19.10.2009 · Der hessische Maschinenbau wird im laufenden Jahr gut 3000 Arbeitsplätze einbüßen. Das ist, gemessen an den Auftragseinbrüchen, eine überschaubare Zahl. Und trotz der schwachen Nachfrage sieht der Branchenverband keine Entlassungswelle heranrollen.
Von Thorsten WinterSo mancher hessische Maschinenbauer dürfte in diesen Wochen neidisch nach Aßlar in Mittelhessen schauen. Dort sitzt in Gestalt von Pfeiffer Vacuum einer der führenden Pumpenhersteller und lässt wissen: „Es ist nicht so, dass wir die Krise nicht gespürt hätten, wir haben aber genug zu tun.“ Kurzarbeit? Nicht doch. Personalabbau? Fehlanzeige. „Wir brauchen unsere Leute“, lautet die Begründung. Bei dem Unternehmen, das an seinem Stammsitz 525 Mitarbeiter hat und dessen Aktie im Tec-Dax gelistet ist, wird sogar wieder das Wort Leiharbeiter in den Mund genommen.
Viele andere Maschinenbauer kämpfen dagegen. Nach fünf fetten Jahren durchleben die Betriebe auch in Hessen und dem Rhein-Main-Gebiet derzeit eine Durststrecke. Der Datenkranz wirkt gruselig. Die Umsätze lagen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um gut ein Viertel unter dem Vorjahresniveau, im August betrug das Minus immer noch 13 Prozent. Die Aufträge reichen im Durchschnitt knapp fünf Monate aus, um den Betrieb am Laufen zu halten – zu Jahresbeginn war es noch etwa ein Monat mehr gewesen. Die Unternehmen verzeichnen zwischen 20 Prozent und beinahe vier Fünftel weniger Aufträge als vor Jahresfrist. Hersteller von Werkzeug- und Gießereimaschinen sind besonders gebeutelt, während Pumpenproduzenten wie die Pfeiffer Vakuum Technology AG sich noch gut behaupten. Die Produktion liegt in diesem traditionell starken deutschen Wirtschaftszweig im Mittel zu rund 30 Prozent brach; mit Blick auf den langfristigen Vergleich spricht der Branchenverband VDMA von einer Auslastung der Kapazitäten von 86,5 Prozent.
Bisher 2000 Mitarbeiter weniger
Angesichts dessen nimmt sich der bisherige Arbeitsplatzabbau im Maschinenbau in Hessen milde aus. Zuletzt haben die Maschinenbauer in diesem Bundesland 37.700 Mitarbeiter beschäftigt. Im Januar waren es noch fast 2000 mehr gewesen, wie das Statistische Landesamt ermittelt hat. Binnen Jahresfrist sind in dieser Branche in Hessen nach Angaben der Statistiker 6,2 Prozent der Arbeitsplätze verlorengegangen. Diese Zahl bezieht sich allerdings nur auf Betriebe mit 50 Mitarbeitern oder mehr. Durch diese Einschränkung wird dieser Wirtschaftszweig nicht vollständig erfasst: „Der Maschinenbau ist eine der typisch mittelständischen Branchen“, heißt es beim VDMA in Frankfurt. Vier Fünftel der deutschen Mitgliedsbetriebe zählten weniger als 200 Beschäftigte. Gleiches gelte in Hessen, wo es auch Zwei-Mann-Betriebe gebe. So zählte der VDMA zum Jahresende 2008 gut 56 800 Beschäftigte in annähernd 500 Firmen im hessischen Maschinenbau, die zusammen 10,9 Milliarden Euro erlöst hatten, wie ein Sprecher sagt.
Auf dieser Grundlage errechnete sich eine Exportquote von 54,6 Prozent, jedes zweite Produkt wurde mithin ins Ausland verkauft. Auch in dieser Hinsicht lesen sich die Zahlen der Statistiker in Wiesbaden etwas anders: Das Landesamt sprach zuletzt von einer Exportquote von beinahe 61 Prozent. Dies erklärt sich aber daraus, dass größere Unternehmen eher Kunden im Ausland beliefern als kleine Firmen, wie der VDMA bestätigt.
Wieder mehr Orders für Schneidmaschinen
Zu den größeren Unternehmen, die bisher deutlicher unter der Krise gelitten haben, zählen der Druckmaschinenhersteller Manroland aus Offenbach, dessen Aufträge um ein Drittel eingebrochen sind, und die MEC Holding in Schwalbach, deren Tochter Messer Cutting & Welding in Groß-Umstadt Schneidmaschinen fertigt, die etwa im Schiffsbau verwendet werden.
Dagegen leiden die Töchter Castolin Eutectic, die Verschleißschutz für Geräte und Anlagenteile anbietet, und die BIT Analytical Instruments, die medizintechnische Geräte produziert, nicht. Castolin profitiert vom branchenweiten Trend, dass Kunden ältere Maschinen länger laufen lassen und deshalb Service stärker als in den Vorjahren nutzen. BIT hat sogar in Amerika und China expandiert. Und auch bei Messer Cutting & Welding, die Kurzarbeit eingeführt hat, belebt sich das Geschäft wieder, da zuletzt einige größere Aufträge an Land gezogen worden sind, wie eine Sprecherin sagt.
Hoffnung auf zweite Jahreshälfte 2010
Mit Blick auf die weitere Beschäftigung rechnet der VDMA angesichts der Auftragseinbrüche vorerst noch mit einem beschleunigten Stellenabbau und sagt für das Jahresende ein Minus von rund 3000 Arbeitsplätzen voraus. Größere Einschläge bei einzelnen Firmen sind bisher aber ausgeblieben – und eine Entlassungswelle droht nicht, wie es heißt. Denn der Maschinenbau leide tendenziell an einem Fachkräftemangel. „Deshalb bemühen sich die Betriebe, ihre Mitarbeiter zu halten“, sagt ein VDMA-Sprecher. Zumal es immer schwerer werde, passenden Nachwuchs zu finden. Viele Lehrstellen sind unbesetzt. Derzeit kommen im Großraum Frankfurt beinahe drei Ausbildungsplätze auf einen Bewerber, wie es bei der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände heißt. Außerdem rechneten die Maschinenbauer für 2010 mit Umsätzen auf dem Niveau dieses Jahres – wobei die Hoffnung auf eine leichte Belebung in der zweiten Jahreshälfte mitschwinge.
Wie es um den Auftragseingang bei Pfeiffer Vacuum derzeit steht, behält das Unternehmen vorerst für sich. Doch in zwei Wochen wird es sich erklären. Wenn die Börse recht hat, dürfte der Blick in die Zukunft recht ermutigend ausfallen: Die Pfeiffer-Aktie strebt aufwärts.