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Krise und Billig-Konkurrenz Turbulenzen bei der Lufthansa

28.12.2009 ·  Gebeutelt von der Krise und der lange unterschätzten Billig-Konkurrenz, liegen bei der Lufthansa die Nerven blank. Die Erfolge des Ende 2010 scheidenden Vorstandschefs Wolfgang Mayrhuber drohen zu verblassen.

Von Jochen Remmert, Frankfurt
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Der Schock hält an. Die Lufthansa als Billigfluglinie im Europaverkehr? Was der neue Vizevorstandsvorsitzende des Lufthansa-Konzerns unlängst den Lufthanseaten mit dieser Ansage zugefügt hat, würden Boxer wohl einen Jab nennen, eine abrupte Gerade mit der Führhand. Der Getroffene geht in der Regel nicht zu Boden, aber es schmerzt, und der Adrenalinspiegel steigt.

Die Linderungsversuche des bisher als aussichtsreichsten Kandidaten für die Nachfolge von Konzernchef Wolfgang Mayrhuber gehandelten Christoph Franz im Mitarbeitermagazin „Lufthanseat“ reichen offenbar nicht: „Es würden wohl nicht viele Lufthanseaten traurig sein, wenn Franz darüber stolpert“, heißt es vielmehr aus vorstandsnahen Kreisen in Frankfurt, während Franz davon berichtet, wie viel Zuspruch er im Hause erfahre.

Carsten Spohr sei noch „zu jung“

Unter Lufthanseaten gelten andere Vorstände als nicht weniger sachkundig – und als die bessere Wahl, was die Sensibilität für den Markenkern des Unternehmens betrifft, beispielsweise Stefan Lauer. Der Mann mit Frankfurter Wurzeln ist Arbeitsdirektor und zuständig für Verbund Airlines. Er sei bereit und in der Lage, ist aus der Nähe des Vorstands zu hören. Andere können sich Finanzvorstand Stephan Gemkow an der Spitze vorstellen, dem viele Mitarbeiter am Heimatflughafen höchste Kompetenz und eine ruhige Hand auch in schwierigen Phasen attestieren. Allerdings fehlt Gemkow die Hausmacht, wie es weiter heißt.

Als „zu jung“ für die Poleposition gilt im Moment Lufthansa-Cargo-Chef Carsten Spohr, wenngleich er sich gerade größten Respekt in der Branche und bei den Mitarbeitern damit verdient, dass er die Frachttochter durch die Wirtschaftskrise mit noch nie dagewesenen Nachfrageeinbrüchen steuert.

Offene strategische Überlegungen

Franz, einst Mitglied jenes Sanierungsteams, mit dem sich Mayrhuber als Verantwortlicher seinen herausragenden Ruf als Manager erarbeitet hatte, hat Unterstützung von ganz oben. Er gilt als Wunschkandidat von Jürgen Weber. Gegen das Dafürhalten des Vorgängers von Mayrhuber und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden fällt nach wie vor keine wichtige Entscheidung im Konzern. „Weber zieht noch immer sämtliche Strippen“, heißt es im Lufthansa Aviation Center am Frankfurter Flughafen.

Dass der Wunschkandidat allerdings unlängst seine strategischen Überlegungen weitgehend ohne Rücksicht auf den Markenkern der Lufthansa und offenbar ohne Absprache mit dem Vorstandsvorsitzenden öffentlich machte, dürfte auch seinen Förderer Weber kaum erfreut haben: Franz breitete im Interview seine Lowcost-Ideen aus, sprach von mehr und von dünneren Sitzen in den Jets, was die Passagiere gar nicht merkten, aber eine Ergebnisverbesserung von 100 Millionen Euro bedeuten könne, während fast zur selben Zeit ein Interview des Vorstandsvorsitzenden Mayrhuber in Druck ging, in dem er den Qualitäts- und den Premiumanspruch seines Hauses erneuerte. Aber auch er stellte das Sparziel von einer Milliarde Euro im Jahr des Programms Climb 2011 nicht in Frage, das die Lufthansa im Wettbewerb an der Spitze halten soll. Aber eben auch nicht den Kern der Marke Lufthansa als Qualitätsfluggesellschaft. Mayrhuber selbst soll nach dieser Frontalkollision zweier Vorstandseinlassungen zornig von einem GAU der Kommunikation gesprochen haben – vom größten anzunehmenden Unfall.

German Wings zu klein

Dass die Lufthansa, auch Mayrhuber selbst, lange die Billigflieger unterschätzt und den europäischen Markt zugunsten der Interkontinentalstrecken vernachlässigt hat und jetzt handeln muss, bestreitet heute im Konzern niemand mehr ernsthaft. Es gibt zwar die Billigtochter German Wings, sie ist aber mit 25 Fliegern zu klein, um die Lufthansa gegen große Billigkonkurrenten wie Ryanair mit mehr als 200 Flugzeugen, Air Berlin mit 150 und die britische Easyjet mit 170 Maschinen auf dem Markt der billigen Tickets verteidigen zu können. Das alles ist inzwischen der großen Mehrheit der Mitarbeiter bewusst. Was viele von ihnen aber entsetzt, ist, mit wie wenig Achtsamkeit sich der designierte Konzernchef an die Arbeit macht.


Einige Beispiele: Franz spricht von „horizontaler Symmetrie der Schmerzen“ und davon, dass es keine „Schutzgehege“ geben könne, wenn er erläutert, dass das Callcenter in Kassel mit 180 Mitarbeitern wohl keine Überlebenschance habe, weil die Mitarbeiter dort nicht bereit seien, so weit Verzicht zu üben, dass das Callcenter künftig für die Hälfte der Kosten arbeiten könne. Eine so radikale Personalkostenreduzierung sei nicht sinnvoll verhandelbar, sagt dazu Gerold Schaub, Fachbereichsleiter von Verdi-Hessen.

Purser II in Frage gestellt?


Die Vorhaltung, dass Franz auch gegenüber den bisherigen Ertragsbringern der Lufthansa, den Businesskunden, nicht die notwendige Sensibilität an den Tag lege, sehen Lufthanseaten etwa in dem Plan bestätigt, diesen Kunden kein Freiexemplar des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ mehr zur Verfügung zu stellen. Nach einem empörten Aufschrei in den eigenen Reihen wurde diese Idee rasch wieder verworfen, wie es heißt.


Beim Kabinenpersonal sorgt derweil für Aufregung, dass offenbar die Position des sogenannten Purser II in Frage gestellt wird. Berufserfahrene Stewardessen oder Stewards können sich für diese Position, die auch als Manager der Kabine beschrieben wird, qualifizieren. Dann obliegt es ihnen, sämtliche Abläufe, die mit Passagieren zu tun haben, zu managen, und sie sind zudem für die Kommunikation mit den Piloten verantwortlich. Um das optimal leisten zu können, servieren sie in der Regel nicht, helfen aber selbstverständlich, soweit es die Organisationspflichten zulassen, wie von Lufthansa-Kabinenmitarbeitern zu erfahren ist. Nun aber ist geplant, diesen Kabinenmanager fest im praktischen Service einzubinden, was unter dem Strich einen geringeren Personaleinsatz zum Ziel haben dürfte.

Kronprinz aber nicht König


Noch mehr als die Kabinencrew verkörpern die Piloten das Selbstverständnis der Lufthanseaten. Dass es sich mit dieser selbstbewussten Berufsgruppe ganz besonders schwierig verhandeln lässt, weiß Franz wohl. Gerade hat deren Gewerkschaft, die Vereinigung Cockpit, die Verhandlungen mit der Lufthansa über Arbeitsbedingungen und Gehälter für gescheitert erklärt. Ein Pilotenstreik im Frühjahr ist daher nicht ausgeschlossen.


Für große Unruhe unter den gut 64.400 Mitarbeitern in Deutschland, rund 36.000 davon in Frankfurt, sorgt schließlich, dass im Sparprogramm Climb 2011 davon die Rede ist, Stationen in Deutschland, beispielsweise in Nürnberg oder Hannover, ganz aufzugeben. Einsparbeiträge von externen und konzerninternen Lieferanten wie der Catering-Tochter LSG Sky Chefs hat Franz ebenfalls schon eingefordert. Er hat mithin noch ein gewaltiges Pensum vor sich, bei dem die Gefahr groß ist, weitere Sympathien im Konzern zu verspielen.


Auch bei der Deutschen Bahn galt Christoph Franz einmal als Kronprinz des damaligen Vorstandschefs Hartmut Mehdorn. König wurde er dann allerdings doch nicht, weil sich sein großes Projekt, eine am Buchungssystem der Fliegerei orientierte Preisgestaltung, als nicht praxisgerecht erwies und die Fahrgastzahlen im Fernverkehr einbrachen. Franz musste gehen. Danach allerdings landete er bei der Swiss und sanierte die schwer angeschlagene Linie erfolgreich.

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Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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