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Im Porträt: Michael Grote Die Stimme des Finanzplatzes trägt Dreadlocks

15.10.2008 ·  Die Spitzen der deutschen Banken halten sich derzeit zurück mit Einschätzungen zur Finanzkrise. Wissenschaftler rücken so ins Rampenlicht, besonders gefragt ist der unkonventionelle Michael Grote von der Frankfurt School of Finance.

Von Tim Kanning
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Gut möglich, dass sich einige Studenten in der arabischen Welt denken: „Frankfurt muss echt cool sein, da tragen sogar die Finanzprofessoren Dreadlocks.“ Vorige Woche war ein Fernsehteam von Al Dschazira bei Michael Grote, am Montag war die BBC da, unmittelbar davor der Hessische Rundfunk. Grote ist in den vergangenen Wochen zu einem der Interpretatoren der weltweiten Finanzkrise geworden. Denn während die üblichen Stimmen des Finanzplatzes, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann etwa oder Martin Blessing von der Commerzbank, weitgehend verstummt sind, sind es vor allem die Professoren und Wissenschaftler, die sich zur Finanzkrise äußern.

Grote ist wohl der Schillerndste unter ihnen und passt mit seinem üppigen Vollbart und der Dreadlocks-Mähne bis in die Kniekehlen so gar nicht in das Klischeebild der Finanzwissenschaften An der Frankfurt School of Finance and Management, früher die Hochschule für Bankwirtschaft, lehrt er eigentlich Mergers and Acquisitions und Private Equity, also die Finanzierung von Fusionen und Unternehmensverkäufen. Und so rückte er ins Rampenlicht, als die Commerzbank die Übernahme der Dresdner Bank bekanntgab und bald darauf die Deutsche Bank ihren Einstieg bei der Postbank.

Vom Spezialisten zum Generalisten

Doch in Zeiten der Finanzkrise avancierte er schnell zum Fachmann für alles. Dem Hessischen Rundfunk sollte er Sinn und Unsinn des staatlichen Rettungspakets ausloten, Al Dschazira wollte hören, ob in Deutschland nicht vielleicht auch eine Immobilienblase heranwächst.

So läuft seine Medienkarriere vom Spezialisten zum Generalisten in etwa entgegengesetzt zu seiner akademischen Laufbahn. Grote studierte Volkswirtschaft und Politologie an der Goethe-Universität und analysierte in seiner Dissertation die Entwicklung des Finanzplatzes Frankfurt. Ein wichtiger Aspekt darin war, dass Banken sich in Frankfurt konzentrierten, weil sie häufig miteinander reden müssten, insbesondere wenn es um Fusionen und Übernahmen geht. 2001 organisierte Grote dann ein großes Seminar an der Goethe-Universität zu dem Thema. Ein Beratungsunternehmen war von Grote so überzeugt, dass sie ihm quasi eine Stiftungs-Juniorprofessur an der Goethe-Universität auf den Leib schneiderten, die er im Jahr 2003 antrat. Im gleichen Jahr zeichnete ihn das Stuttgart Institute of Management and Technology bereits als besten Professor des Jahres aus.

Seit April lehrt und forscht der Achtunddreißigjährige an der Frankfurt School und hat hier gleich als erstes das Insitute for Private Equity and M&A ins Leben gerufen. Zusammen mit sechs anderen Professoren will Grote darin die Forschung rund um Firmenkäufe bündeln. An der Fachrichtung fasziniert Grote vor allem die Vielseitigkeit. Finanzierung, Recht, Psychologie – die Übernahme eines Unternehmens vereine so viele Disziplinen, schwärmt er. Aktuell erforscht er zusammen mit einem Doktoranden und einem Wissenschaftler der Bundesbank die Bedeutung europäischer Landesgrenzen für Übernahmen. „Dazu nudeln wir große Datenbanken durch und untersuchen tausende Deals“, erzählt er und die Leidenschaft für sein Metier blitzt in seinen Augen.

Einst Bote für Händler der Deutschen Bank

Schon in der Schulzeit hatten ihn die internationalen Kapitalmärkte in ihren Bann gezogen. Während andere ihre Ferien im Freibad verbrachten, jobbte Grote mit sechzehn Jahren auf dem Parkett der Frankfurter Börse. Damals, als dort noch richtig gehandelt, geschwitzt und geschrieen wurde, lief er als Bote für die Händler der Deutschen Bank durch die Gänge, holte die Orders aus dem Drucker und brachte sie den Händlern. „Da musste man noch aufpassen, dass man nicht zum falschen Zeitpunkt die Hand hob, sonst hatte man 10.000 VW-Aktien gekauft“, scherzt er.

Ungefähr zu dieser Zeit muss er angefangen haben, seine Haare wachsen zu lassen, „das war eher zufällig“. Irgendwann sei die Mähne dann zu seinem Markenzeichen geworden und inzwischen sehe er keinen Grund mehr, sein Aussehen zu ändern. Viele Gesprächspartner guckten zwar erstmal kurz befremdet. „Die merken dann aber schnell: der redet ja ganz normal und fordert gar nicht die Verstaatlichung der Banken.“ Im Gegenteil: Dass der Staat nun zur Rettung der Banken einspringen muss, bezeichnet der Wissenschaftler als „ordnungspolitische Kröte, die man nunmal schlucken muss“.

Interview-Anfragen schmeicheln ihm

Dass er gerade mehr Interviewpartner als Forscher ist, findet Grote für den Moment in Ordnung. Das große Interesse schmeichle ihm natürlich auch. „Wissenschaft heißt schließlich, dass man Wissen schafft, und das geht entweder, indem ich neues Wissen erforsche oder vorhandenes weitergebe“, sagt Grote. Und solange er nicht nur noch weitergebe, sondern auch irgendwann wieder zum Forschen komme, sei der Medienrummel schon in Ordnung.

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Jahrgang 1982, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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