30.07.2009 · Der hessische Einzelhandel sieht sich als Stütze der Konjunktur und glaubt, dass das auch so bleibt – wenn der Arbeitsmarkt nicht einbricht, die Politik nicht Steuern erhöht und Banken Kredite geben.
Von Jochen RemmertIn Zeiten der Krise gibt es auch im hessischen Einzelhandel keinen Grund zu jubeln. Doch die bemerkenswerte Gelassenheit der Konsumenten in Deutschland lässt den Handel hoffen, das Jahr mit im Vergleich zu anderen Branchen geringen Einbußen zu überstehen. Das ist dem zu entnehmen gewesen, was Frank Albrecht, Präsident des Landesverbandes des hessischen Einzelhandels, seine Vorstandskollegen und Hauptgeschäftsführer Michael Kuhlmann soeben in Wiesbaden über die Lage der Branche berichteten.
„Für das erste Halbjahr gehen wir von einem vergleichsweise moderaten Umsatzrückgang im bundesdeutschen Einzelhandel von etwa zwei Prozent aus“, sagte Albrecht. Der hessische Einzelhandel sei aber durch das kaufkraftstarke Rhein-Main-Gebiet in einer günstigeren Situation. Eine Befragung von rund 1000 Händlern gibt Albrecht Grund zu der Annahme, dass der hessische Einzelhandel das Jahr mit einem Minus von höchstens einem Prozent abschließen wird. Die Nachfrage der Hessen nach Konsumgütern sei nach wie vor so robust, dass man den Einzelhandel als die entscheidende Konjunkturstütze betrachten könne.
Bange Blicke auf den Arbeitsmarkt
Blauäugig sind die Einzelhändler deshalb nicht. Sie wissen wohl, dass die weitere Entwicklung ihrer Branche zu einem ganz erheblichen Teil von der Entwicklung des Arbeitsmarktes in der zweiten Jahreshälfte abhängt. Albrecht hofft deshalb, dass sich jene Prognosen, die die Arbeitslosenzahlen alsbald bei fünf Millionen sehen, als zu pessimistisch erweisen. Unstrittig ist derzeit allerdings, dass zumindest ein Teil der zurzeit noch in Kurzarbeit befindlichen Hessen doch noch ihre Stelle verlieren werden, bevor die Konjunktur wieder anzieht und die Auftragsbücher wieder füllt. Deshalb hängt es noch mehr als sonst von der Entwicklung im vierten Quartal und darin vom Verlauf des Weihnachtsgeschäft ab, ob das Jahr 2009 für den hessischen Einzelhandel unter dem Strich ein angesichts der Krise noch gutes Jahr wird oder nicht.
Für den Fall, dass die Politik auf der Suche nach Mehreinnahmen auf die Idee kommen könnte, die Mehrwertsteuer einmal mehr zu erhöhen oder als Variante die ermäßigten Sätze zu streichen, kündigte Albrecht schon einmal massiven Widerstand an: „Wir werden uns erbittert gegen jeden Versuch wehren, die Mehrwertsteuer zu erhöhen“. Hauptgeschäftsführer Kullmann ist sich sicher, dass das in gravierender Weise die Binnennachfrage und damit die Konjunktur belasten würde. Er hält es vielmehr für nötig, den Handel steuerlich zu entlasten.
Dass in der Politik zurzeit nicht laut über Steuererhöhungen nachgedacht wird, ist für Albrecht allerdings kein Grund, Entwarnung zu geben. „Mir ist das im Moment schon fast zu still“. Auch da werde sich erst zum Jahresende, nach der Bundestagswahl im September, zeigen, ob die Ruhe trügerisch gewesen sei.
„Banken machen es uns noch schwerer“
Obwohl Banken und Sparkassen stets beteuern, es gebe keine Kreditklemme für Unternehmen, berichtet nach Angaben des hessischen Einzelhandelsverbands inzwischen ein Viertel der Einzelhandelsunternehmen davon, dass es sehr schwierig sei, überhaupt noch einen Kredit zu bekommen. Die Krise habe die Geldinstitute dazu veranlasst, dem Einzelhandel, der ohnedies schwieriger als andere Branche an Kredite komme, es noch schwerer zu machen, klagte Albrecht.
In einer überwiegend aus kleinen und mittelständischen Unternehmen bestehenden Branche sei aber eine vergleichsweise geringe Eigenkapitalausstattung und ein gleichzeitig hoher Finanzierungsbedarf für Miete, Ausstattung und Warenbestand seit jeher typisch und strukturbedingt.
Wachsende Bürokratie, längere Bearbeitungs- und Entscheidungsfristen der Banken bedeuteten daher schnell das Aus für ein Unternehmen. Die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens sollten Banken daher nicht einfach nach pauschalen Kriterien beurteilen, forderte der Einzelhandelspräsident, sondern sich den einzelnen Fall sorgsam anschauen.