26.04.2007 · Die gesetzlichen Krankenkassen bieten seit Monatsbeginn Wahltarife an. Diese lohnen sich in der Regel aber nur für Versicherte, die gesund sind und gut verdienen. Ein Wechsel der Kasse ist oft günstiger.
Von Petra KirchhoffDas Thema beschäftigt zur Zeit vor allem Versicherungsmathematiker, bei den Verbrauchern ist noch nicht so richtig angekommen, dass sie ihre Kosten drücken können, indem sie sich für einen der neuen Wahltarife entscheiden. Nach dem Vorbild der privaten Krankenkassen haben vor allem große Versicherer wie AOK, Barmer, DAK, Techniker und Kaufmännische neue Beitragsmodelle im Programm. Die Betriebskrankenkassen, so auch die Taunus BKK, warten ab. Die meisten Angebote gibt es beim sogenannten Selbstbehalt, bei dem sich der Versicherte bereit erklärt, einen Teil seiner Behandlungskosten selbst zu tragen, wofür ihm die Kasse einen Bonus einräumt. Bei anderen Tarifen wie der Beitragserstattung und der Privatpatient-Behandlung halten sich die Kassen zurück - oder tüfteln noch, denn jeder einzelne Tarif muss sich finanziell rechnen und darf nicht quersubventioniert werden.
„Das ist ein Vabanque-Spiel und nützt nur den Gesunden“, meint Andrea Hubloher, Gesundheitsexpertin der Verbraucherzentrale Hessen. Sie fürchtet, dass das System falsche Anreize gibt, nämlich nicht zum Arzt zu gehen. Denn wer sich für Selbstbehalt oder Erstattung entscheidet, geht eine Wette auf seine Gesundheit ein - und dies drei Jahre lang. Denn so lange ist der Versicherte mit Wahltarif an seine Kasse gebunden. Das ist ein großer Schwachpunkt.
Wahlmöglichkeiten sind eingeschränkt
Braucht der Versicherte in einem Jahr kein Rezept und muss nicht ins Krankenhaus, bekommt er Geld von der Kasse zurück - laut Gesetz maximal 600 Euro. Wird er aber krank, zahlt er unter Umständen drauf. Das Zuzahlungsrisiko ergibt sich aus der Differenz zwischen Selbstbehalt und Bonus. Bei der AOK sind dies bei den jeweils höchsten Selbstbehalt-Tarifen im schlimmsten Fall 100 Euro, bei der DAK 334 Euro und bei der Techniker Krankenkasse 360 Euro. Bei einem Wechsel zu einer günstigeren Krankenkasse spart der Versicherte unter Umständen mehr Geld.
Die Wahlmöglichkeiten sind ohnehin eingeschränkt. Viele der Tarife stehen nur Mitgliedern offen, deren Einkommen bei 40.000 Euro im Jahr und darüber liegt. Auch entscheiden einige Kassen nach dem Gesundheitsrisiko. Die Barmer etwa verschickt zur Einschätzung des Gesundheitszustandes einen Fragebogen, der aber, wie ein Berater am Servicetelefon versichert, keine Prüfung „nach dem Gusto der Privatversicherung“ ist. Das Verfahren ist durchaus sinnvoll. Denn wer häufig zum Arzt muss oder chronisch krank ist, hat nichts von Bonusprogrammen. Für ihn bieten sich eher besondere Behandlungsprogramme oder das Hausarztprogramm an - Modelle, die viele Kassen bereits im Portfolio haben, seit dem 1. April jedoch verpflichtend anbieten müssen. Viel Geld ist dabei jedoch nicht zu holen.
„Gesetz sei mit heißer Nadel gestrickt“
Im Einzelfall gilt es, genau nachzufragen. Entscheidend bei Selbstbehalt ist, ob Ehepartner und volljährige Kinder mitgerechnet werden. Deren Behandlungskosten können den Bonus schnell aufzehren. Bei der AOK bleiben die Mitversicherten außen vor. Bei DAK, Techniker und KKH zählen sie dagegen mit. Zu bedenken ist auch: Die Prämie ist oft gestaffelt. In der Regel spendiert die Kasse 600 Euro erst im dritten Vertragsjahr. Umso größer ist das Zuzahlungsrisiko im ersten Jahr.
Das Gesetz sei mit heißer Nadel gestrickt worden, heißt es in der Branche, viele Fragen seien noch nicht geklärt, so auch die, wie Behandlungen im Einzelfall abgerechnet werden. Abwarten, empfehlen daher Verbraucherschützer, zumal viele Kassen noch keine Tarife vorgelegt haben.
Wer wechselwillig ist, den Markt jedoch noch beobachten möchte, kann schon jetzt ohne Risiko seine Mitgliedschaft kündigen. Die Frist beträgt zwei Monate. Wer noch April kündigt, könnte also theoretisch zum 1. Juli wechseln und sich derweil unter der Internetadresse www.krankenkasseninfo.de in null Komma nichts ausrechnen lassen, wieviel sich beim Wechsel zu einer günstigeren Kasse sparen lässt. Mit zwölf Prozent Beitragssatz ist die IKK-Direkt aktuell die billigste Krankenkasse in Deutschland. Wer zum Beispiel 50 000 Euro im Jahr verdient und mit 14,9 Prozent bei der AOK Hessen versichert ist, erfährt dort, dass er 619,92 Euro im Jahr sparen kann. Das ist mehr als der Wahltarif-Bonus- und krank werden darf der Versicherte dabei auch.
Selbstbehalt. Die große Wette. Bei diesem Modell erhält der Versicherte am Jahresende einen Bonus, wenn er keine Arzt- und Krankenhauskosten verursacht. Mit jeder Behandlung wird der Bonus kleiner. Irgendwann ist er bei Null, und irgendwann zahlt man bei diesem Modell sogar drauf. Es gibt aber stets eine Obergrenze. Nicht mitgerechnet werden in der Regel Vorsorge- und Schwangerschaftsuntersuchungen sowie Impfungen. Die Kassen bieten ganz unterschiedliche Tarife an. Entscheidend bei der Tarifwahl ist oft das Einkommen. Im besten Fall kassiert der Patient die volle Prämie (laut Gesetz maximal 600 Euro).
Erstattung. Die kleine Wette. Die Kasse schreibt bis zu einem Monatsbeitrag gut, wenn der Versicherte und seine volljährigen Mitversicherten ein Jahr lang nicht zum Arzt gehen. Im Unterschied zum Selbstbehalt entfällt der Bonus komplett, sobald Kosten anfallen. Dafür gibt es kein Zuzahlungsrisiko.
Kostenerstattung. Gegen einen Beitragssatz-Aufschlag kann sich der Versicherte wie ein Privatpatient gegen Rechnung behandeln lassen. Da der Arzt den 2,3-fachen Satz verlangen kann, die Kasse aber nicht verpflichtet ist, den Betrag voll zu erstatten, sind hohe Zuzahlungen möglich. (hoff.)