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Im Hunsrück braucht Erfolg keinen Marmorboden

 ·  - Der Flughafen Hahn muß so genauso billig sein wie Ryanair

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Das Gesicht steckt noch halb in der dicken Kaputze des gelben Schlafsacks. "Mußt Du bringen, wenn Du billig fliegen willst", raunzt der junge Mann, blinzelt kurz unter einem dichten filzigen Pilz aus schwarzen Haaren hervor und vergräbt die andere Hälfte seines Gesichts gleich wieder im Schlafsack. Warum er hier auf dem grauen Fußboden liegt, in einer Nische zwischen Ticketschaltern, Boutique und Bäckerei, mitten im Terminal des Flughafen Frankfurt-Hahn, deutet er nur an. "Wenn's billig sein soll, mußt du früh da sein", murmelt er, dann siegt der Schlaf. Es ist früher Nachmittag, draußen auf dem Vorfeld stehen zwei Boeing 737 der irischen Billigfluglinie Ryanair, eine davon entläßt gerade ihre Passagiere. Im Gänsemarsch die Gangway runter, übers Vorfeld und hinein ins Terminal. Die Menge ist bunt gemischt, eine Gruppe junger Leute - vielleicht Abiturienten - mit Ruck- und Schlafsack, der Müde vom Terminalfußboden könnte dazugehören. Dahinter ein Paar Hand in Hand, gebräunt und etwas zu leicht gekleidet für "den Hahn" im Herbst, davor drei Männer gestenreich diskutierend. Schwarzer Gehrock, Hut und lange Locken an den Schläfen weisen sie als orthodoxe Juden aus. Der Anteil der Geschäftsreisenden liegt am Flughafen Hahn inzwischen bei 20, der der Rucksackreisenden bei 16 Prozent. Den Rest stellen Menschen mit durchschnittlichem bis gutem Verdienst, die gerne günstig reisen, wie es heißt.

Ohne die Low-cost-Fluggesellschaft mit ihrem Chef Michael O'Leary, der bei öffentlichen Auftritten den Mund gerne voll und die Füße nur ungerne vom Tisch nimmt, hätte es auf dem ehemaligen amerikanischen Militärflughafen nicht diese Entwicklung gegeben, die vom Betreiber als "Erfolgsstory" beschrieben wird. Die Zauberformel dieser Geschichte - der schwarze Filzpilz hat sie verraten - lautet "billig fliegen". Und die hat sich auch der Flughafenbetreiber, die Flughafen Frankfurt-Hahn GmbH zu eigen gemacht. Edle Fußböden und technisch ausgeklügelte Andockfinger, wie sie beispielsweise die vornehme Mutter Fraport AG in Frankfurt hat - alles nicht nötig. Wenn's ums Sparen geht, tun es Beton statt Marmor und die stählerne Treppe auf Rollen auch, heißt es im Hunsrück.

Auf diese Weise hat die Betreibergesellschaft in der ersten Baustufe des Terminals 17 Millionen Euro investiert, um eine Kapazität von bis zu fünf Millionen Passagieren jährlich zu erreichen. Im Bundesdurchschnitt würden etwa 100 Millionen Euro investiert, um an ein solches Fassungsvermögen zu kommen, heißt es stolz bei der Betreibergesellschaft, die zu 65 Prozent in der Hand der Fraport ist. Je 17,5 Prozent der Anteile gehören den Bundesländern Hessen und Rheinland-Pfalz. Inzwischen liegt die Kapazität des Hunsrückflughafens - nach der Verbindung des ersten Terminals mit dem zweiten - bei mehr als sechs Millionen Passagieren im Jahr, die Gesamtinvestitionen betrugen bisher 21 Millionen Euro. Damit dürfte die Kapazität für eine Weile reichen, selbst wenn die Zahl der Fluggäste weiter so steigt wie in der ersten Hälfte dieses Jahres, nämlich um 13 Prozent. Am Jahresende sollen es den Plänen nach 3,5 Millionen Fluggäste gewesen sein. Ursprünglich waren sogar 3,8 Millonen prognostiziert.

Tatsächlich meint der via Autobahn und Bundesstraßen über weites, dünnbesiedeltes Land auf den Hunsrück Gekommene noch immer etwas von einer Goldgräberstimmung zu spüren. Hier die einen, die auf der Suche nach dem billigen Flug auch den langen Weg in die Abgeschiedenheit dieses Landstricks nicht scheuen. Und dort die anderen, die hoffen, an denen Geld zu verdienen, die beim Fliegen sparen wollen. Beide Motive wirken offenbar wie Dünger im Garten. Der Flughafen wächst unentwegt. Noch eine neue Straße, gegenüber Terminal 2 der Rohbau eines neuen Bürohauses - alles schon vermietet, wie Flughafenchef Jörg Schumacher stolz bemerkt - allenthalben neue Hinweisschilder auf Lokale, Dienstleister, Autovermietungen.

Keine Goldgräberei ohne Amüsement, auch nicht auf dem Flughafen Frankfurt-Hahn. Im ersten Stock, zwischen Cafe und Billardsalon, kurz vor der Besucherterrasse, findet sich ein Erotik-Shop - hinter rotem Glas, undurchsichtig. Nein, ein Low-Cost-Etablissement sei das nicht, sagt die Mitarbeiterin - obwohl man selbstverständlich auch Schnäppchen im Angebot habe.

Gleich vis-a-vis vom Erotik-Shop Jesus Christus - in Öl. Der Blick nachsichtig. Das Bild hängt nicht als Mahnung nebenan, sondern ist zu kaufen. Für 2000 Euro mit Rahmen kein ausgesprochnes Low-cost-Angebot. Gemalt aber auch nicht von irgendwem, sondern von einer Marinemalerin. Kunst in Kassel, später in Berlin studiert, dann bei der U-Bootflottille in Kiel und Eckernförde als Malerin gearbeitet, notiert die ausliegende Vita. Später dann "Projektarbeit mit der palästinensischen Marine". Von deren Existenz zu erfahren, überrascht noch weit mehr als die Ausstellung selbst. Richtig billig auch nicht das Bild des Segelschulschiffes Gorch Fock (1600 Euro). Low-cost schon eher Arthur, der chinesische Faltenhund, ebenfalls in Öl, 500 Euro.

Nebenan auf der Besucherterrasse reger Betrieb - Kaffeefahrt zum Flugzeugegucken offenbar. Zwischendrin zwei junge Männer, die mehr als andere über das Bescheid wissen, was sich auf dem Vorfeld abspielt. Es sind die beiden ersten "Plane-Spotter" - Flugzeugbeobachter - des Flughafens. Der eine von ihnen, der Mittzwanziger Jörg Thomas, hat auch schon ausgiebig Erfahrungen mit dem Fliegen für 10 oder 20 Euro: "Ich bin schon 13 oder 14 Mal mit Ryanair geflogen und habe nie mehr als 40 Euro für Hin- und Rückflug gezahlt", sagt er. Andernfalls hätte er sicher nicht "mal eben" nachsehen können, wie schief der schiefe Turm von Pisa nun wirklich ist. Damit das so billig funktioniere, müsse man aber seine Urlaubstage sehr flexibel verschieben können, berichtet er.

Frederic Neeb, Abiturient und nach eigenem Bekunden der erste "Plane-Spotter" auf "dem Hahn" überhaupt, wohnt ebenfalls ganz in der Nähe. Das Fluggeschäft soll zu seinem Beruf werden, Luftfahrtmanagement will er studieren. Stolz zeigt er die Spotter-Beute, Fotos von Flugzeugen, die ihm auf dem Flughafen bislang vor die Kamera gekommen sind, darunter auch Frachtmaschinen.

Eine solche ist gerade auch im Original auf dem Vorfeld zu sehen, eine DC 10 der russischen Fluggesellschaft Aeroflot. Die Frachthalle gleich neben dem Standplatz der DC 10 gehört der Air France, die ihr Frachtgeschäft ebenfalls auf dem Hunsrück abwickelt - genau wie die British Airways World Cargo. Die Frachtflieger sind bei der Betreibergesellschaft gerne gesehen, weil sie die Abhängigkeit von Ryanair reduzieren helfen. Und das funktioniert offenbar, denn inzwischen entfällt gut ein Viertel der Flüge auf den Frachtsektor. Das liegt nicht zuletzt am 24 Stunden-Betrieb.

Nicht alle Nachbarn nehmen das klaglos hin, sagt Siegward Bongard, Ortsbürgermeister von Lautzenhausen. Das Örtchen mit knapp 400 Einwohnern liegt direkt vor den Toren des Flughafens. Gegner und Befürworter hätten jeweils einen Verein gegründet. Das seien aber kleine Gruppen. Das Gros der Bewohner wäge ab zwischen den Vorteilen für den Arbeitsmarkt in der Region und der Belastung durch Flug- und Straßenlärm. "Ganz überwiegende Akzeptanz", resümiert Bongard.

Wie sehr die Fliegerei die Region nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Höhe der Zeit gebracht hat, ist auch in der Chronik des noch kleineren Örtchens Hahn nachzulesen, das vom Flughafenbesucher aus gesehen jenseits der Terminals und der Piste liegt. Dort ist vermerkt, daß der Flugplatz noch vor der ersten elektrische Melkmaschine der Gegend den Betrieb aufnahm. Die Flieger kamen 1951, die technische Revolution im Kuhstall erst ein Jahr später. JOCHEN REMMERT

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