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Kreditinstitut Schon wieder eine „neue Commerzbank“

08.05.2009 ·  Bei der Übernahme der Dresdner Bank wollte die „neue Commerzbank“ ein zweiter nationaler Champion werden. Mittlerweile ist sie vom Branchenprimus Deutsche Bank wieder so weit entfernt wie eh und je - und setzt nun auf die deutschen Privat- und Geschäftskunden.

Von Tim Kanning
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Martin Blessing ist kein guter Vorleser. Wenn er frei spricht, wirkt er locker, sympathisch und souverän. Aber auf der Pressekonferenz zur weiteren Strategie der „neuen Commerzbank“ muss der Chef des Hauses 13 lange Seiten vorlesen. Das Ablesen ist zwar Usus für solch wichtige Stellungnahmen, aber nicht immer klingt das so wie bei einem Schüler, der ein schlecht vorbereitetes Referat abliest. Doch Blessing muss nun einmal etwas ganz anderes vortragen, als er sich eigentlich vorgenommen hatte – im September 2008, als er die Übernahme der Dresdner Bank und somit die erste Version der „neuen Commerzbank“ bekanntgab. Zum zweiten nationalen Champion wollte er aufsteigen, mit einer Bilanzsumme von 1,1 Billionen Euro der Deutschen Bank auf den Fersen.

Inzwischen aber lautet das große Ziel, dass sich die neue „neue Commerzbank“ gesteckt hat: „Hausbank der Privat- und Firmenkunden in Deutschland“. Die großen Hoffnungsträger der Bank sind jetzt also die deutschen Privat- und Geschäftskunden. Und zu den Ersten, die sich davon überzeugen lassen sollen, gehören die Kelkheimer. Den kleinen Ort am Fuße des Taunus haben sich die Strategen der Commerzbank neben Dortmund und dem niedersächsischen Einbeck als Testgelände ausgesucht. Hier sollen im Laufe des nächsten Jahres die ersten gemeinsamen Filialen von Commerzbank und Dresdner Bank unter einer gemeinsamen Marke entstehen. Wie die neuen Zweigstellen genau aussehen sollen, an welchem Standort sie mit wie vielen Mitarbeitern eröffnet werden, das wird erst noch entschieden. Aber eines steht schon fest: Die Kelkheimer können sich auf die nahezu ungeteilte Aufmerksamkeit der zweitgrößten deutschen Bank einstellen.

„Pilotfiliale“ in Kelkheim

Denn viel mehr als das Geschäft mit den Privat- und Geschäftskunden kann die neue Commerzbank gar nicht mehr machen. Die EU-Kommission hat der vom Staat mit 18,2 Milliarden Euro unterstützten Bank harte Auflagen gemacht. Bis 2013 muss sie sich von ihrem Eschborner Immobilien- und Staatsfinanzierer Eurohypo trennen, ebenso von der Bad Vilbeler Allianz Dresdner Bauspar AG und einigen anderen Beteiligungen. Neue Zukäufe darf sie in den nächsten drei Jahren nicht tätigen. Die Bilanzsumme soll auf 600 Milliarden Euro gestutzt werden.

In dieser Größenordnung lag die Commerzbank auch schon vor der bislang eher unglückselig verlaufenen Übernahme der Dresdner Bank. Sie ist mithin vom Branchenprimus Deutsche Bank wieder so weit entfernt wie eh und je. Deren Chef Josef Ackermann konnte vor wenigen Wochen schon wieder schwarze Zahlen präsentieren. Im ersten Quartal des Jahres konnte seine Bank so viel verdienen, dass sie 600 Millionen Euro Steuern zahlen kann. Die Commerzbank machte im gleichen Zeitraum einen Verlust von 861 Millionen Euro. Zu den 6500 Stellen, die die Commerzbank bei der Übernahme der Dresdner Bank in Deutschland streicht, kommen nun noch 270 bei der Eurohypo. Der Arbeitsplatzabbau dort soll dazu dienen, die Braut schön zu machen.

Dennoch: Während Ackermann von Politikern gescholten wird, weil er eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent anvisiert, ist Kritik an Blessing weit und breit nicht zu hören. Dass er im Privatkundengeschäft eine Eigenkapitalrendite von 29 Prozent ausweist und eine von mehr als 30 Prozent bis 2012 erreichen will, verklingt ohne Tadel aus Berlin oder sonst woher. Im Gegenteil: Der Aufsichtsrat hat Blessings Position sogar noch aufgewertet, vom Vorstandssprecher zum Vorstandsvorsitzenden. Eigentlich geht es dabei wohl darum, dass der Posten des Vorsitzenden eher dem international bekannten Titel Chief Executive Officer gleichkommt. Doch Blessing fallen dazu eher spaßige Bemerkungen ein. Ein „Titel ohne Mittel“ sei es, der Unterschied bestehe darin, dass er jetzt nur noch vorne auf dem Podium sitzen müsse und die anderen Vorstandsmitglieder auch sprechen dürften, scherzt er.

Bei der Pressekonferenz nutzt sogleich Achim Kassow die Chance, der im Vorstand für die Privat- und Geschäftskunden zuständig ist. Eine der Auflagen der EU lautet, dass die Commerzbank bei bestimmten Produkten nicht bessere Konditionen anbieten darf als die drei aggressivsten Anbieter im Markt. Für die Commerzbank ändere sich durch die Regelung, die verhindern soll, dass sie mit Staatsbeteiligung den Markt verzerrt, nichts, sagt Kassow. Selbst die 50 Euro Startguthaben für Kunden, die ein neues Girokonto eröffnen und die von Konkurrenten immer wieder kritisiert werden, könne die Bank weiterhin anbieten.

Bald dann auch in der „Pilotfiliale“ in Kelkheim. Unter welchem Logo und vor allem mit welchem Namenszusatz sie stehen werde, müsse allerdings noch ausgearbeitet werden, sagt Blessing. „Die Beraterbank“, wie einst von ihm angeregt, werde es wohl nicht. Und auch der einstige Commerzbank-Spruch sei schon verschwunden. Der lautete vor einigen Monaten, also in einem anderen Zeitalter: „Ideen nach vorn“.

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Jahrgang 1982, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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