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Ausbildung entscheidend : Langzeitarbeitslosigkeit verhindern statt abbauen

Abbau der Zahl der Langzeitarbeitslosen als zentrale Aufgabe: Frank Martin, Chef der Arbeitsagentur in Hessen Bild: Esra Klein

Ohne Ausbildung oder gar Schulabschluss ist die Stelle schnell in Gefahr. Die Arbeitsagentur will solche Mängel beseitigen helfen. Dennoch wird es nicht jeder in den ersten Arbeitsmarkt schaffen, wie Leiter Frank Martin sagt.

          Die Arbeitslosigkeit in Hessen ist so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Zwischen Kassel und dem Odenwald sind zuletzt etwas mehr als 156 000 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet gewesen, 4,5 Prozent weniger als vor einem Jahr, in Frankfurt mit 22300 sogar 5,7 Prozent weniger. Das Resümee für das endende Jahr, das die Arbeitsagenturen zu Beginn 2018 ziehen werden, wird ähnlich gut aussehen. Und doch werden auf dem Arbeitsmarkt auch nächstes Jahr einige Probleme zu bearbeiten sein, die sich – trotz der sehr robusten Konjunktur und ihrer Wirkung auf die Beschäftigung – so schnell nicht beseitigen lassen, wie Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, im Gespräch hervorhebt.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Die zentrale noch zu lösende Aufgabe ist ein weiterer Abbau der Zahl der Langzeitarbeitslosen. Von ihnen zählt die Arbeitslosenstatistik derzeit in Hessen rund 57000. Für Martin gehört zur Lösung dieses Problems zunächst einmal eine klare Analyse. Und die beginnt mit seiner Feststellung, dass es immer mindestens einen schwerwiegenden Grund gibt, weshalb jemand langzeitarbeitslos ist: In vielen Fällen fehlt die Berufsausbildung oder gar ein Schulabschluss, oft liegen auch erhebliche Sprachdefizite vor, in der Regel wegen der ausländischen Wurzeln der Betroffenen. Auch führen einschränkende Krankheiten dazu, dass Arbeitgeber davor zurückschrecken, einen Langzeitarbeitslosen einzustellen. Und schließlich sind häufig Alleinerziehende von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen, weil es ihnen nicht gelungen ist, die Kinderbetreuung parallel zur Berufstätigkeit zu organisieren, wie Martin weiter sagt.

          Gut 11.000 Langzeitarbeitslose

          Rund ein Drittel danach gefragter Arbeitgeber hat in einer Untersuchung der Arbeitsagentur angegeben, bei Stellenausschreibungen keinen Langzeitarbeitslosen zu berücksichtigen. Zuletzt ist es in Hessen zwar mit großem Nachschulungsaufwand und anderen Hilfen gelungen, gut 11.000 Langzeitarbeitslose doch in den ersten Arbeitsmarkt einzugliedern. Ein gewisser Teil wird Martin zufolge aufgrund der Defizite den Weg in den ersten Arbeitsmarkt aber nie schaffen können. „Da hilft es dann auch nicht, wenn man dem jeweiligen Arbeitgeber anbietet, beispielsweise 80 Prozent des Gehalts zu finanzieren. Der Arbeitgeber wird eine wirtschaftliche Abwägung treffen zwischen Aufwand und Nutzen, und wenn der Nutzen erwartbar geringer sein wird als der Aufwand, dann wird er nicht einstellen“, meint Martin.

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          Für den Chef der Regionaldirektion steht aber außer Frage, dass es der bessere Weg ist, der Langzeitarbeitslosigkeit gewissermaßen „den Nachschub abzuschneiden“. Jedes Jahr werden Martin zufolge in Hessen 2000 bis 2200 junge Leute 25 Jahre alt, die über keine Berufsausbildung verfügen und keine Arbeit haben. Diese jungen Menschen seien zwar noch keine Langzeitarbeitslosen, sie seien aber prädestiniert dafür, später zu dieser Gruppe zu gehören. Dass junge Frauen und Männer ohne Berufsausbildung oder gar ohne Schulabschluss seien, sei nicht hinzunehmen, fordert Martin deshalb. Da sieht er Eltern, Schulen, Jobcenter und alle anderen Personen gefordert, die Verantwortung tragen. „Denn es ist ungleich leichter, für einen 20 bis 25 Jahre alten Menschen noch eine Ausbildung abzuschließen als für einen Fünfundvierzigjährigen“, sagt er.

          Wenn sich die Lage eintrübt...

          Gerade für diese Gruppe der jungen Ungelernten ist eine so lange und ausgesprochen robuste konjunkturelle Hochphase wie die gegenwärtige Lage auch gefährlich: Denn in solchen Zeiten finden sich auch für ungelernte noch teils recht lukrative Jobs, weil Firmen mutiger einstellen. Wenn sich die wirtschaftliche Lage aber eintrübt und Unternehmen gezwungen sind die Kostenseite besonders kritisch zu betrachten, weil die Einnahmeseite leidet, dann sind, die Jobs solche Mitarbeiter die Ersten, die gestrichen werden. Es blieben die, deren Qualifikation unabdingbar sind für das Unternehmen.

          Langzeitarbeitslosigkeit, da ist sich Martin sicher, lässt sich langfristig nur erfolgreich bekämpfen, wenn man frühzeitig so gut qualifiziert wie irgend möglich.

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