27.04.2007 · Seit Anfang April müssen Apotheker ungewöhnlich oft und lange mit erbosten Kunden reden. Weil sie nicht über das jeweils verschriebene Medikament verfügen. Das liegt an den neuen Rabattverträgen von Krankenkassen und Generika-Herstellern.
Von Thorsten WinterSeit Anfang April muss er ungewöhnlich oft und lange mit erbosten Kunden reden. Zwar konnte der Frankfurter Apotheker auch früher schon nicht immer mit genau dem Medikament dienen, das einem Patienten verschrieben worden ist. Doch häufen sich solche Fälle, und zwar aufgrund von Rabattverträgen, die Krankenkassen mit einigen Arzneimittel-Herstellern abgeschlossen haben. Für Apotheker heißt das: Anders als früher können sie nicht mehr einfach ein Produkt irgendeines Herstellers aushändigen, solange der Wirkstoff dem Rezept entspricht. Sie müssen vielmehr beachten, mit welcher Firma eine Kasse einen Rabattvertrag hat - und grundsätzlich deren Produkt über den Tresen reichen; im Fall der AOK sind das etwa Anbieter wie Teva Generics oder Biomo Pharma.
Wenn ein Medikament nicht verfügbar ist, ist im Fachjargon von „Defektquote“ die Rede. Und diesen Begriff führen viele aus der Gesundheitsbranche derzeit im Munde, denn mit Nachschubproblemen kämpft nicht nur dieser eine Frankfurter Apotheker, der nicht genannt werden will.
Gut doppelt soviele „Defekte“ wie sonst üblich
Dem hessischen Apothekerverband liegen diverse Klagen von Mitgliedern über Lieferengpässe bei Pharmagroßhändlern vor, wie Geschäftsführer Jürgen Schneider sagt. Obwohl die Rabattverträge erst seit gut drei Wochen greifen, führt der Verband schon einen ganzen Ordner voller Beispiele von Arzneimitteln und Wirkstoffen, die bis auf weiteres nicht zu haben sind. Bestimmte Ausführungen eines Bluthochdruck-Mittels werden demnach erst wieder im Juni verfügbar sein. Gleiches gilt für einige Packungsgrößen eines Antibiotikums gegen Bronchitis. Gar erst im Juli soll eine Variante eines Medikaments gegen Epilepsie wieder geliefert werden.
Unter diesem Mangel leiden nicht nur Apotheker und Patienten, sondern nicht zuletzt Pharmagroßhändler wie Andreae-Noris Zahn (Anzag). Das börsennotierte Frankfurter Unternehmen verzeichnet derzeit gut doppelt soviele „Defekte“ wie sonst üblich, wie Sprecher Thomas Graf sagt. Ein Beispiel: Am 17. April wollte Anzag 600.000 von Apotheken bestellte Packungen mit Nachahmer-Arzneimitteln (Generika) deutschlandweit ausliefern - 143.000 Stück konnte das Unternehmen aber nicht versenden, weil manche Hersteller nicht mit der Produktion nachkamen. Aus Sicht von Anzag eine missliche Situation, weil der Pharmagroßhandel es als seine Aufgabe ansieht, die Versorgung mit Arzneimitteln zu gewährleisten.
AOK hat Verträge mit kleineren Anbietern
Dabei sieht sich die Nummer drei unter den Pharmagroßhändlern hierzulande nach Phönix und Gehe/Celesio als Opfer. Krankenkassen und Generikahersteller haben Verträge geschlossen, die zu den Lieferengpässen geführt haben und mithin zu Lasten Dritter gehen, wie Anzag-Vorstandschef Thomas Trümper meint, der an der Spitze des Bundesverbands der Pharmagroßhändler in Deutschland steht. „Hätte sie vorher mit uns gesprochen, dann hätten wir uns vorbereiten und bestimmte Medikamente bevorraten können.“ Da Großhändler die Ware von der Herstellern kaufen und somit Eigentümer der Medikamente werden, bevor sie diese an Apotheken weiterreichen, koste der akute Mangel Firmen wie Anzag bares Geld. Dabei gehe der Lieferengpass nur auf das Konto kleiner Generikahersteller.
Solche Produzenten oder Wettbewerber, die zwar international tätig sind, aber in Deutschland bisher auf keinen nennenswerten Marktanteil kamen, hat besonders die AOK als Partner für Rabattverträge gewonnen. Die „Gesundheitskasse“ hat Branchenangaben zufolge mit elf Unternehmen solche Vereinbarungen laufen, darunter der deutschen Tochterfirma von Teva Pharmaceutical Industries, einem der größten Generikahersteller der Welt. Der Ableger des israelischen Konzerns hat in den vergangenen Jahren vergebens versucht, sein Deutschland-Geschäft stark auszubauen, wie es beim Apothekerverband heißt. Der Rabattvertrag mit der AOK solle nun offenbar als Vehikel dienen, doch voranzukommen. Bisher ist Teva nach eigenen Angaben auch erfolgreich: Bei den von der Übereinkunft abgedeckten Wirkstoffen bestellten Apotheken derzeit fünfzehnmal soviel wie früher, teilte das Unternehmen mit. Voll lieferfähig ist Teva aber noch nicht, wie es heißt.
Apotheker das letzte Glied der Kette
Die großen Generikahersteller wie Hexal, Ratiopharm und Stada finden sich dagegen nicht unter den Unternehmen, mit denen die AOK sich auf Rabatte geeinigt hat. Für den Apothekerverband ist dies kein Wunder: „Rabatte bedeuten für den Hersteller eine Minderung der Erlöse.“
Gleichwohl haben Branchengrößen mit Ersatzkassen wie der Barmer und auch mit der Deutschen Angestellten-Krankenkasse ähnliche Verträge geschlossen, wie gestern verlautbart wurde. Letztere setzt dabei gerade nicht auf die Kleinen, weil sie Liefersicherheit gewährleistet sehen will. Dabei hat sie auch die Patienten im Blick, wie ein Sprecher sagte: „Die Leute werden das bekommen, was sie kennen.“
In anderen Fällen müssen Apotheker als letztes Glied der Kette sich Klagen anhören. Wie es beim Verband heißt, haben sie allerdings die Möglichkeit, ein nicht vorrätiges Medikament durch ein Mittel mit dem gleichen Wirkstoff zu ersetzen. Bedingung: Die Alternative muss aus den drei preisgünstigsten gewählt werden. Zudem darf der Arzt nicht ausgeschlossen haben, auf andere Mittel auszuweichen. In solchen Fällen muss der Apotheker beim Arzt anrufen - wenn der Patient soviel Geduld hat.
Lieferfähigkeit AOK - Rabattvertrag
Dirk Alexander Schmidt (d-a-schmidt)
- 27.04.2007, 11:20 Uhr