11.12.2009 · Das Gegenteil von Boykott heißt Carrotmob - zumindest im Internet-Jargon: Beim Carrotmob werden Netz- und Twitter-Nutzer aufgefordert, in einem bestimmten Geschäft einzukaufen, das in umweltfreundliche Technik investiert. Wie zum Beispiel das Reformhaus Andersch im Frankfurter Nordend.
Von Manfred KöhlerNicht jeder kennt das Reformhaus Andersch an der Glauburgstraße im Frankfurter Nordend. Aber das könnte sich nun ändern. Mit einer neuartigen Aktion wird derzeit im Internet und via Twitter für das Einkaufen in dem kleinen Geschäft geworben: Am heutigen Samstag soll es der Ort des ersten Carrotmobs in Frankfurt sein. Das Internetportal Karmakonsum hat dazu aufgerufen, zwischen 10 und 13 Uhr dort einzukaufen – nachdem der Geschäftsinhaber Achim Andersch zugesagt hat, drei Viertel des in diesen drei Stunden erzielten Umsatzes anschließend für neue, sparsame Beleuchtung und für neue, nicht weniger sparsame Elektrogeräte auszugeben. Das wird etwas hochtrabend als „klimafreundliche Modernisierung“ des Geschäfts bezeichnet, aber nur so ist der Aufruf zum Carrotmob zu rechtfertigen.
Vorbild San Francisco
Der Begriff ist noch nicht geläufig in Deutschland. Zum einen (carrot) steht er für einen Esel, der sich mit einer Karotte angeblich überallhin locken lässt, zur anderen (mob) für eine spontane Massenveranstaltung. Tatsächlich soll eine Aktion mit diesem ungewöhnlichen Namen das Gegenteil eines Boykotts sein: Es werden von den Konsumenten nicht etwa jene Unternehmen bestraft, die sich schlecht verhalten, sondern solche belohnt, die Gutes tun.
Den ersten Carrotmob soll es im vergangenen Jahr in San Francisco gegeben haben. In Berlin wurde an einem Oktobertag zum Besuch eines Imbiss-Standes aufgerufen, nachdem der Besitzer versprochen hatte, 45 Prozent des Umsatzes in umweltfreundliche Kühlschränke zu investieren. In München war im Oktober ebenso wie jetzt in Frankfurt ein Lebensmittelgeschäft bereit, den Umsatz bestimmter Stunden für umweltfreundliche Dinge auszugeben. Übermäßig hohe Geldbeträge darf man in solchen kleinen Geschäften natürlich nicht erwarten: Bei dem Berliner Imbiss kamen gerade einmal 1000 Euro zusammen.
„Yeah“
Dafür aber passt der Carrotmob in eine Zeit, in der sich zwar immer weniger Menschen dauerhaft in Organisationen zusammenschließen, aber durchaus bereit sind, sich an einmaligen Aktionen zu beteiligen, die via Internet und Twitter die Runde machen. Zuletzt staunte mancher während des Bundestagswahlkampfes, welche Kräfte sich auf diese Weise kurzzeitig daraus ergeben können: Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sah sich bei mehreren Kundgebungen Leuten gegenüber, die sich verabredet hatten, jeden ihrer Sätze mit einem lautstarken und langgezogenen „Yeah“ zu quittieren.
In Frankfurt machte gestern mit dem Aufruf das Internetportal Karmakonsum auf sich aufmerksam, das sich unter dem Motto „Do good with your money“ mit ökologisch korrektem Einkauf befasst. Als Geschäftsführer, Change Designer & Chief Executive Blogger zeichnet Christoph Harrach, vormals Abteilungsleiter im Öko-Versandhaus Hess-Natur in Butzbach. „Im ersten Halbjahr 2009 besuchten über 150 000 unterschiedliche Nutzer die Webseite und informierten sich über neogrüne Lebensstile, Eco-Marketing und neues Wirtschaften“, heißt es.
Geplante Spontaneität
So spontan ein Carrotmob auch wirken soll, so präzise ist er doch geplant. Harrach merkte gestern an, dass zunächst mehrere Geschäfte gefragt worden seien, wieviel Prozent ihres Umsatzes sie in klimafreundliche Vorhaben stecken würden – Andersch erhielt den Zuschlag, weil niemand mehr als 75 Prozent bot. Und natürlich kauft der Reformhausbesitzer nicht irgendetwas für das Geld, sondern ließ sich von einem Energieberater helfen, und zwar nicht von irgendeinem, sondern jemandem, der zu einer Kampagne mit dem wahnsinnig originellen Titel „Klima sucht Schutz“ des Bundesumweltministeirums zählt.
Nun kann sich Frankfurt zwar keineswegs rühmen, dass in der Stadt der erste Carrotmob der Geschichte über die Bühne geht, aber zumindest ist es der, bei dem soviel geboten wurde wie sonst noch nirgendwo in Deutschland – 75 Prozent des Umsatzes gaben die Unternehmer in Berlin, München und sonstwo mitnichten. Dafür empfiehlt Christoph Harrach, der für seinen Carrotmob in Andersch’ Reformhaus einen Partner gefunden hat, umgekehrt auf Utopia.de wiederum das Geschäft als „Geheimtipp für superfrisches Obst und Gemüse“. Es wäscht halt auch im Internet-Zeitalter eine Hand die andere.