vom Reformhaus Herrmann/Liwell zur Neueröffnung eines Geschäfts in Oberursel Anfang April, als Heilpflanzensäfte und Mango-Milch-Haarshampoo, Ingwerstückchen oder auch Dinkel-Bratlinge günstiger als üblich angeboten wurden. Inhaber Reiner Herrmann spricht mit Blick auf Preisaktionen von „Bonbons für die Kunden“.
Das Reformhaus Freya bietet hin und wieder auch Sonderpreise an, der Besitzer setzt aber sonst vor allem auf Beratung. 52 seiner 70 Beschäftigten sind nicht nur Reformhaus-Fachberater, sondern verfügen auch über Zusatzqualifikationen und dürfen sich Heilmittel- und Vitalstoffberater oder Allergieberater nennen. Seit drei Jahren bezieht Fiedler die Nachwuchskräfte schon im Laufe der Lehre in diese Spezialausbildungen ein.
Inhaber halten wenig von einem Preiskampf
Um sich stärker abzusetzen und dem Abwärtstrend beim Umsatz zu begegnen, hat das Reformhaus Freya zudem das Sortiment umgestellt. Fiedler: „Man muss heute niemandem mehr erklären, wofür Sojamilch nötig ist.“ So konzentriert sich sein Unternehmen mehr auf Produkte, bei denen Beratung vergleichsweise häufig nachgefragt wird: Nahrungsergänzungsmittel, Kosmetik und Naturarzneimittel – dort könne das Reformhaus seine Kompetenz beweisen. Ein Nebeneffekt: Der Schwerpunkt liegt auf Produkten, um die sich sonst kaum ein Händler kümmert, wie er sagt. Naturheilmittel zum Beispiel liefen in Apotheken in der Regel zumeist nebenher.
Von einem scharfen Preiskampf halten Herrmann und Fiedler nichts. „Bio kann man nicht verramschen“, meint der Chef des Reformhauses Herrmann. Denn letztlich gehe ein niedrigerer Preis zu Lasten der Qualität, sagt sein Mitbewerber. Ein Beispiel: Seinen „Palmengarten-Curry“ könnte er zwar billiger anbieten, wenn er mehr Pfeffer und weniger Schabziegerklee verwendete – „das wäre aber nicht mehr dasselbe Produkt, das ich vorher hatte“. Zumal der Unterschied zu schmecken wäre und das Produkt verwechselbarer würde. „Das bringt langfristig nichts.“
Auch Neuform als Genossenschaft von Reformhäusern setzt auf Modernisierung – mit überarbeiteten Sortimenten sowie integrierten Kaffee- und Saftbars und Kleinigkeiten zum Essen. Trotz des Abwärtstrends der vergangenen Jahre ist Fiedler um seine Branche nicht bange. Die Umsätze sieht er „mittelfristig stabil bis leicht steigend“. Begründung: Sortimente und Läden würden optimiert, um zwischenzeitlich verlorene Kunden zurückzuerobern und neue Käuferschichten zu erschließen. Aus Sicht von Herrmann bleibt der Reformhausbranche auch gar nichts anderes übrig. Denn: Junge Kunden, die sich für Bioprodukte interessierten, seien mehrere hundert Quadratmeter große und helle Ladenlokale gewöhnt. Ebendies müssten Reformhäuser, die traditionell deutlich kleiner seien, künftig auch bieten. Vor allem aber Beratung und Glaubwürdigkeit.