07.05.2004 · Bei Aldi kostet der Liter frische Milch zwischen 50 und 60 Cent - Hessens Bauern ist das zu wenig. Am Freitag protestierten deshalb ungefähr 40 Milchbauern vor dem Aldi-Auslieferungslager in Mörfelden-Walldorf ...
Bei Aldi kostet der Liter frische Milch zwischen 50 und 60 Cent - Hessens Bauern ist das zu wenig. Am Freitag protestierten deshalb ungefähr 40 Milchbauern vor dem Aldi-Auslieferungslager in Mörfelden-Walldorf gegen die Preispolitik der Discounter, die sie für den steten Rückgang der Milchpreise verantwortlich machen. Die Hälfte der Milch wird in Deutschland von diesen Ladenketten verkauft. "Geiz hat Grenzen", sagten die Bauern - dann nämlich, wenn ihre Kosten durch den Verkaufserlös nicht mehr gedeckt würden. Genau das ist nach ihren Angaben inzwischen der Fall.
Der Präsident des hessischen Bauernverbandes, Heinz Christian Bär, übergab Vertretern der Handelskette eine Resolution mit den Forderungen der hessischen Milcherzeuger. Darin fordern die Landwirte an erster Stelle den Lebensmittelhandel auf, "Schluß mit dem Preisdumping" zu machen und "faire, kostendeckende Preise" zu zahlen. Daß die Kunden durchaus bereit sind, mehr für Milch auszugeben, sollte eine Liste mit Unterschriften von 13000 Verbrauchern belegen. Die Unterzeichner erklären sich damit einverstanden, je Liter Milch fünf Cent mehr zu zahlen.
Bär erläuterte, daß die Erzeugerpreise für Milch seit 2001 um etwa 15 Prozent auf weniger als 28 Cent je Kilo - in dieser Einheit wird in der Branche gerechnet - gesunken seien. Damit befänden sie sich auf den niedrigsten Stand seit 1977. Die Produktionskosten lägen dagegen bei etwa 32 Cent. Spielraum für Einsparungen sieht Bär nicht mehr. Die Milchleistung der Kühe könne und wolle man nicht weiter steigern. Als Vertreter der hessischen Bauern fordert er einen Preis von mindestens 35 Cent je Kilo Milch ab Hof.
"Die milcherzeugenden Höfe stehen mit dem Rücken an der Wand", hob Landwirt Michael Dörr hervor, der in Roßdorf einen Milchviehbetrieb mit 150 Kühen unterhält. "Vor 25 Jahren konnte von einem Hof mit 15 Kühen noch eine Familie leben; heute reicht das Zehnfache nicht mehr aus, zwei Familien zu ernähren", erläuterte er. Die Milcherzeugung in Hessen ist seit den siebziger Jahren rückläufig. Waren 1970 noch 1,4 Millionen Tonnen Milch produziert worden, so war es 2002 nur noch eine Million. Wie es beim hessischen Statistischen Landesamt weiter heißt, werden in dem Bundesland gut 160000 Kühe gehalten.
Walter Schütz, der Vorsitzende des Regionalbauernverbands Starkenburg, äußerte die Befürchtung, die Milcherzeugung werde sich auf immer weniger Betriebe mit großen Viehbeständen konzentrieren. Er plädierte für den Erhalt der flächendeckenden Milchwirtschaft in Hessen. Davon sei nicht nur eine Vielzahl von Arbeitsplätzen abhängig, sondern auch eine charakteristische Kulturlandschaft. Für Schütz steht fest: "Wenn es keine Weidewirtschaft mehr gibt, werden auch die grünen Täler im Odenwald verschwinden."
Bär zeigte sich enttäuscht vom frühzeitigen "Einknicken" der Molkereien, die derzeit Preisverhandlungen mit dem Lebensmittelhandel führten. Ein Großteil der etwa 140 Molkereien in Deutschland ist allerdings genossenschaftlich organisiert - das heißt, die Landwirte sind nicht nur Lieferanten, sondern auch Miteigentümer. Die Molkereien - und damit indirekt die Landwirte - machen sich also gegenseitig Konkurrenz, die zu den niedrigen Milchpreisen beiträgt. Hinzu kommt, daß der Vielzahl von Molkereien nur wenige Handelsketten gegenüberstehen.
Verstärkt wird der Wettbewerbsdruck durch ausländische Molkereibetriebe und durch die Eigenmarken der Discounter. Eine Folge ist, daß immer schneller neue Milchprodukte auf den Markt gebracht werden, die wiederum immer schneller kopiert und billiger angeboten werden. Bär forderte gestern die Molkereien auf, ihr Angebot zu bündeln, statt sich gegenseitig zu unterbieten. Nur so könnten sie den Lebensmittelketten entgegentreten.
Nicht nur der Handel, sondern auch die Agrarpolitik der Europäischen Union macht den Milcherzeuger zu schaffen. Der Milchmarkt unterliegt strengen Reglementierungen. Die Angebotsmenge an Rohmilch wird durch Quoten begrenzt und der Milchpreis staatlich durch die sogenannten Interventionen, den Aufkauf von Überschüssen zu einem festen Richtpreis, gestützt. Derzeit hat die EU mit einem Milchüberschuß von 18 Prozent zu kämpfen, wie bei der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft zu erfahren ist. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, betreibt Brüssel die schrittweise Senkung des Interventionspreises, der momentan bei etwa 22 Cent für ein Kilogramm Milch liegt. Außerdem sollen Subventionen gekürzt werden. Eine Beschränkung der Milchquote zur Preisstützung, wie es die Verbände der Milcherzeuger in der Hoffnung auf Preissteigerungen fordern, ist dagegen nicht vorgesehen. Im Gegenteil: Die EU will die Milchquote sogar ausdehnen. Auch gegen diese Entwicklung sieht Bär nur ein Mittel: ein geschlossenes Auftreten der Milcherzeuger, und das am besten europaweit. Er hofft auf eine freiwillige Selbstbeschränkung der Landwirte, um die Milchmenge zu drosseln und so die Preise zu stützen. Ursula Scheer