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Kriminalität/Rohstoffe Metallpreis-Rallye lockt Langfinger an

20.08.2006 ·  In Südhessen verschwinden mehr als 140 Gullydeckel, in Hungen werden fünf Tonnen Baustahl entwendet und in Lohra in Mittelhessen sogar fünf Kilometer Eisenbahnschienen. Gestiegene Metallpreise locken Begehrlichkeiten bei Dieben.

Von Thorsten Winter
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Hausfrauen, Schüler und Arbeitslose reißen Straßengräben auf und stehlen dort verlegte Kupferkabel. Das von der Isolierung befreite Metall verkaufen sie an Schrotthändler. Dergleichen geschieht derzeit im südafrikanischen Ort Winterveld. Aber nicht nur dort haben es Langfinger auf Kupferkabel und Schrott abgesehen: Im Rhein-Main-Gebiet und anderen Teilen Hessens bedienen sich Diebe ebenso ungebeten auf Baustellen und in Containern und lassen Metalle mitgehen. Der Hintergrund: Aufgrund der starken Nachfrage aus Asien und der Türkei sowie Spekulationen an Rohstoffbörsen befinden sich die Preise von Kupfer, Zink, Nickel oder auch Blei seit einigen Jahren auf Höhenflug. So ist Kupfer derzeit gut viermal so teuer wie Mitte 2003.

Infolge dessen muß auch für Metallschrott und andere sogenannte Sekundärrohstoffe mehr gezahlt werden als noch vor wenigen Jahren. Dies hat für Schrotthändler zu einem „Riesenproblem“ geführt, wie es zum Beispiel bei der Wagner Rohstoffe GmbH in Frankfurt heißt. Das Unternehmen wurde erstmals im Jahr 2000 zum Opfer eines größeren Kupfer-Diebstahls. Nach diesem Vorfall hat der Betrieb, der sich als Marktführer im Raum Frankfurt sieht, aufgerüstet. Für rund 100.000 Euro schaffte sich Wagner eine aufwendige Sicherheitstechnik für das Betriebsgelände an, das seitdem mit Mikrowellentechnik und Kameras überwacht wird. Zu dieser Einmalinvestition kommen nach Angaben von Geschäftsführer Joachim Wagner jährliche Folgekosten von etwa 15.000 Euro.

Ganze Container mit Schrott gestohlen

Ein Mitbewerber Wagners aus Frankfurt, der nicht genannt werden möchte, ist nach eigenen Angaben bisher „Gott sei dank“ von Diebstählen auf dem Betriebsgelände verschont geblieben. Dies führt er darauf zurück, daß dort außer dem Büro auch Wohnungen untergebracht sind. Und die auf Altmetallverwertung spezialisierte Firma Schnaubelt in Gießen lagert wertvollere Nichteisen-Metalle nur noch in verschlossenen Hallen.

Doch genügen solche Sicherheitsvorkehrungen nicht, um Langfingern das Handwerk zu legen. Wagner, der regelmäßig rund 500 Container bei metallverarbeitenden Betrieben in der Region stehen hat, büßte schon fünf solche Behälter ein. Und zwar samt Inhalt im Wert von jeweils 30.000 und 40.000 Euro. Begünstigt würden solche Diebstähle, wenn ein Container nicht auf dem Gelände des Produktionsbetriebs stehe. Dann führen die Diebe mit einem Lastwagen vor, lüden den Behälter auf und machten sich davon. Solche Leute sagten sich wohl: „Was soll ich eine Bank überfallen, da klaue ich lieber einen Container Kupfer - da gehe ich weniger Risiko ein.“

Bisweilen transportieren Metalldiebe auch noch schwerere Gegenstände ab: So verschwanden im Februar dieses Jahres bei Lohra in Mittelhessen rund fünf Kilometer Eisenbahnschienen für 200.000 Euro. Und in der vergangenen Woche wurden auf einer Baustelle bei Hungen fünf Tonnen Baustahl im Wert von 3000 Euro entwendet. Nicht zu vergessen die Fälle, in denen Gullydeckel aus den Fassungen genommen wurden und die Diebe gefährliche Löcher in den Straßen hinterließen. Das Landeskriminalamt Hessen zählte im vergangenen Jahr mehr als 140 solcher Vorfälle allein in Südhessen.

Düsen von Bewässerungsanlagen demontiert

Welches Ausmaß die Metalldiebstähle inzwischen angenommen haben, ist für die Polizei aber nur schwer zu ermessen. Denn für solche Fälle gibt es keine Sparte in der Kriminalstatistik, wie es beim Frankfurter Polizeipräsidium heißt. So weiß es zu den Zahlen auch nichts beizutragen, zumal solche Ereignisse von den einzelnen Revieren untersucht würden. Die Darmstädter Ordnungshüter berichten immerhin von zwei aktuellen Fällen. Auf Feldern in Südhessen wurden insgesamt 422 Metalldüsen von Bewässerungsanlagen im Wert von 9000 Euro entwendet.

Hinter den Diebstählen vermutet die Polizei Langfinger, die Düsen würden wegen ihres Materialwerts gestohlen. Die Gießener Polizei hatte unlängst Glück und ertappte einen Dieb nach der Tat, als dieser ein 50 Kilogramm schweres Kupferkabel von der Isolierung befreien wollte. Der Mann hatte die Ummantelung angezündet, was zu Qualm führte, der Zeugen auffiel. In einem anderen Fall verschwanden Messingbleche für 22.000 Euro.

Ausweis des Lieferanten verlangen

Im Zweifelsfall wird solche Beute Schrotthändlern zum Kauf angeboten. Für Joachim Wagner, der mit seinem Unternehmen monatlich etwa 14 000 Tonnen Metalle umschlägt und einen Jahresumsatz von rund 100 Millionen Euro erzielt, eine unangenehme Möglichkeit: „Wie soll ich ernsthaft erkennen, ob Kupferschrott gestohlen worden ist?“ Um zu verhindern, unehrlichen Zulieferern aufzusitzen, zahlt er nach eigenen Worten marktgerechte Preise, die bei Sekundärrohstoffe unter den aktuellen Börsennotierungen des jeweiligen Metalls liegen, verlangt und kopiert jeweils den Ausweis des Lieferanten und läßt sich von diesem per Unterschrift bestätigen, daß das angebotene Metall nicht aus zwielichtigen Quellen stammt. „Trotz alledem gibt es ein Restrisiko“, sagt er.

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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