28.02.2009 · Ohne De-Cix in Frankfurt wäre das Internet ein Feldweg und keine Datenautobahn. Das Unternehmen betreibt den zentralen deutschen Knotenpunkt im Netz, erwartet auch für 2009 eine Verdoppelung des Internetverkehrs und hat gerade die China Telecom als Kunden gewonnen.
Von Thorsten WinterWenn Chinesen nach Deutschland reisen, kommen sie in der Regel auf dem Frankfurter Flughafen an. Wenn die China Telecom mit anderen Betreibern von Telekommunikationsnetzen in Europa Internetverkehr austauscht, nutzt sie fortan einen anderen großen Knotenpunkt in der Stadt am Main: den De-Cix. Das Kürzel steht für die Deutsche Commercial Internet Exchange – eine Vermittlungsstelle, die Netze verbindet.
Für Frank Orlowski ist der neue Kunde ein Zeichen für die wachsende Bedeutung dieser Plattform: „Die Zeiten, in denen Frankfurt nur ein nationaler Knotenpunkt war, sind längst vorbei“, sagt der Marketingchef der Betreibergesellschaft De-Cix Management GmbH, hinter der der Verband der deutschen Internetwirtschaft steht. Nutzen doch inzwischen 300 Unternehmen aus gut 40 Ländern den De-Cix. Zudem bestätigt der asiatische Neuzugang den Ruf der Frankfurter, London längst als führenden Internetknoten ausgestochen zu haben: Hat die Europa-Tochter der China Telecom doch ihren Sitz an der Themse.
Zentrale Lage als Pluspunkt
Der Internetknoten profitiert dabei wie der Frankfurter Flughafen von der zentralen Lage der Stadt in Westeuropa, wie Arnold Nipper sagt, der bei der Betreibergesellschaft als technischer Leiter zeichnet und den Betrieb steuert. Für Netzbetreiber aus Osteuropa, Russland und Asien liegt Frankfurt schlicht näher als die Konkurrenz in Amsterdam und London. Und während der Internetverkehr früher auch mit Asien über Glasfaserkabel im Pazifik, in den Vereinigten Staaten und dem Atlantik lief, bevor er in Europa ankam, hat die China Telecom mit einem Partner eine 12.000 Kilometer lange eigene, doppelte Verbindung von China über Russland nach Westeuropa gebaut. Über den De-Cix haben sich die Chinesen nach eigenen Angaben unter anderem mit Telekom-Unternehmen aus Russland und dem Nahen Osten vernetzt.
Zu den Kunden des Frankfurter Internetknotens zählen etwa die israelische Gesellschaft Beceq, RTL Interactive, die Qatar Telecom, die rumänische Romtelecom oder auch die Telekom Malaysia, die sich im vergangenen Jahr angeschlossen hat. Mit Blick auf die Türkei kommt dem De-Cix nicht nur zupass, näher an dem Land am Bosporus zu liegen als Amsterdam, sondern auch die große türkische Gemeinde in Deutschland und Europa. Vor diesem Hintergrund zählt die Turktelekom nach den Worten von Orlowski zu den großen Kunden des Knotenpunkts.
Auf elf Standorte verteilt
Anders als diese Bezeichnung besagt, befindet sich der De-Cix aber nicht an einem Ort. Vielmehr nutzt die Betreibergesellschaft elf über Frankfurt verteilte Standorte: außer dem größten an der Hanauer Landstraße bei der Interxion GmbH auch einen zweiten im Osten der Stadt sowie je einen im Gutleutviertel und im Gallus, wo das Geschäft mit Osteuropa zusammenläuft. Orlowski spricht angesichts dessen von einer „Netzwolke“ mit Vermittlungsstellen, an die sich die Kunden anschließen.
Und es werden immer mehr. Allein im vergangenen Jahr hat der De-Cix 62 neue Kunden begrüßt. Dies war ein Zuwachs um ein Viertel. Der Umsatz kletterte entsprechend, wie der Marketingchef sagt. Gleichzeitig hat sich der Internetverkehr binnen zwölf Monaten – wie in jedem der zwölf Jahre zuvor – in etwa verdoppelt. Und Orlowski erwartet trotz Wirtschaftskrise keine Bremsspuren. Auch dieses Jahr dürfte sich der Verkehr verdoppeln, der schwer vorstellbare Datenmengen beinhaltet. Derzeit gehen 3900 Terabyte täglich über den De-Cix – das entspricht knapp dem, was 5,57 Millionen CDs oder 830.000 DVDs speichern können, wie er erläutert.
Von Banken unabhängig und schuldenfrei
Um den anhaltenden Ansturm zu bewältigen, ist Hochleistungstechnik nötig, für die es laut Orlowski weltweit nicht einmal eine Handvoll Anbieter gibt. Vor zwei Wochen hat das Unternehmen erst neue Technik eingebaut – und zwar „die größten Boxen, die man kaufen kann“: Geräte im Kleiderschrankformat zum Preis von einer Million Euro. Zwei bis drei Millionen Euro investiert die Betreibergesellschaft im Jahr – mit dem Ziel, den Kunden „Höchstverfügbarkeit“ zu gewährleisten. Dabei ist sie erklärtermaßen von Kreditgebern unabhängig sowie schuldenfrei und verfügt über ein beruhigendes Guthaben.
Die weiteren Wachstumsaussichten beurteilt der technische Leiter Nipper zuversichtlich. „Das Internet hat keine Grenzen“, sagt er, der den De-Cix vor 14 Jahren mit ins Leben rief. Als „theoretische Obergrenze“ nennt er 25.000 Kunden, wobei er ein Wachstum von 20 Prozent im Jahr als Ziel nennt. 1000 Kunden hält er langfristig für möglich. Um weitere Unternehmen für den De-Cix zu gewinnen, reist Orlowski alle paar Wochen ins Ausland – vom Frankfurter Flughafen aus.